Hamburgs tödliches Geheimnis: Der Wandsbek-Mord und das Tabu der Migration

Von Dagmar Henn

Die Hamburger Bürgerschaft debattierte am Mittwoch über den tödlichen Vorfall im U-Bahnhof Wandsbek Markt. Ende Januar hatte der 25-jährige Südsudanese Ariop A. eine 18-jährige Frau vor einen einfahrenden Zug gestoßen und sie dabei getötet.

Die Sitzung begann mit einer Schweigeminute für das Opfer. Anschließend entwickelte sich jedoch eine hitzige politische Auseinandersetzung. Bereits kurz nach der Tat hatte selbst SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher gefordert, gefährliche Flüchtlinge schneller abzuschieben.

Seine Parteikollegin Carola Veit widersprach in der Debatte deutlich. Zwar müsse man besprechen, “wie wir alle Menschen in unserer Stadt bestmöglich vor Gewalttaten schützen”, aber man könne niemanden einfach wegsperren, weil er verhaltensauffällig werde. “Das ist das Konzept von Polizeistaaten und nicht unseres”, betonte sie.

CDU-Chef Dennis Thiering griff die Forderung Tschentschers wieder auf: “Wir brauchen automatische Abschiebung bei schweren Straftaten.” Dass der Täter frei herumgelaufen sei, “darf nicht sein, das dürfen wir nicht zulassen.” Allerdings war Ariop A. zum Tatzeitpunkt noch nicht rechtskräftig verurteilt. Eine solche Regelung hätte diesen konkreten Mord also nicht verhindern können.

Innensenator Andy Grote (SPD) wies Vorwürfe zurück, die Ampel-Bundesregierung trage durch ihre Beteiligung am UN-Resettlement-Programm eine Mitverantwortung. Er bezeichnete diese Schuldzuweisungen als “die schlechteste und politisch schäbigste Art”, mit dem Fall umzugehen.

AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann erklärte, diese Tat sei – wie weitere von Migranten verübte Gewalttaten der letzten Jahre – ein Zeichen von “Staatsversagen”. “Statt Bereicherung bekommen wir viel Kriminalität. Statt Integration bekommen wir Parallelgesellschaften. Statt Fachkräften bekommen wir Sozialfälle.”

Die Grünen-Fraktionschefin Sina Imhof erklärte Hamburg für sicher, “wenn wir nicht in die Falle tappen, aus Angst oder mit Angst Politik zu machen”. Die Linken-Abgeordnete Hila Latifi kritisierte, die “Instrumentalisierung” des Femizids durch die AfD und die Position der CDU verstärkten den “Rechtsruck in unserer Gesellschaft, der nicht nur Migrantinnen, sondern auch Frauen massiv gefährdet”.

Die Geschichte des Ariop A. lässt sich jedoch aus einer ganz anderen, oft übersehenen Perspektive betrachten. Das Portal Nius veröffentlichte bereits am 4. Februar Ergebnisse von Nachforschungen im kenianischen Flüchtlingslager Kakuma, wo der Mann lebte, bevor er 2024 über ein UN-Resettlement-Programm nach Deutschland kam. Diese Informationen deuten auf einen gewaltigen blinden Fleck in der gesamten deutschen Migrationsdebatte hin: das fehlende Verständnis dafür, was Migration für den Einzelnen eigentlich bedeutet.

Denn der Mann, um den es geht, führte im Südsudan nicht nur einen anderen Namen – Awan Matatu –, sondern auch ein völlig anderes Leben. Dieser Spitzname, so Nius, deutet darauf hin, dass er dort als Fahrer eines Minibusses (“Matatu” auf Suaheli) arbeitete.

Sein bester Freund aus dieser Zeit berichtete, Ariop A. habe Fußball gespielt, sei Christ gewesen, habe regelmäßig gebetet und nie Alkohol getrunken. “Die Schilderungen klingen, als hätte A. zwei Leben gehabt: eines in Kenia, das nichts gemein mit dem in Deutschland hatte”, schreibt Nius.

Auch Fotos aus jener Zeit zeigen einen anderen Menschen: “Ein anderes Foto fängt ihn in einem blauen Chelsea-Trikot ein, sitzend auf einem Plastikstuhl in einem Raum mit gefliestem Boden in Denkerpose. Seine Beine sind knochig, seine Arme lang. Insgesamt wirkt der Mann in jener Zeit in Afrika nicht reich, aber keineswegs bettelarm oder unglücklich.”

In das Resettlement-Programm kam er, weil er im Alter von elf Jahren seine Eltern verloren hatte. Trotz eines fehlenden Sicherheitschecks wurde er am 13. Juni 2024 nach Deutschland eingeflogen. Die Informationen von Nius legen nahe, dass er einen solchen Check möglicherweise bestanden hätte – denn der Täter, der in Deutschland in Erscheinung trat, war eine andere Variante von Ariop A.

Der Südsudanese ist sicher nicht der Einzige, bei dem sich eine solche Entwicklung vollzieht. Seine Geschichte wirft ein Schlaglicht auf einen Faktor, der in der deutschen Migrationsdebatte regelmäßig unterschlagen wird. Es wird oft so getan, als gäbe es nur arme, traumatisierte Flüchtlinge, die bereits geschädigt ankommen, oder einfach “böse” Menschen. In Wirklichkeit gibt es ein Trauma, dem viele ausgesetzt sind, über das aber kaum gesprochen wird: die Migration selbst.

Ariop A. wuchs in einem Flüchtlingslager auf. Dort war er von Menschen umgeben, die aussahen wie er, aßen wie er und seine Sprache sprachen. Es war nicht seine Heimat, aber auch keine völlige Fremde, und er war nicht allein. In den Flüchtlingsunterkünften in Deutschland fand er sich dagegen meist isoliert unter Arabern, Afghanen und Ukrainern wieder – in einer doppelten Fremdheit.

Gleich, mit welchen Erwartungen jemand migriert: Selbst unter den günstigsten Bedingungen ist es eine traumatische Erfahrung, die in der Forschung mit dem Verlust eines nahen Angehörigen verglichen wird. Der Verlust ist doppelt: Da ist zum einen die neue Umgebung, in die man vielleicht nie richtig hineinfindet, und zum anderen die alte Heimat, die für immer verloren ist.

Probleme in dieser Situation zeigen sich oft darin, dass Betroffene beginnen, Alkohol oder Drogen zu konsumieren. Da sich dieses traumatische Gefühl der Entwurzelung nicht auflöst – weil das Ankommen in Deutschland entgegen der Erwartung mancher keine Erlösung, sondern bestenfalls der Beginn eines schweren Weges ist –, gibt es viele Beispiele des kompletten Scheiterns. Gerade Geschichten um schwere Gewalttaten zeigen dies häufig. Es geht dann nicht um ein altes, mitgebrachtes Trauma aus dem Herkunftsland. Es geht um ein frisches Trauma, einen akuten Schmerz, für den es keine Antwort zu geben scheint.

Eine Antwort könnte es geben. Wenn Mitarbeiter in Unterkünften oder Sozialarbeiter auch die Aufgabe hätten, in Einzelfällen eine Rückkehr als möglichen Lösungsweg vorzuschlagen und aktiv dabei zu unterstützen – dann könnten womöglich beide, Ariop A. und die junge Frau, noch leben. Doch keine Unterkunftsträger haben ein Interesse daran, den dort untergebrachten Migranten eine Rückkehr nahezulegen. In der gesellschaftlichen Debatte gibt es oft nur die beiden Pole “Willkommenskultur” oder “Abschiebung”. Die Menschlichkeit und die individuellen Schicksale bleiben dabei häufig auf der Strecke.

Es wäre wichtig, den Raum zu schaffen, auch einmal die Opfer der Migration selbst wahrzunehmen. Diejenigen, die es nicht bewältigen, aus ihrer Welt herausgerissen und in eine Fremde geworfen zu werden. Die an der Kluft zwischen ihren eigenen Illusionen und den realen Möglichkeiten zerbrechen. Die ihre Sehnsucht nach der alten Heimat vor sich selbst und vor ihrer Umgebung verbergen müssen, bis sie innerlich davon aufgefressen werden.

Dies würde der deutschen Debatte viel Gift nehmen. Dann würde klar, dass es nichts mit Rassismus zu tun hat, wenn man auf die statistisch häufigeren Straftaten in bestimmten Migrantengruppen hinweist. Vielmehr könnte dies ein Schritt sein, um endlich zu erkennen, was mit diesen Menschen wirklich geschieht. Dass es oft die Gewalt der Migrationserfahrung selbst ist, die viele der späteren Probleme auslöst. Man kann Nius nur dafür danken, diese wichtigen Details im Zusammenhang mit dem schrecklichen Mord vonWandsbek berichtet zu haben.

Mehr zum Thema – Auf dem Weg nach Malmö oder Detroit?

Schreibe einen Kommentar