Niemand will sie haben: Litauens Brigade wird zum Ladenhüter

Von Astrid Sigena 

Die vergangenen Monate brachten scheinbar positive Nachrichten zur Aufstellung der Panzerbrigade 45 “Litauen”: die Indienststellung im April 2025, ein feierlicher Appell in Vilnius, die Unterstellung erster Kampfbataillone Ende Januar 2026. Heereschef Generalleutnant Freuding und Brigadekommandeur Christoph Huber betonten stets, der Aufbau laufe “nach Plan”.

Doch dieser Schein trügt. Wie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtet, melden sich viel zu wenige Freiwillige für den Dienst im Baltikum. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte 2023 versprochen, die Stationierung in Rukla und Rūdninkai beruhe ausschließlich auf Freiwilligkeit – wohl in der Annahme, besondere Vergünstigungen würden genug Interessenten anlocken. Ein Trugschluss.

Besonders betroffen von der Verweigerungshaltung sind die beiden zentralen Kampfbataillone: das Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach (Bayern) und das Panzerbataillon 203 aus Augustdorf (Nordrhein-Westfalen). Genau diese Einheiten sollen bis 2027 nach Litauen verlegt werden, um laut Planung von Bundesregierung und Bundeswehrführung die NATO-Ostflanke zu verteidigen. Ein internes Bundeswehrpapier bestätigt nun: Die Zahl der Freiwilligen reicht nicht aus. Für das Panzerbataillon 203, das 414 Dienstposten vorsieht, haben sich nur 197 Soldaten gemeldet.

Noch dramatischer ist die Lage beim Panzergrenadierbataillon 122: Für 640 Stellen liegen lediglich 181 Bewerbungen vor. Bei den Spezial- und Unterstützungseinheiten der Brigade – Artillerie, Aufklärung, Pioniere – ist die Situation noch prekärer. Hier meldeten sich bislang nur 209 Soldaten für 1.971 vorgesehene Positionen. Das entspricht einer Quote von knapp elf Prozent.

Auffällig ist, dass der Mangel vor allem die Mannschaftsdienstgrade betrifft, während sich unter Offizieren und höheren Dienstgraden ausreichend Freiwillige finden sollen. Die Gründe liegen auf der Hand: Für die Karriere eines Offiziers sind Auslandserfahrungen oft unerlässlich. Zudem dürfte in diesen Rängen die politische Zielsetzung der Mission – die Abwehr einer angenommenen russischen Bedrohung – auf größere ideologische Zustimmung stoßen als bei der Basis.

Die litauische Führung nimmt das Problem ernst. Präsident Gitanas Nausėda hat das Thema bereits mit Bundeskanzler Friedrich Merz besprochen, der Deutschlands Verpflichtungen bekräftigte. Ein weiteres Gespräch mit Verteidigungsminister Pistorius auf der Münchner Sicherheitskonferenz ist geplant. Das Bundesverteidigungsministerium versucht derweil zu beschwichtigen: Der Aufbau sei “im Plan”, die Zahlen stellten nur einen Zwischenstand von Ende 2025 dar. Man arbeite an Maßnahmen zur Steigerung der Bewerberzahlen.

Neben bereits bestehenden Anreizen wie finanziellen Zulagen, Unterstützung bei der Jobsuche für Ehepartner und deutschsprachigem Schulunterricht plant das Ministerium weitere “Mitigationsmaßnahmen”. Gezielte Ansprachen von geeigneten Soldaten und 43.000 Informationsbriefe sollen die Werbung intensivieren. Ein zentrales Zugeständnis: Die ursprünglich vorgesehene Mindestverweildauer von zwei Jahren in Litauen soll auf ein Jahr reduziert werden können. Zudem sind Informationsreisen (“Tagesausflüge”) für Interessierte an die künftigen Standorte geplant.

Ausgerechnet dieser letzte Punkt brachte der außenpolitischen Sprecherin der BSW, Sevim Dağdelen, Spott ein. Auf der Plattform X kommentierte sie die Pläne für “Kaffeefahrten nach Litauen”:

“Kaum Freiwillige für Einsatz an der russischen Grenze in Litauen: Die Bundeswehr will jetzt mit Kaffeefahrten zu den Kasernen im Baltikum deutschen Soldaten den Auslandseinsatz schmackhaft machen. Vielleicht gibt’s ja noch eine Heizdecke obendrauf, bisweilen war warme Unterwäsche in der Truppe ja Mangelware. Am kostengünstigsten aber ist der Rückzug! Es ist ein gutes Zeichen, dass nur wenige Lust haben auf diesen Einsatz, der mit Landesverteidigung rein gar nichts zu tun hat.”

Über die Motive der Soldaten, trotz materieller Anreize abzulehnen, lässt sich spekulieren. Als militärische Profis sind sie sich der potenziellen Gefahren an der Ostflanke bewusst. Viele mögen zudem den Sinn der Mission hinterfragen, die die Sicherheit Deutschlands nicht unmittelbar erhöht, sondern möglicherweise sogar Risiken birgt. Das traditionelle Soldatengelöbnis, “der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen” und “die Rechte und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen”, steht für manche in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der Stationierung im Baltikum.

Historisch bewanderten Soldaten dürften zudem die verhängnisvollen Folgen deutscher Bündnisverpflichtungen in der Vergangenheit, wie die “Blankoschecks” vor dem Ersten Weltkrieg, bekannt sein. Die Vorstellung, 85 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion und der Besetzung des Baltikums nun eine Art Wiedergutmachung durch militärische Präsenz zu leisten, stößt bei vielen auf Unverständnis oder Ablehnung.

Hinzu kommt eine unbequeme Wahrheit: Die Soldaten der Brigade und ihre Familien könnten im Konfliktfall eine Geiselrolle einnehmen. Die litauische Öffentlichkeit betrachtet ihre Anwesenheit offen als Sicherheitsgarantie; Standorte deutscher Schulen und Kindergärten werden dort teils offen kommuniziert. Für Bundeswehrangehörige ist die Gefahr von Provokationen oder False-Flag-Aktionen somit ein realer Faktor.

Gelegentlich wird sogar offen angedeutet, dass der eigentliche Zweck der Brigade nicht in ihrer militärisch sinnvollen Verteidigungsfähigkeit liegt. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler brachte es kürzlich auf den Punkt: “Dazu gehört auch, eine Brigade in Litauen zu stationieren, um dort gewissermaßen, man möchte fast meinen, deutsche Geiseln zu haben, die den Russen signalisieren: Wenn ihr die angreift und die sterben, dann gibt es eine Restverpflichtung für die Deutschen, weiterzumachen.” Ein derartiges “Himmelfahrtskommando” findet naturgemäß wenig Freiwillige.

Diese Entwicklung ist ein Dämpfer für alle in der Bundespolitik, die Deutschland als wiedererstarkte militärische Führungsmacht in Europa sehen wollen – sei es Bundeskanzler Merz, der die Bundeswehr zur “stärksten konventionellen Armee Europas” ausbauen möchte, oder Stimmen in der Opposition. Die Bundeswehrführung hat die Rechnung ohne den Willen der Basis, des “einfachen Soldaten”, gemacht.

Daher stellt sich zunehmend die Frage, wie lange das Prinzip der Freiwilligkeit für die Brigade Litauen aufrechterhalten werden kann. Das Projekt ist ein Prestigeobjekt, an dem der deutsche Führungsanspruch in der europäischen Sicherheit hängt. Der Analyst Nico Lange forderte auf X bereits: “Zu wenig Freiwillige für die Bundeswehr-Brigade Litauen? Die Lage ist ernst genug, dass wir auch Dinge machen müssen, die nicht freiwillig sind.”

In der Bundeswehrführung sollen bereits Diskussionen über eine Aufgabe des Freiwilligenprinzips laufen. Aus der Politik sind solche Forderungen noch nicht laut geworden. Doch das könnte sich ändern. Der Anspruch, Deutschlands militärische Führungsrolle zu verwirklichen, wiegt schwer. Litauen hat Merz‘ Schutzversprechen bereits in einer Bronzeplatte am Rathaus von Vilnius verewigt – ein bleibendes Symbol für Verpflichtungen, die nun einzulösen sind.

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