Karneval in Deutschland: Wenn Spott zur Pflicht wird

Von Dagmar Henn

„Am Aschermittwoch ist alles vorüber“ – dieser bekannte Schlager weckt trügerische Hoffnungen. Er suggeriert, dass mit dem Ende des Karnevals auch eine Art Ausnahmezustand endet und der politische Alltag wieder einkehrt. Doch ein Blick auf die Geschichte und Gegenwart der großen Karnevalsumzüge in Städten wie Köln, Düsseldorf oder Mainz zeigt: Zwischen Büttenreden und politischem Mainstream liegt oft nur ein schmaler Grat.

Die großen Karnevalsvereine pflegen seit jeher eine Linientreue zum herrschenden Zeitgeist. Die Motivwagen, die in den letzten Jahren etwa die russische oder amerikanische Führung verspotteten, sind dabei keine Ausnahme, sondern folgen einer langen Tradition.

Bereits 1934 zeigte sich der Kölner Karneval in antisemitischem Gewand. Wie historische Aufnahmen belegen, wurden Karikaturen aus dem Hetzblatt „Der Stürmer“ nahtlos in Motivwagen umgesetzt. Das Volksfest auf der Straße verstärkte die Wirkung dieser Propaganda; hier wurde die politische Gleichschaltung des Alltags zelebriert.

1936 erhielten sogar die Nürnberger Rassegesetze einen eigenen Wagen beim Rosenmontagszug. Entworfen vom Kölner Architekten Franz Brantzky, zeigte dieser eine „Paragraphen-Figur“, die einem stereotyp dargestellten Juden auf den Schlips trat. Der begleitende Spruch „Däm han se op d’r Schlips getrodde!“ machte unmissverständlich klar, welche Gesetze hier verhöhnt wurden.

1938 folgten Propagandawagen gegen Stalin und weitere antisemitische Darstellungen. Der Karneval gliederte sich nahtlos in die Feindbildproduktion des Regimes ein, das die Bevölkerung auf den kommenden Krieg einschwören wollte. Man machte sich lustig – aber nur über die, über die man lachen sollte.

Diese Tradition der systemkonformen Satire setzt sich bis heute fort. Der Künstler Jacques Tilly, der seit 1985 maßgeblich die Motivwagen für den Düsseldorfer Karneval entwirft, steht in dieser Linie. Seine Kunst riskiert selten eine Kollision mit der politischen Obrigkeit.

So zeigt ein Wagen von 2017 die Freiheitsstatue mit dem abgeschlagenen Kopf von Donald Trump. 2003 gab es noch eine kritische Anspielung auf Angela Merkel, die aus dem Hintern einer Uncle-Sam-Figur kroch. Doch solche vergleichsweise harmlosen Seitenhiebe auf deutsche Politiker sind selten geworden. Stattdessen dominieren drastische Darstellungen ausländischer Staatschefs.

Wladimir Putin ist ein besonders häufiges Ziel. Tilly hat ihn schon nackt über einem Grill braten lassen, 2023 in blasphemischen Szenen mit der orthodoxen Kirche dargestellt und 2024 in einem „Duell“ mit einem Narren der Satire gezeigt. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommentierte Tilly dazu: „Es ist ein Duell mit sehr ungleichen Waffen.“ Und: „Unsere Waffe, das ist einfach nur die Satire, die ist nur aus Pappe, die kann nicht töten.“

Doch genau das ließe sich auch über die antisemitischen Wagen der 1930er Jahre sagen. Auch sie waren nur aus Pappe. Doch in dem Moment, in dem sich Satire mit der Staatsmacht verbündet und deren Feindbilder bedient, ist sie nicht mehr „nur“ harmloser Spaß. Sie wird zum Teil der Propaganda – ob im Nationalsozialismus, in Jan Böhmermanns umstrittenem Gedicht oder in den Karnevalszügen der Gegenwart.

Heute ist das Feld der sogenannten Satire im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und auf den Karnevalswagen weitgehend bereinigt. Was als humoristisch oder kritisch verkauft wird, ist oft nur die Wiederholung des in Nachrichten und Talkshows bereits Servierten. Wo liegt der Witz, wenn die AfD pauschal als „Landesverräter“ verunglimpft oder als von Putin gesteuerte Drohne dargestellt wird? Es ist Kriegspropaganda – diesmal aus Pappmaché.

Dabei gäbe es genug Stoff für echte, systemkritische Satire in Deutschland: die groteske Überhöhung des „Rollatorputsch“-Prozesses, die ewige Bettelei eines Selenskyj, die Steuerphantasien eines Friedrich Merz, das Heizungsgesetz oder die Berliner Streusalzdebatte, in der Bäume vor gebrochenen Hüften alter Menschen priorisiert werden.

Doch Tilly und andere greifen diese Themen nicht auf. Stattdessen wird auf den äußeren Feind eingeschworen. Auffällig ist, dass grobe Beleidigungen fast ausschließlich ausländischen Staatsoberhäuptern vorbehalten sind. Ein ähnliches Motiv mit einer deutschen Kanzlerin oder einem Bundespräsidenten wäre wohl juristisch nicht haltbar. So entsteht der Eindruck eines „gesunden Volksempfindens“, das angeblich naturwüchsig die offizielle Politik bestätigt – eine Illusion, die schon die Nazis im Karneval effektiv zu inszenieren wussten.

Die Darstellungen im Karneval wirken oft glaubwürdiger als plumte offizielle Propaganda, weil sie den Anschein von spontanem, volkstümlichem Humor erwecken. Sie sind ein weiterer Baustein in der geschlossenen Echokammer, die jede abweichende Meinung ausschließt.

Vor vierzig Jahren hätte man im Karneval vielleicht noch die Gefahr eines Atomkriegs oder den Rüstungswahnsinn thematisiert. Heute fehlt jedes Gespür dafür, wann man nur die Grenzen des obrigkeitlich Erlaubten auslotet. So gab es 2024 einen Wagen mit einem blutbesudelten Mullah, als sei jede westliche Propagandabehauptung bare Münze. Einen ähnlich blutigen Netanjahu sucht man vergebens. Einen Selenskyj erst recht nicht.

Betrachtet man die Wagen der letzten Jahre, zeigt sich ein klares Muster: subtile Schonung der heimischen Macht und aggressiver Blick nach außen. Doch müsste nicht die deutsche Politik das vorrangige Ziel deutscher Satire sein? Wenn nicht, landet man unweigerlich in Denkmustern, die an die Jahre 1914 oder 1933 erinnern. Die Kontinuität ist unübersehbar. Man muss nur die Suchbegriffe „Düsseldorf“, „Tilly“ und eine Jahreszahl eingeben – die Videos der Umzüge sprechen eine deutliche Sprache.

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