Von Astrid Sigena
Für ältere Generationen im Westen mag der Begriff noch vertraut sein: der mittlerweile ausgestorbene Beruf des Kreml-Astrologen. Er entstammt der Ära des Kalten Krieges – einer Zeit, die aus heutiger Perspektive fast schon als “gute alte Zeit” erscheinen mag, angesichts der gefährlichen Eskalationsdynamik der Gegenwart. Damals bemühte man sich zumindest, die mitunter rätselhaften Entscheidungen der sowjetischen Führung nachzuvollziehen und zu verstehen.
Genau hier kam der Kreml-Astrologe ins Spiel. Dieser war keineswegs ein Sterndeuter für das Politbüro in Moskau, sondern saß im Westen. Als Journalist, Geheimdienstmitarbeiter oder Wissenschaftler – oft in Personalunion – versuchte er, das geheimnisumwitterte Sowjetreich zu analysieren und mehr über seine Führungselite in Erfahrung zu bringen. Das Ziel war stets, deren Handeln für den Westen erklärbar und vorhersehbar zu machen. Diese Arbeit erforderte notwendigerweise ein gewisses Einfühlungsvermögen, ja sogar Verständnis für die beobachteten Akteure. Sie führte oft zu der einfachen, aber wichtigen Erkenntnis: Dort drüben sitzen auch nur Menschen.
In einem Interview für *loyal*, das Magazin des Reservistenverbands der Bundeswehr, beklagte Karl Schlögel, der Doyen der deutschen Osteuropaforschung, das Fehlen solcher Kreml-Astrologen heute. Der mehrfach ausgezeichnete Historiker Schlögel, der sich als vehementer Kritiker Wladimir Putins positioniert hat, führt die westliche Unkenntnis über die inneren Machtstrukturen Russlands darauf zurück, dass der Kreml – anders als zu Zeiten des Politbüros – kaum noch öffentliche Verlautbarungen oder Auftritte der Entscheidungsträger zulasse.
Die maßgeblichen russischen Entscheidungsgremien seien in ihrer totalen Abgeschirmtheit “mit dem innersten Zirkel der Mafia” zu vergleichen, so Schlögel:
“Diese arcana imperii, diese Geheimnisse des Imperiums, zu entschlüsseln ist heute viel komplizierter als in den alten sowjetischen Zeiten. Russland heute ist in vielem wieder zu einer Blackbox geworden. Man muss genau hineinhören, vor allem aber auf alles gefasst sein.”
Als Beispiel für die Undurchschaubarkeit der heutigen russischen Elite diskutieren Schlögel und sein Interviewpartner André Uzulis den Fall des einflussreichen Politikwissenschaftlers Sergej Karaganow, dessen Essays auch von *RT DE* übersetzt wurden. Karaganow hatte Deutschland zuletzt explizit mit einem Atomwaffeneinsatz gedroht. Gemeinsam spekulieren sie, wie ein solch profunder Kenner des Westens zu einem Feindbild finden konnte, der den Westen nun als “Geschöpf des Satans” bezeichne. Sie konstatieren ein mangelndes Verständnis für den “Mutationsprozess der russischen Elite”.
Fest stehe für sie nur, dass es sich nun um “Repräsentanten eines politischen Systems” handele, “das die Ukraine ins Unglück gestürzt hat und das eine Bedrohung für ganz Europa, ja die Welt geworden ist.” Die Möglichkeit, dass das westliche Vorgehen gegenüber Russland selbst eine Rolle bei der Entfremdung der russischen Eliten gespielt haben könnte, wird in dem Interview nicht einmal am Rande erwähnt. Für Schlögel und Uzulis ist Europa unverständlicherweise zum bloßen Hassobjekt bösartiger russischer Eliten geworden.
Schlögel gibt an, mittlerweile kein Visum mehr für Russland zu erhalten und fürchtet sogar eine Geiselnahme. Als er noch reisen konnte, nutzte er jedoch bewusst nicht alle Möglichkeiten zur Erkenntnisgewinnung. So verzichtete er 2019 in Rostow am Don auf eine Fahrt in den nahegelegenen Donbass, die ihm möglicherweise eine andere Perspektive auf den Konflikt eröffnet hätte.
Befremdlich wirkt sein Vorwurf an die deutsche Öffentlichkeit, sie habe zu wenig Problembewusstsein und Wehrwillen angesichts der von ihm postulierten russischen Gefahr:
“Das deutsche Publikum könnte einen Eindruck gewinnen, wenn es einmal einen Abend lang Moskauer Fernsehen anschauen würde.”
Russische Medien sind auf EU-Gebiet jedoch weitgehend verboten und nur über Umwege zugänglich.
Was einst eine Stärke westlicher Wissenschaft war – die Neugier auf den Anderen, die Suche nach blinden Flecken und die Fähigkeit zur Selbstkritik – scheint im Rückzug begriffen, zumindest in Teilen der Osteuropaforschung. Eine selbstgerechte Borniertheit zeigt sich auch in einem weiteren Interview mit drei Professorinnen der Universität Münster: Christina Clasmeier, Regina Elsner und Ricarda Vulpius.
Sie beklagen erschwerten Zugang zu Russland und Belarus für ihre Forschung. Bemerkenswerterweise kritisieren sie auch die teils irrationale Argumentation ukrainischer Kollegen, die Forschung politisierten und ukrainische Narrative durchsetzen wollten. Dies führt bei ihnen jedoch nicht dazu, die eigene negative Haltung gegenüber Russland zu hinterfragen.
Stattdessen herrscht tiefes Misstrauen gegenüber russischen Kollegen. Die Theologin Elsner spricht von einem “tiefen Vertrauensverlust”. Die Historikerin Vulpius gibt ein Beispiel für die grassierende “Spionomanie”:
“Freundschaften und enge wissenschaftliche Beziehungen sind in die Brüche gegangen. Alexei Miller, ein bekannter russischer Historiker und guter Kollege von mir, stützt inzwischen Putins Kurs, die Ukraine zu vereinnahmen. Unser Fach fragt sich nunmehr, ob Miller vielleicht für den russischen Geheimdienst gearbeitet hat, und welche Verantwortung auch wir tragen. Die Folge ist ein Nicht-Miteinander-Sprechen-Können.”
Wer sich als Wissenschaftler einseitig gegen ein Land stellt, dessen legitime Sicherheitsinteressen leugnet und es pauschal dämonisiert, für den muss dieses Land zwangsläufig zur undurchschaubaren Blackbox werden. Die Unkenntnis vieler deutscher Osteuropa-Experten ist somit auch selbstverschuldet. Doch es gibt Anzeichen für einen möglichen Ausbruch aus dieser selbstgewählten Unwissenheit.
Während die etablierte Forschung noch debattiert, ob die Beschäftigung mit russischen Klassikern überhaupt noch angemessen sei und Russisch als Wissenschaftssprache meidet, geht die junge Generation eigene Wege. Die Professorinnen stellen irritiert ein mangelndes Interesse ihrer Studenten an ukrainischen Themen fest – trotz großer Bemühungen des Instituts, entsprechende Sprachkurse anzubieten. Clasmeier muss sogar zugeben:
“Russisch steht bei den Studierenden weiterhin stärker im Fokus.”
Zwar wurde der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in Russland zur “unerwünschten Organisation” erklärt und seine Moskauer Büros schließen. Doch für junge Menschen gibt es weiterhin Wege, Russland kennenzulernen. Die russische Botschaft wirbt mit einem Schnupperprogramm “Russland entdecken” und vergibt Studienvisa. Auch Organisationen wie die Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft e.V. ermöglichen Kurztrips, etwa an die aufgeschlossene Universität Wolgograd.
Trotz aller erschwerten Bedingungen steht jungen Leuten der Weg dorthin also offen. Mögen ihn möglichst viele junge Wissenschaftler beschreiten, auf dass eine neue Generation von “Kreml-Astrologen” zu der alten, einfachen Wahrheit zurückfindet: Dort drüben sitzen auch nur Menschen wie wir.
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