Von Dagmar Henn
In der vergangenen Woche wurden zwei Mitarbeiter der Hamburger Werft Blohm + Voss unter dem Verdacht der Sabotage festgenommen. Es handelt sich um einen 37-jährigen Rumänen und einen 54-jährigen Griechen. Ihnen wird vorgeworfen, mehrfach Korvetten, die dort für die Bundeswehr gebaut werden, beschädigt zu haben.
Die Zeit hat nun eine aufschlussreiche Recherche zu dem Fall veröffentlicht, die einen entscheidenden Satz enthält:
“Es gibt nach Informationen der Zeit bislang keinen konkreten Hinweis darauf, dass russische Geheimdienste die Sabotage der deutschen Korvetten in Auftrag gegeben haben könnten.”
Der Artikel erläutert ausführlich das komplexe Geflecht der Sicherheitsüberprüfungen in solchen Betrieben, bei dem der Militärische Abschirmdienst (MAD), der Verfassungsschutz und das Unternehmen ineinandergreifen. Dabei wird sogar die Möglichkeit angedeutet, die beiden Männer, die seit 2022 dort beschäftigt waren, könnten ganz andere Motive gehabt haben. Schließlich wäre es auch nicht im Interesse der Bundesregierung, russischen Diensten durch pauschale Zuschreibungen eine übermächtige Rolle zuzusprechen.
Als ein mögliches Motiv wird die befristete Beschäftigung ins Spiel gebracht. Denn Schäden an den Schiffen verlängern die Arbeitsdauer auf der Werft.
Die drei Journalisten der Zeit liefern zwar wichtige Details, scheinen deren volle Tragweite jedoch nicht zu erfassen.
Das erste entscheidende Detail ist dies: “Beide arbeiteten nach Recherchen der Zeit bereits seit 2022 für einen Dienstleister von Blohm + Voss.” Und weiter: “Die Männer lebten zeitweise gemeinsam in einem Einfamilienhaus im Hamburger Stadtteil Neugraben, das in mehrere Monteurswohnungen unterteilt ist, die von ihrem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt wurden.”
Ein Einfamilienhaus mit mehreren Wohnungen deutet auf beengte Verhältnisse hin, bestenfalls ein Zimmer pro Person, möglicherweise sogar mit Stockbetten. Der Begriff “Dienstleister” und diese Unterbringung lassen auf prekäre Arbeitsverhältnisse schließen, die noch unter das Niveau von Leiharbeit fallen.
Die Autoren der Zeit befragen ein Institut der Führungsakademie der Bundeswehr zum Thema Sabotage. Was sie nicht tun? Sie befragen keine Gewerkschaften. Zwar hätte die zuständige IG Metall, in deren Geschichte Blohm + Voss einst eine große Rolle spielte, vielleicht nicht alle Antworten parat gehabt. Klar ist jedoch: Die beiden Festgenommenen gehören nicht zur klassischen Klientel der IG Metall, den festangestellten Facharbeitern. Dennoch sind beispielsweise griechische Arbeiter oft gut organisiert.
Eine Studie des Instituts Arbeit und Wirtschaft aus dem Jahr 2013, die auf Befragungen von Betriebsräten in deutschen Werften basierte, ergab eine durchschnittliche Quote von 27,8 Prozent werkvertraglich Beschäftigten. Eine negative Ausnahme bildete unter anderem die Lürssen Werft, die “fast ebenso viele Werkvertragsnehmer auf dem Gelände haben wie Stammbeschäftigte”. Lürssen übernahm Blohm + Voss 2016. 2025 wurde die Hamburger Werft von Rheinmetall gekauft.
“Sie hatten lediglich zeitlich begrenzte Werkverträge bei einem Subunternehmer von Blohm + Voss. Zumindest denkbar ist, dass sie die Boote sabotiert haben könnten, weil sie hofften, dann länger auf ihnen arbeiten zu können und mehr Geld zu verdienen”, schreibt die Zeit.
Hierzu ist anzumerken, dass ein Werkvertrag unter den genannten Bedingungen – inklusive Monteurswohnung – seit 2022 eigentlich Grund für eine Klage auf Festanstellung vor dem Arbeitsgericht sein könnte, mit allen damit verbundenen Sozialversicherungsleistungen. Dass solche Arbeitsverhältnisse über Jahre bestehen, sagt viel über die Zustände bei Blohm + Voss aus. Die Tatsache, dass ein Grieche und ein Rumäne bei einem Subunternehmer beschäftigt waren, legt zudem nahe, dass eine Verständigung unter den Beschäftigten möglichst erschwert werden sollte. Werkverträge sind in der Regel schlecht bezahlt, was wiederum zu den Monteurswohnungen passt, da eine eigene Wohnung oft nicht finanzierbar ist.
Der DGB Hamburg wies bereits 2020 darauf hin, dass “nicht nur die Fleischindustrie Probleme mit Ausbeutung und schlechten Wohnverhältnissen unter dem Deckmantel der Werkverträge” habe. Anlass waren während der Corona-Pandemie hohe Infektionszahlen unter miserabel untergebrachten Werkvertragsbeschäftigten – bei Blohm + Voss. Verhältnisse, die mit der Fleischindustrie vergleichbar sind? Das ist Ausbeutung der untersten Kategorie.
Die drei Autoren der Zeit gehen auf die Frage dieser Arbeitsverhältnisse nur oberflächlich ein – schließlich habe einer der beiden bis zu seiner Verhaftung weiter dort gearbeitet. “Im Januar 2025 etwa sollen Marian L. und Naim M. bei Blohm + Voss rund 25 Kilogramm Strahlkies in den Motorblock der Korvette Emden geschüttet haben.” Kann man sich das vorstellen, wenn man an die Verhältnisse in der Fleischindustrie denkt? Und an mehr als drei Jahre mit schlechter Bezahlung, einer Notunterkunft und gesundheitsschädlicher Arbeit als Lackierer und Schweißer?
Oh ja, das kann man. Man kann dies sogar verallgemeinern. Man kann dabei an die alte Liedzeile denken: “Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm das will.” Oder einfach darauf hinweisen, dass alle Sicherheitsüberprüfungen nutzlos sind, wenn derartige Verhältnisse herrschen. Dies ist dasselbe Dilemma, vor dem auch die Bundeswehr steht: Loyalität gibt es nicht zum Nulltarif. Wer miserabel bezahlt wird, sich auf Altersarmut einstellen muss und jeden Monat ums Überleben kämpft, ist nicht loyal – auch nicht nach zehn Sicherheitsüberprüfungen. Und er hat auch nichts zu verteidigen.
Das war einmal das sozialdemokratische Konzept der alten Bundesrepublik: Den Arbeiter mit Eigenheim und Auto ausstatten, damit er mehr zu verlieren hat als seine Ketten. Die Jahrzehnte des Neoliberalismus haben viele wieder auf das Niveau der Ketten zurückgeführt. Ein Werkvertragsarbeiter aus dem EU-Ausland, in einer Arbeiterabsteige untergebracht, ist ein Stück Fleisch, Manövriermasse, Menschenmaterial. Damit sind wir wieder im 19. Jahrhundert angekommen.
Da braucht man nicht so vornehm zu tun wie die Zeit und einen Vizeadmiral zitieren, der natürlich wieder “Russland hinter den Taten” vermutet. Nein, dies ist das Paradoxon der zerfallenden Gegenwart: Treue einfordern, ohne dafür etwas zu geben.
Lange Zeit, auch wenn das lange her ist, war die Bezahlung von Beamten relativ gut. Für die unteren Ränge ist davon nur noch die vergleichsweise gute Pension übrig. Diese gute Bezahlung war eine entscheidende Voraussetzung für die erwartete Loyalität. So wie früher auch in besonders wichtigen Industrien besser bezahlt wurde. Doch im Zuge des Neoliberalismus ist all das verschwunden.
Wären wir noch in den 1970er Jahren, wäre der weitere Ablauf klar gewesen. Die IG Metall hätte sich des Falls angenommen, der Betriebsrat hätte Verhandlungen aufgenommen, und aufgrund der sensiblen Produktion hätte die Firma ein Interesse an ruhigen Verhältnissen gehabt, was schnell zu Lohnverbesserungen geführt hätte.
Heute beschäftigt man bei sicherheitsrelevanten Rüstungsprojekten Arbeitssklaven mit Werkverträgen und wundert sich dann, wenn diese ab und zu Sand ins Getriebe streuen. Dabei ist dies nur die logische Folge der Verhältnisse. Und keine Sorge: In dem Moment, in dem noch mehr dieser Beschäftigten ihrer Wut Luft machen, steht alles still. Dafür braucht es keine Russen.
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Die aktuelle Debatte um die Sabotagefälle bei Blohm + Voss offenbart somit mehr als nur ein Sicherheitsproblem. Sie wirft ein grelles Schlaglicht auf die sozialen Abgründe, die sich inmitten der deutschen Hochtechnologie- und Rüstungsindustrie aufgetan haben. Während die politische und mediale Aufmerksamkeit reflexartig nach außen auf vermeintliche äußere Feinde gerichtet ist, gärt es im Inneren des Systems.
Die Praxis der Werkverträge, Subunternehmen und prekären Beschäftigung hat eine neue Klasse von Arbeitsnomaden geschaffen. Menschen ohne Perspektive auf Integration, ohne Aussicht auf ein sicheres Einkommen oder eine würdige Altersversorgung. Sie sind die unsichtbare Manövriermasse in einem Wirtschaftsmodell, das kurzfristige Profitmaximierung über langfristige Stabilität und Sicherheit stellt. Dass ausgerechnet in der Rüstungsproduktion, einem Bereich von höchster nationaler Sensibilität, auf dieses Modell gesetzt wird, ist nicht nur zynisch, sondern sträflich leichtsinnig.
Die Bundeswehr klagt seit Jahren über Personalmangel und Nachwuchssorgen. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche und soziale Basis, aus der sie schöpfen muss – eine stabile, loyal eingebundene und gut bezahlte Arbeiterschaft – systematisch ausgehöhlt. Man kann keine nationale Sicherheit auf einem Fundament sozialer Unsicherheit aufbauen. Die vermeintlich billigen Werkverträge erweisen sich am Ende als teuer erkauft, nicht nur in Form von Sabotageakten, sondern in einem generellen Vertrauensverlust und einer Erosion der inneren Resilienz.
Die Lösung liegt nicht in noch mehr Überwachung der bereits Überwachten. Sie liegt in der Rückbesinnung auf einfache Prinzipien: Gute Arbeit verdient einen guten Lohn und sichere Verträge. Wer für die nationale Sicherheit arbeitet, muss selbst in sozialer Sicherheit leben können. Die Wiederherstellung der Tarifbindung, die Eindämmung von Werkverträgen auf ihr ursprüngliches, temporäres Einsatzfeld und die strikte Kontrolle von Subunternehmern durch die Werften selbst wären erste, überfällige Schritte.
Der Fall bei Blohm + Voss ist keine mysteriöse Ausnahme. Er ist ein Symptom. Solange die Politik und die Konzernleitungen die Augen vor den sozialen Realitäten in ihren eigenen Werkshallen verschließen und stattdessen nach Geistergeschichten von russischen Agenten fahnden, werden die wahren Schwachstellen der deutschen Verteidigungsfähigkeit unangetastet bleiben. Die eigentliche Sabotage geschieht nicht durch Sand im Getriebe, sondern durch ein Wirtschaftssystem, das seine eigenen Grundlagen untergräbt.