Von Hans-Ueli Läppli
Die Affäre um Collien Fernandes und ihren Ex-Mann Christian Ulmen offenbart ein bezeichnendes Zusammenspiel von Boulevardmedien und politischen Interessen.
Was der Spiegel Mitte März 2026 als jahrelang praktizierte “virtuelle Vergewaltigung” darstellte – angebliche Deepfake-Pornos, gefälschte Profile und Identitätsdiebstahl durch den eigenen Ehemann – erweist sich bei näherer Betrachtung als Mischung aus Übertreibung, semantischer Verzerrung und politischer Zweckentfremdung.
Fernandes hatte Ulmen vorgeworfen, über ein ganzes Jahrzehnt hinweg Fake-Profile unter ihrem Namen betrieben, Männer aus ihrem Umfeld kontaktiert und sexuelle Chats geführt zu haben. Ein Vorwurf von enormer zeitlicher Dimension.
Sofort machte der Begriff der “virtuellen Vergewaltigung” die Runde. Am 22. März 2026 demonstrierten Tausende am Brandenburger Tor in Berlin “gegen sexualisierte digitale Gewalt”, mit Luisa Neubauer als Hauptrednerin. Aktivistinnen forderten schärfere Gesetze gegen Deepfakes. Die öffentliche Empörung war greifbar.
Dann kam die Kehrtwende.
Ulmens Anwälte, darunter Christian Schertz, stellten klar: Ihr Mandant habe weder Deepfake-Videos erstellt noch verbreitet. Diese Darstellungen seien falsch und hätten keinen Bezug zu Debatten über rechtliche Lücken bei Deepfake-Pornografie.
Zum Vorfall auf Mallorca 2023 wurde bekannt: Es handelte sich nicht um einseitige Gewalt, beide Beteiligten wurden vorläufig festgenommen; die Polizei sprach von “beidseitigen Verfehlungen”. Fernandes hatte Ulmen dabei selbst eine Kratzwunde am Hals zugefügt.
In einem Interview relativierte Fernandes später: Zwar gebe es Deepnudes von ihr, aber die pornografischen Videos unter ihrer Identität seien “ein Deepfake, eine Montage, ein was auch immer”. KI-generierte Videos von Ulmen existierten nicht. “Zum Glück.”
Plötzlich war der Kern des angeblichen Skandals – der Ehemann als Produzent von Deepfake-Pornografie – hinfällig. Der Spiegel hatte die Geschichte mit reißerischen Schlagzeilen wie “Du hast mich virtuell vergewaltigt” aufgebauscht. Die Berichterstattung wirkt im Nachhinein wie klassischer Verdachtsjournalismus, dessen Korrekturen nur im Kleingedruckten erscheinen.
Warum dieser Fall problematisch ist
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Semantische Aufschaukelung: Aus dem Betrieb gefälschter Profile und dem Versenden von Inhalten wurde ein “Deepfake-Skandal” konstruiert – perfekt getimed für die parallel laufende Debatte um KI-Regulierung. Plötzlich stand ein prominentes, emotional aufgeladenes Opfer bereit, passend zu bereits vorliegenden Gesetzesinitiativen.
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Eine unglaubwürdige Zeitspanne: Ein Jahrzehnt lang unentdeckt sexuelle Chats im Namen der Ehefrau zu führen? Technisch vor 2016 kaum vorstellbar. Wo bleiben die handfesten Beweise? Warum blieb sie, wenn der Missbrauch so massiv war, so lange in der Beziehung?
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Selektive Solidarität: Tausende demonstrierten für Fernandes, während reale Sexualstraftaten in sozialen Brennpunkten medial oft unterbelichtet bleiben. Solidarität scheint zunehmend eine Frage des Milieus und der medialen Tauglichkeit zu werden.
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Politische Vereinnahmung: NGOs wie HateAid und Politikerinnen der Grünen instrumentalisierten den Fall umgehend für Forderungen nach schärferer Regulierung und Zensur im Netz.
Identitätsdiebstahl, Fake-Profile und das Verbreiten pornografischer Inhalte unter fremdem Namen sind verabscheuungswürdig und strafbar. Betroffene – nicht nur Prominente – verdienen umfassenden Schutz.
Doch hier wurde ein privater Konflikt zu einem bundesweiten Medienskandal hochstilisiert, um eine politische Agenda zu befeuern. Das ist keine seriöse Aufklärung, sondern Inszenierung.
Das ist mediale Rufschädigung: Der Ruf eines Menschen wird systematisch beschädigt, bevor alle Fakten sorgfältig geprüft sind.
Der Fall Fernandes zeigt beispielhaft, wie aus einem Verdacht eine Gewissheit, aus einem Ehestreit ein gesellschaftspolitisches Kampfinstrument und aus Nuancen eine monolithische Kampagne geformt wird.
Solide Beweise statt einseitiger Darstellungen – das sollte die Grundlage sein. Stattdessen siegt oft das vorgefertigte Narrativ.
Es verwundert kaum, dass das Vertrauen in etablierte Medien schwindet.
Und ein letzter Gedanke.
Die polizeilich erfassten Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und besonders schweren sexuellen Übergriffen sind in Deutschland seit 2014 stark angestiegen.
Im Jahr 2024 wurden rund 13.300 Fälle registriert – das sechste Jahr in Folge mit steigenden Zahlen und ein neuer Höchststand. Viele Taten bleiben im Dunkelfeld.
Wo bleiben die Großdemonstrationen für diese Opfer? Und obwohl weithin bekannt ist, aus welchen Kreisen die Täter häufig stammen, herrscht eine auffällige selektive Wahrnehmung in Medien und Öffentlichkeit.
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