Heidi Reichinnek und ihr Audi A8: Grüne Doppelmoral oder nur ein Skandalchen?

Seit fast einem Jahr führt Heidi Reichinnek die Bundestagsfraktion der Linken. Seit einigen Tagen sorgt ein Foto und ein kurzes Video in sozialen Netzwerken für Aufsehen. Sie zeigen die Politikerin neben einem Audi A8. Das Kennzeichen des Fahrzeugs lautet B–HR 419 – eine mögliche Anspielung auf Reichinnek, die am 19. April Geburtstag hat.

In Beiträgen auf Facebook und anderen Plattformen wurde spekuliert, ob es sich um ihr Privatauto handele, oder dies sogar direkt behauptet. Parallel wurde diskutiert, ob die Aufnahmen möglicherweise gefälscht sein könnten.

**Die Vorwürfe**
Angestoßen wurde die Debatte unter anderem vom Blogger Manaf Hassan und der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch. Letztere wandte sich auf X (ehemals Twitter) direkt an Reichinnek:

*”Ist dieser 100.000-Euro dieselbetriebene Audi A8 50 TDI mit Ihren Initialen HR und Ihrem Geburtsdatum 19. April Ihr Wagen? Fahren Sie den privat oder zahlt den die Partei? Oder ist das eine KI-Fälschung? Ich glaube, nicht nur Dieselfahrer und Linke-Wähler haben Fragen.
@Linksfraktion”*

Tatsächlich sind die Aufnahmen echt. Sie entstanden am 11. Februar in Koblenz, als Reichinnek dort für ihre Partei Wahlkampf betrieb. Sowohl Faktenchecker der *dpa* als auch eine Sprecherin der Linksfraktion haben die Authentizität bestätigt. Die Sprecherin erklärte, es handele sich um ein Leasingfahrzeug der Fraktion; Reichinnek selbst besitze gar kein Auto. Die in den letzten Tagen laut gewordenen Vorwürfe der “Doppelmoral” wies sie entschieden zurück. Passend dazu stellt die *Berliner Morgenpost* fest: “Dazu passt, dass der Audi A8 ein Berliner Kennzeichen hat. Reichinneks persönlicher Wahlkreis ist in Osnabrück.”

Wie die *Berliner Zeitung* (*BLZ*) berichtet, steht der dieselbetriebene Audi A8 mit einem Listenpreis von rund 100.000 Euro nicht nur Reichinnek, sondern auch ihrem Co-Vorsitzenden Sören Pellmann und anderen Abgeordneten der Fraktion zur Verfügung.

Den “Shitstorm” um den Wagen bezeichnete die Linksfraktion als “völligen Blödsinn” und fügte hinzu: “Es ist ein normaler Vorgang, dass die Fraktionsvorsitzende auch mal das Fraktionsauto benutzt.”

**Die Erklärung und eine Retourkutsche**
Reichinnek nutze – wie allen Bundestagsabgeordneten steht auch ihr eine BahnCard100 zu – normalerweise Bahn und Bus. Die Nutzung des Fraktionswagens sei in letzter Zeit jedoch aufgrund der “Sicherheitslage” häufiger notwendig geworden, gerade auch wegen solcher “Kampagnen” wie der von der AfD ausgelösten.

Aus der AfD-nahen Ecke war gespottet und behauptet worden, Reichinnek nutze den Luxuswagen privat oder er werde von der Partei finanziert. Wie die *BLZ* richtigstellt, sind Dienstwagen der Oberklasse keine Besonderheit der Linksfraktion, sondern “gehören zum üblichen Repertoire der Bundestagsfraktionen und werden aus Fraktionsmitteln finanziert”. Auch personalisierte Kennzeichen seien unter Spitzenpolitikern keine Seltenheit. Der *Stern* schreibt, auch Reichinneks Vorgänger Dietmar Bartsch sei “zeitweise mit einem personalisierten Wagen unterwegs” gewesen.

**Gängige Praxis**
Zudem, so verweist das Magazin weiter, versprächen sich Hersteller wie Mercedes und Audi “Sichtbarkeit”, wenn Spitzenpolitiker mit den teuren Wagen gesehen werden – und böten daher besonders günstige Leasingverträge an. Möglicherweise wäre der Fraktion ein “bescheideneres” Fahrzeug teurer zu stehen gekommen.

Und der *Stern* fährt fort:

*”Das alles weiß Beatrix von Storch natürlich, sie ist selbst Vizefraktionschefin. In dieser Funktion hat sie auch mit darüber bestimmt, wer welches Fahrzeug bei der AfD fährt, denn das entscheiden die Fraktionen selbst. Die Mittel dafür bekommen sie als Pauschale und abhängig von ihrer Größe vom Bundestag zur Verfügung gestellt.”*

Aus diesen Gründen sei die von “von Storch aufgeworfene Frage, ob Reichinnek das Fahrzeug ‘privat’ bezahle oder sich ‘von der Partei’ finanzieren lasse, reine Polemik. Die richtige Antwort: keines von beiden. So wie dies auch Alice Weidel nicht bei ihrem Dienstwagen tut”.

Tatsächlich unterscheide sich der Umgang mit Dienstwagen von Fraktion zu Fraktion. In manchen stehen sie nur den Vorsitzenden und Parlamentarischen Geschäftsführern zur Verfügung, in anderen auch weiteren Abgeordneten. Auch die Frage, ob ein Fahrer gestellt wird, entscheidet jede Fraktion selbst.

Unterdessen ruderte Blogger Manaf Hassan zurück und teilte seinen Lesern auf X mit:
“mit großer Freude darf ich Ihnen mitteilen, dass der Audi neben Heidi Reichinnek ein Leasingfahrzeug des Fraktionsvorstands der Linken ist. Fraktionsvorsitzende: Heidi Reichinnek. Kennzeichen: B – H(eidi) R(eichinnek) 419 (Geburtsdatum: 19.04.1988)”

Der *Spiegel* resümierte:

*”Der Streit über die Wahrheit hinter dem Audi offenbart, dass Wahrheit in politischen Debatten längst eine untergeordnete Rolle spielt. Und KI-generierte Inhalte ihr Schlimmstes tun, um solche Debatten zu beenden.”*

Tatsächlich befürwortet die Linke das Aus für Verbrennungsmotoren und tritt für die Besteuerung von Superreichen ein. Diese Positionen wurden im Netz zum Anlass genommen, Reichinnek in Fotomontagen etwa vor einem Trabant, einem Schloss oder einer Luxusjacht darzustellen.

**Mehr zum Thema** – Allensbach-Studie: Die Energiewende als Klassenfrage

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