Von Dagmar Henn
Mit welcher Vehemenz derzeit versucht wird, über gesetzliche Eingriffe die Kommunikation in sozialen Medien zu regulieren – sei es durch Klarnamenpflicht oder Strafandrohungen für verzerrte Darstellungen, die im Kern nichts anderes als digitale Karikaturen sind –, und wie mühelos sich dafür eine gelenkte Empörung mobilisieren lässt, wirft die Frage auf: Welcher Menschentypus reagiert eigentlich auf solche Appelle?
Denn dieser digitale Schatten, in welcher Form er auch erscheinen mag, ist letztlich nichts anderes als das, was schon immer in Abwesenheit einer Person über sie gesprochen wurde. Ob Lob, Klatsch oder Schmähung – jeder Mensch besitzt einen gesellschaftlichen Schatten, den er nicht kontrollieren kann. Das war noch nie möglich. Die einzige Methode, seine Existenz zu verhindern, wäre der vollständige Rückzug aus der Gesellschaft, das Leben als Einsiedler. Ein Zustand, der bekanntlich nicht gerade gesundheitsfördernd ist.
Sicher hat jeder schon Momente erlebt, in denen er sich fragte, was hinter seinem Rücken getuschelt wird und ob es vielleicht um ihn geht. Viele Scherze basieren genau darauf; man denke nur an den klassischen Schulstreich, bei dem jemandem ein Zettel auf den Rücken geklebt wird … Er wird erst durch die Reaktion der Umgebung wahrnehmbar. Ja, diese verborgene, unzugängliche Kommunikation kann in einer von Intrigen geprägten Umgebung durchaus bedrohlich werden, sobald das, was man selbst über sich vermitteln kann, schwächer wird als das, was andere gezielt verbreiten.
Dennoch – existenzielle Bedrohungen sind hier äußerst selten, und für diese Fälle gibt es bereits das geltende Strafrecht. Was derzeit jedoch zelebriert wird, etwa im Umfeld des eigens geschaffenen § 188 StGB zur Ahndung von Beleidigungen gegen Politiker, ist etwas anderes. Hier vermischen sich zwei Bestrebungen: das Verlangen, zu erfahren, was hinter dem Rücken gesprochen wird, und der Wunsch, negative Äußerungen zu bestrafen. Zugleich wird eine grundlegende Wertverschiebung vorgenommen: Gesprochenes wird gleichgesetzt mit Getanem. In letzter Konsequenz würde das bedeuten, jemanden, der ruft “Ich bringe dich um”, so zu verurteilen, als hätte er die Tat bereits begangen. Und man kann nicht einmal mehr behaupten, das sei übertrieben; schließlich steigen die Strafen für die absurdesten Meinungsdelikte von Jahr zu Jahr, während Sanktionen für handfeste Gewalttaten oft erschreckend niedrig ausfallen. Vor allem im Bereich der Schrift wurde das Strafrecht massiv ausgeweitet – mit entsprechendem Personalaufwand (von den unzähligen Meldestellen ganz zu schweigen, zusätzlich zu den vielen Stunden, die solche Verfahren bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten verschlingen).
Dabei geht § 188 sogar noch weiter als der alte Tatbestand der Majestätsbeleidigung. Bei dieser ging es nicht um die Privatperson, sondern um das Amt – und zwar um jenes eine Amt, das für den Staat, für das Land selbst steht. Es handelte sich also um eine Verletzung auf symbolischer und öffentlicher Ebene, nicht um private Kränkungen (und man möchte sich gar nicht vorstellen, dass eine Marie-Agnes Strack-Zimmermann beanspruchen könnte, symbolisch für ganz Deutschland zu stehen). Die Beleidigung der Privatperson ist eigentlich durch § 185 StGB abgedeckt.
Aber das genügte nicht. Dabei sollte man eigentlich erwarten, dass jeder, der einen Schritt in eine breitere Öffentlichkeit wagt – also Tätigkeiten ausübt, die Gesicht und teilweise auch Lebensführung einer größeren Zahl von Menschen bekannt machen –, diesen Schritt bewusst geht und sich im Klaren ist, dass der gesellschaftliche Schatten notwendigerweise mitwächst.
Als ich mit 16 wegen einer “Stoppt Strauß”-Plakette in einen Konflikt mit dem bayerischen Staat geriet und mein Foto mit Baskenmütze und Plakette über die dpa bundesweit verbreitet wurde, machten mich einige kostenlose Werbeblätter etwa im Ruhrgebiet kurzerhand zur Zwölfjährigen. Was hätte ich tun sollen? So ist das nun einmal. Informationen verbreiten sich immer mit Verlust – das lernt eigentlich jedes Kind beim Spiel “Stille Post”. Man kann Botschaften senden, aber wie sie ankommen, ist nur bedingt steuerbar, und wie sie sich weiter verändern, gar nicht.
Immerhin gibt es auch ein Gegengewicht. Je klarer man weiß, wer man ist, desto weniger fürchtet man das, was andere über einen denken. Oder umgekehrt: Je unsicherer man ist, desto stärker wird das Bedürfnis, dieses fremde Denken zu kontrollieren. Denn wenn im eigenen Inneren nichts gefestigt ist, bleibt nichts anderes übrig als das, was von außen zurückgeworfen wird; dann erscheint plötzlich jede negative Spiegelung als existenzielle Bedrohung.
Wie verbreitet diese “Donut-Identität” – hohl in der Mitte – inzwischen ist, zeigte sich bereits zu Beginn der Debatte um “Hass und Hetze”. Der Mord am hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke diente als Anlass, schärfere Zensur im Internet zu fordern. Dass dahinter ein EU-Plan stand, die Meinungsfreiheit weiter einzuschränken, ist das eine. Aber es hätte nicht funktioniert, wenn diese Forderung nicht bei einem größeren Teil der Bevölkerung auf Zustimmung, ja sogar auf völliges Verständnis gestoßen wäre.
In der realen Welt – und das ist nicht jene, in der sich die deutsche Politik der letzten Jahre bewegt – ist es die Schwelle vom Wort zur Tat, die entscheidend ist. Psychologisch betrachtet ist das Verhältnis zwischen diesen beiden Bereichen komplexer, als es in dieser Debatte dargestellt wurde. Oft ist es gerade das Nicht-aussprechen-Können oder Nicht-aussprechen-Dürfen, das Gewalt auslöst, keineswegs das Aussprechen selbst. Ein üblicher Schritt, um gewalttätiges Verhalten zu bekämpfen, besteht sogar darin, das Sprechen über Probleme und negative Gefühle einzuüben. Zensur als Sprechverbot bewirkt also genau das Gegenteil dessen, was sie vorgeblich erreichen will.
Das ist keine sensationell neue Erkenntnis, und dennoch spielte sie in der Debatte keine Rolle. Das kann nur geschehen, wenn nicht nur innerhalb der medialen Blase, sondern auch außerhalb viele Menschen existieren, für die dieser gesellschaftliche Schatten alles bedeutet. Für die er deckungsgleich ist mit ihrem Selbst. Oder andersherum: die fürchten, nicht zu existieren, wenn sie nicht als gut angesehen werden, wenn das Gespräch hinter ihrem Rücken unfreundlich wird.
Wie kommt es, dass die Donut-Identität so verbreitet ist? Sicher hängt das mit der seltsamen Verlagerung sozialer Kontakte ins Digitale zusammen – sofern es sich dabei überhaupt um echte soziale Kontakte handelt. Den meisten Menschen, die solide, persönliche Beziehungen pflegen, echte, lebendige Freundschaften, oft über Jahrzehnte, die vielleicht einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen oder sogar Kinder haben, ist der gesellschaftliche Schatten – von wenigen Ausnahmesituationen abgesehen – relativ egal. Denn was wahr und wirklich ist, bestimmt sich durch diese realen Kontakte. Bei langjährigen Freundschaften fragt man sich nicht mehr, was der andere hinter dem Rücken redet.
Aber das setzt Kontakte voraus, die nicht oberflächlich sind. Und schon gar nicht virtuell, denn nach einer kurzen Blüte in den 1990ern ist selbst das digitale Briefeschreiben aus der Mode; das lange Telefonieren ist es ebenfalls. Die kurzen Kommunikationsformen von heute oder die sehr einseitigen, wie Videoclips, simulieren lediglich Kontakt und können die reale Umgebung nicht ersetzen. Gleichzeitig arbeiten mehr Menschen in Jobs, also in vorübergehenden Betätigungen, die keine Erfüllung bieten. Und viele langjährige, stabile, kollektive Strukturen – von der Kirchengemeinde bis zum Fußballverein – sind verschwunden.
Parallel hat die sozialeEntwicklung, das zunehmende Auseinanderdriften von Einkommen und Vermögen, die räumliche Trennung zwischen Arm und Reich sowie die Abstiegsängste der schrumpfenden, einst in der alten BRD so gepriesenen “Mittelschicht”, dazu geführt, dass eben diese Schicht ständig signalisieren muss, wer sie ist. Die Erfindung neuer Pronomen, samt der damit verbundenen sprachlichen Dressur, ist gewissermaßen die Instant-Variante des vornehmen Bestecks: Der korrekte Gebrauch von Butter- und Fischmesser verrät, wer dazugehört und wer sich als Aufsteiger eingeschlichen hat.
Der bürgerliche Habitus, mit dem sich Zugehörige und Fremde voneinander abgrenzen, ist längst nicht mehr so subtil, wie ihn Pierre Bourdieu vor Jahrzehnten beschrieb. Er liegt heute penetrant an der Oberfläche. Während die Unterwerfung unter ihn häufiger denn je eingefordert wird – ja, auch die Corona-Maskennummer folgte diesem Muster – und die Verweigerung sofort den vermeintlichen Klassenfeind identifiziert (weil die “Mittelschicht” ihn stets am falschen Ende der Gesellschaft sucht), bewegt sich der einzelne Angehörige dieser Gruppe in ständiger Unsicherheit. Denn je mehr sichtbare Zeichen der Zugehörigkeit gefordert werden, desto größer wird die Angst, etwas zu verpassen, ein falsches Signal zu senden, versehentlich neben dem Falschen zu stehen – und desto größer das Bedürfnis, irgendwie die Kontrolle über diese in Unterwerfungsakte fragmentierte Existenz zu behalten.
Da ist es kein Wunder, dass die sichtbaren Reaktionen immer hysterischer werden. Schließlich geht die Anhäufung von Unterwerfungshandlungen einher mit stetig wachsenden Sanktionen, die längst – wie beim Debanking – von jeder rechtsstaatlichen Kontrolle befreit sind. Die Alternative zum zwanghaften Sammeln von Bonuspunkten ist somit nicht nur die gesellschaftliche, sondern auch die materielle Vernichtung. Der Eifer, nach Anerkennung zu streben und Aufmerksamkeit zu heischen, wird also gerade bei der dafür empfänglichen Klientel ständig weiter verstärkt.
Das wirkliche Problem liegt nicht im Internet und auch nicht in der dortigen Kommunikation. Das wirkliche Problem ist, dass der wirtschaftliche Druck durch die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich so groß ist, dass die Mitte nicht nur ökonomisch, sondern auch mental zerrieben wird. Dass all das, was auffangen könnte, was eine stabile Identität schaffen vermag (was bei handwerklicher Tätigkeit zugegeben einfacher ist), immer seltener wird und durch eine virtuelle Variante ersetzt wird.
Und dass die Manipulierbarkeit, die durch dieses von der eigenen Schöpferkraft völlig entfremdete Wesen entsteht, durchaus gewollt ist. Denn um eigene, grundlegende Interessen durchzusetzen, braucht es eine gewisse Autonomie – zu der auch gehört, negative Reaktionen und Anfeindungen auszuhalten. Aus der Perspektive der Macht ist nichts praktischer als eine atomisierte Menge möglichst unsicherer Individuen.
Die alte Arbeiterbewegung, also das, was im 19. Jahrhundert entstand und wenig mit der hysterischen Linken der Gegenwart zu tun hat, wurde von zwei Dingen getragen: dem Selbstbewusstsein, die Bedeutung der eigenen Arbeit zu erkennen (“Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht!”), und der Kraft des gemeinsamen Handelns. Auf dieser Grundlage entstand eine eigene Kultur, von Wohnungsgenossenschaften über Arbeitersportvereine bis zu Volkshochschulen. Dieses nervöse Ringen um die Außenwahrnehmung war dieser Welt fremd.
Heute wird genau das als progressiv verkauft. Eine ins Gesetz gegossene Hysterie, die selbst bei maximaler Verschärfung niemals in der Lage sein wird, das Loch in der Mitte zu füllen. Ein Habitus ersetzt kein Selbst. Aber für eine menschliche Gesellschaft müssen sich Menschen begegnen – keine Masken.
Mehr zum Thema – “Virtuelle Vergewaltigung”: Und die einen stehn im Dunkeln, und die andern stehn im Licht …