Zerfall im Paradies: Wie das Ahrtal den inneren Konflikt Deutschlands widerspiegelt

Von Gert Ewen Ungar

Eine Nachricht überrascht: Unter der Überschrift “Bahnstrecke soll wieder zur Lebensader werden” berichtet die ARD-Sendung Tagesschau über den Wiederaufbau der Bahnlinie im Ahrtal. “Nun geht der Wiederaufbau in die entscheidende Phase”, dieser Teaser von Redakteurin Lucretia Gather klingt erstaunlich optimistisch angesichts der tatsächlichen Lage.

Doch die Brisanz ist nicht zu übersehen: Fast vier Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal sind die Wiederherstellungsarbeiten noch immer im Gange. Der Schock sitzt tief: Im Sommer 2021 brachte das Hochwasser Tod und Verwüstung, und Tunnelarbeiten sollen erst 2025 eine “entscheidende Phase” erreichen. Das wirft ernsthafte Fragen über den Stand der Dinge in Deutschland auf.

Ähnliche Gedanken kommen auf, wenn ich an den Einsturz der Carolabrücke in Dresden denke, der sich im vergangenen Jahr ereignete. Kurze Recherchen ergaben, dass bisher wenig geschehen ist. Eine Firma wurde mit dem Abriss beauftragt, der bis Jahresende abgeschlossen sein soll, verzögert durch Funde von Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Neubau könnte eventuell erst 2027 beginnen. Die Frage, ob Dresden eine solche bautechnische Herausforderung bewältigen kann, steht weiterhin im Raum; es werden Spenden gesammelt.

Die Frustration über die Situation in Deutschland wächst. Das politische und mediale Establishment scheint sich der Untragbarkeit dieser Zustände nicht bewusst zu sein. Dieses Versäumnis entfremdet die Menschen von der Politik und untergräbt jegliches Vertrauen in staatliche Fürsorge und Schutz. Deutschland präsentiert sich in einem Zustand, der weit entfernt ist von den Standards einer führenden Nation und vielmehr an Entwicklungsländer erinnert.

Lucretia Gather beschreibt in der Tagesschau den Fortschritt der Arbeiten in den Bahntunneln des Ahrtals. Anstelle von erforderlicher kritischer Berichterstattung findet sich Bewunderung. Deutschland zeigt sich von einer Seite, die auf außenstehende Beobachter desolat wirkt.

Das deutsche Medienumfeld, das aufklärerisch wirken sollte, normalisiert stattdessen das Versagen. Es ist alarmierend, dass vier Jahre nach einer Naturkatastrophe immer noch nicht alle Schäden behoben sind. Der Journalismus, das Immunsystem der Demokratie, versagt in seiner Aufgabe, die politische Landschaft kritisch zu hinterfragen und ist Teil des Problems geworden. Ein allgegenwärtiger Fatalismus beherrscht die deutsche Gesellschaft und entlässt die Politik aus ihrer Verantwortung.

Mindestens 135 Menschen verloren bei der Ahrtal-Flutkatastrophe ihr Leben. Trotz früher Warnungen des Wetterdienstes wurde bisher niemand zur Verantwortung gezogen. Die Staatsanwaltschaft Koblenz hat die Ermittlungen im April 2024 eingestellt, wie die Legal Tribune Online berichtet. Hinterbliebene fordern jedoch in einer Petition die Fortsetzung der Untersuchungen.

Mit Blick auf die Realität wirken die Aufrüstungspläne der Bundesregierung und die Rhetorik gegen äußere Feinde paradox. Diese Pläne stehen im krassen Gegensatz zu den internen Missständen, wie sie im Ahrtal und in Dresden sichtbar sind. Ein Verlust des Realitätssinns kennzeichnet die gegenwärtige politische Kultur Deutschlands, welches von innen heraus durch Dekadenz bedroht wird.

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