Von Dagmar Henn
Es war ein kurzer, aber symbolträchtiger Auftritt im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz: Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj posierten vor Kameras in Bayern und hielten gemeinsam eine Drohne in die Höhe. Der Ort der Inszenierung soll ein neues Joint Venture namens Quantum Frontline Industries sein, dessen Standort in mehreren Medienberichten als streng geheim bezeichnet wurde. Der ukrainische Journalist Anatolij Scharij hat den vermeintlich geheimen Ort jedoch längst benannt: das oberbayerische Weißling. Mit süffisanter Anmerkung:
“Die dummen, zufriedenen Gesichter Selenskijs und des Ministers scheinen anzudeuten, dass sie die Einwohner Bayerns nicht vor möglichen Problemen in der Zukunft gewarnt haben.”
Weißling liegt zwischen Ammersee und Starnberger See – ein logischer Standort für eine Tochterfirma des Drohnenherstellers Quantum Systems, der selbst im nahegelegenen Gilching ansässig ist. Quantum Frontline ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Quantum Systems und dem ukrainischen Drohnenproduzenten Frontline Robotics, an dem Quantum seit Sommer 2025 beteiligt ist. Das Ziel: eine Jahresproduktion von 10.000 Drohnen, vorangetrieben durch deutsche Automatisierungstechnik. Finanziert wird das Vorhaben vom deutschen Verteidigungsministerium. Eine bemerkenswerte Tatsache, denn eigentlich bräuchte Quantum Systems dieses Geld nicht. Obwohl das Mutterunternehmen 2023 erstmals schwarze Zahlen schrieb, war es bis dahin vor allem eines: eine äußerst erfolgreiche Kapitalsammelstelle.
Denn Quantum Systems ist auf Einkaufstour. Kürzlich übernahm das Unternehmen die Hacker Motor GmbH, ursprünglich bekannt für Elektromotoren im Modellbau. In einem entsprechenden Forum wurde dies so kommentiert:
“Quantum Systems kauft momentan alles auf, was laminieren kann.”
Derartige Übernahmen sind derzeit en vogue. Bereits im September letzten Jahres hatte der Motorenhersteller Deutz die Elektromotorfirma Sobek übernommen, was das Handelsblatt mit Deutz’ Ambitionen für den “Einstieg ins Geschäft mit militärisch genutzten Drohnen” erklärte. Ein lukrativer Markt in starker Bewegung. Quantum selbst erwarb zuletzt Fernride, ein Unternehmen für Logistikautomatisierung, und die britische Nordic Unmanned.
Die Quantum Systems GmbH wurde erst 2015 von ehemaligen Studenten der Bundeswehr-Universität gegründet, nach eigenen Angaben auf Basis von Vorarbeiten, die bereits 2008 begannen. Noch 2021 beschrieb sich das Unternehmen als “spezialisiert auf die Entwicklung und Produktion von autonomen Wandelfluggeräten zur zivilen Nutzung”.
Bei diesen Wandelfluggeräten handelt es sich um Starrflügeldrohnen, deren Rotoren sich vertikal und horizontal ausrichten lassen, was einen senkrechten Start ermöglicht. Das Startup hält eine Reihe von Patenten für diese Technologie. Anfangs kamen die Drohnen etwa für Kartierungen oder die Inspektion von Bahnstrecken zum Einsatz.
Trotz der zivilen Selbstbeschreibung begannen bereits 2020 erste Entwicklungen in militärische Richtung – interessanterweise in Zusammenarbeit mit einer amerikanisch-schweizerischen Softwarefirma für das US-Verteidigungsministerium, das im Mai 2023 ebenfalls 20 Millionen Euro beisteuerte. Der entscheidende Schub erfolgte jedoch mit dem Ukraine-Konflikt 2022. Zunächst flossen Mittel aus dem Wachstumsfonds Bayern 2, von Privatinvestoren und der Europäischen Investitionsbank, dann im Oktober 2022 fast 50 Millionen Euro von Project A und Peter Thiel.
Die Drohnen von Quantum sind nicht billig. Die spanische Armee orderte beispielsweise im April 2025 für 27 Millionen Euro 91 Vector-Drohnen – ein für die USA entwickeltes Modell – was einem Stückpreis von fast 300.000 Euro entspricht. Auch die Ukraine wurde mit Vector-Drohnen beliefert; bis April 2025 waren es 619 Einheiten, finanziert aus dem deutschen Bundeshaushalt. Die 26 Millionen Euro, die in der Bilanz 2023 vom ukrainischen Verteidigungsministerium stammen, waren also de facto deutsches Geld. 2023 war zugleich das erste profitable Jahr für Quantum Systems.
Auffällig ist jedoch der ununterbrochene Kapitalfluss. Dieser endete nicht 2022, sondern setzt sich seither unvermindert fort, wie die folgende Grafik des Portals Munich-Startup.de zeigt:
Das Wachstum ist enorm. Parallel stieg die Mitarbeiterzahl von unter 50 im Mai 2019 auf über 450 im Januar 2026. Der Firmenwert wird mittlerweile auf 3,5 Milliarden Euro geschätzt. Nebenbei: T Capital ist tatsächlich die Deutsche Telekom.
Es ist bezeichnend, wer hier alles investiert: Airbus, Porsche. Die Erwartungen an weiteres Wachstum sind hoch. Dieses Wachstum hat jedoch eine zentrale Voraussetzung: Es darf keinen Frieden geben. Andernfalls würde das Drohnengeschäft schnell schrumpfen – auf das Niveau vor 2022, als es nur Nischenanwendungen gab: die Kartierung von Urwäldern, Luftaufnahmen für Bauplanungen oder Überwachungsaufgaben. Krieg generiert Umsätze in einer ganz anderen Dimension, nicht zuletzt durch den steten Nachschubbedarf, lange bevor der natürliche Lebenszyklus eines Geräts endet. Und wie man sieht: Das Geld fließt genau dorthin.
Quantum Systems liefert nicht nur Drohnen in die Ukraine, sondern betreibt dort seit 2023 auch eine Werkstatt. Daneben gibt es Tochtergesellschaften in den USA, Rumänien und Australien. Seit März 2024 unterhält das Unternehmen sogar einen registrierten Lobbyisten im Deutschen Bundestag.
Man könnte sagen, die Voraussetzungen für ein einträgliches Geschäft sind geschaffen. Da kommt dann auch gerne mal der Verteidigungsminister vorbei und grinst in die Kamera. Für die 10.000 Drohnen, die die Ende letzten Jahres gegründete Tochter Quantum Frontline Industries künftig jährlich produzieren soll, sollen sogar in Deutschland lebende Ukrainer eingestellt werden.
Diese Drohnen dürften zwar günstiger sein als die Produkte der Quantum-Mutter, aber dennoch beträchtliche Gewinnspannen ermöglichen. Da das Verteidigungsministerium finanziert, ist das Geschäft quasi risikofrei. Man muss sich daher fragen, warum ein solches, bereits profitables Unternehmen dafür überhaupt staatliche Mittel benötigt. Betrachtet man die jüngsten Zukäufe der Muttergesellschaft, scheint es vor allem darum zu gehen, eine automatisierte Produktion aufzubauen, die die Stückkosten massiv senken würde. Ein ukrainischer Bericht zur Gründung von Quantum Frontline Industries formulierte es so:
“Sie wird eine voll automatisierte industrielle Drohnenproduktionslinie für die ukrainischen Streitkräfte in Europa errichten.”
Die westliche Rüstungsindustrie ist nämlich weitgehend auf Manufakturniveau zurückgefallen, was eines der Hauptprobleme bei der Steigerung der Produktionskapazitäten darstellt.
Eines jedoch kann weder Quantum Systems noch seine Investoren gebrauchen: Frieden. Denn dann würden nicht nur die Militärausgaben in Europa auf ein gesellschaftlich verträglicheres Maß zurückgefahren, weil die Priorität “Kanonen statt Butter” schwerer zu rechtfertigen wäre. Es würde auch die regelmäßige Zerstörung von Material wegfallen, die die Nachfrage künstlich hochhält. Das Geschäftsmodell wäre am Ende.
Quantum Systems ist dabei nur ein Beispiel für solche Unternehmen. Und nur ein Hinweis auf die Kapitalbewegungen, die die letzten Jahre ausgelöst haben – abseits der großen, sichtbaren Player wie Rheinmetall. In ganz Europa dürfte die Rüstungsindustrie in ihren unterschiedlichsten Facetten derzeit der profitabelste Sektor überhaupt sein. Die Erwartungshaltung auf weiteres Wachstum ist unübersehbar. Gerade die jüngsten Investitionen zeigen, dass keiner dieser Geldgeber mit einem baldigen Ende des Ukraine-Kriegs rechnet.
Die jüngsten Kapitalzuflüsse sind ein klares Signal: Die Investoren setzen auf eine Fortsetzung des Konflikts. Wie viele ukrainische Leben das noch kosten wird, spielt in dieser Kalkulation keine Rolle. Und genau in diesem Sinne werden sich auch die Politiker der EU weiterhin verhalten – es sei denn, eine neue Pandemie tritt auf den Plan und verdrängt das Thema Krieg aus den Schlagzeilen und Haushaltsdebatten.
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