Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BZgA) hat die zehnte Welle seiner Langzeitstudie zur Jugendsexualität veröffentlicht. Einige der Ergebnisse werfen Fragen auf, die sich erst durch einen Blick auf die historischen Daten der seit 1980 durchgeführten Befragungen erklären lassen.
Zwischen Februar und Juli 2023 wurden insgesamt 5.855 Jugendliche und junge Erwachsene befragt: 3.514 im Alter von 14 bis 17 Jahren und 2.341 zwischen 18 und 25 Jahren. Die Geschlechterverteilung umfasste 3.556 weibliche, 2.256 männliche und 43 diverse Teilnehmer. In Bezug auf die sexuelle Orientierung gaben 5.314 Personen an, heterosexuell zu sein, 418 identifizierten sich als homo- oder bisexuell, und 124 machten eine andere oder keine Angabe. Die Befragung dauerte jeweils etwa 35 Minuten. Es ist zu beachten, dass die Stichprobe in Bezug auf Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund nicht repräsentativ ist, was eine Verzerrung einiger Ergebnisse zur Folge haben könnte.
Eine zentrale Medienmeldung lautete: “Jugendliche haben immer später Sex”. So titelte etwa die Bild-Zeitung. Den Daten zufolge haben nur noch 23 Prozent der 16-Jährigen bereits Geschlechtsverkehr erlebt. Im Jahr 2019 lag dieser Wert noch bei 34 Prozent. Ein Blick ins Jahr 2010 zeigt einen noch deutlicheren Kontrast: Damals hatten 50 Prozent der Mädchen und 34 Prozent der Jungen in diesem Alter bereits sexuelle Erfahrungen gemacht. Die aktuellen Zahlen ähneln damit eher denen aus den 1970er Jahren.
Eine Erklärung für diesen scheinbaren Rückgang findet sich in der Studie von 2010, die noch zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund unterschied. Damals lag das Durchschnittsalter beim ersten Geschlechtsverkehr bei Mädchen mit Migrationshintergrund deutlich höher. Während 66 Prozent der unter 17-jährigen deutschen Mädchen bereits sexuell aktiv waren, traf dies nur auf 53 Prozent der Mädchen mit Migrationshintergrund zu. 2005 war diese Differenz mit 73 zu 55 Prozent sogar noch ausgeprägter. Die spätere Angleichung dieser Werte ist vermutlich weniger auf verändertes Verhalten, sondern eher auf rechtliche Änderungen im Staatsangehörigkeitsrecht und damit einhergehende Verschiebungen in der Stichprobenzusammensetzung zurückzuführen. Eine tatsächliche Annäherung zeigt sich hingegen beim Verhütungsverhalten, da Jugendliche mit Migrationshintergrund im Jahr 2010 deutlich seltener verhüteten.
Interessant ist zudem, dass 2010 bei den deutschen Jugendlichen die Mädchen früher sexuell aktiv wurden als die Jungen. Bei den Jungen mit Migrationshintergrund gaben hingegen 72 Prozent der unter 17-Jährigen an, bereits Erfahrungen gesammelt zu haben.
Die Tatsache, dass heute nur noch 40 Prozent der 17-Jährigen ihr “erstes Mal” erlebt haben, dürfte daher weniger auf ein geändertes Verhalten der deutschen Jugendlichen hindeuten. Vielmehr ist sie wahrscheinlich auf einen deutlich gestiegenen Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Befragung zurückzuführen. Auch die einstigen geschlechtsspezifischen Unterschiede haben sich dadurch vermutlich ausgeglichen.
Dieselbe Ursache erklärt vermutlich auch einige auf den ersten Blick überraschende Antworten der 14- bis 17-Jährigen auf die Frage, warum sie noch keinen Sex hatten. Neben den häufigsten Gründen – “Es fehlt noch der/die Richtige” (47 % w, 55 % m) oder “Ich fühle mich zu jung” (49 % w, 34 % m) – finden sich auch Antworten wie “Es ist unmoralisch” (10 % w, 6 % m) oder “Vor der Ehe ist es nicht richtig” (17 % w, 7 % m). Diese moralisch oder religiös begründeten Haltungen lassen sich größtenteils nur im Kontext einer vielfältigen Migrationsgesellschaft erklären.
Ein weiterer bemerkenswerter Wandel zeigt sich bei den Informationsquellen. In der Studie von 2010 waren Jugendzeitschriften noch die Hauptquelle für sexuelle Aufklärung – sowohl für 36 Prozent der deutschen Mädchen als auch für 39 Prozent der Mädchen mit Migrationshintergrund. Bei den Jungen war das Internet mit 36 (ohne Migrationshintergrund) bzw. 46 Prozent (mit Migrationshintergrund) bereits führend. Heute liegen Jugendzeitschriften mit 31 Prozent deutlich hinter dem Schulunterricht, der für 78 Prozent der Jugendlichen die wichtigste Aufklärungsquelle darstellt. Im Internet werden vor allem Suchmaschinen genutzt. Obwohl Beratungsseiten als die glaubwürdigste Online-Quelle gelten (86 % w, 84 % m), halten 17 Prozent der männlichen Jugendlichen Pornos für eine glaubwürdige Aufklärungsquelle (bei Mädchen: 9 Prozent).
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