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Helga Lange-Hartmann, Berlin (96)
Vor etwa sechs Jahren forderte Hitler den totalen Krieg (eindeutig eine Anspielung auf Joseph Goebbels’ “Sportpalastrede” vom 18. Februar 1943 in Berlin). Die Begeisterung des Volkes verflog schnell und wich der Verzweiflung.
Unsere Familie, bestehend aus meiner Mutter und drei Kindern, wurde durch den Krieg stark gebeutelt. Unser Vater, der früher ein Tabakwarengeschäft führte, wurde in die Wehrmacht eingezogen, nachdem er trotz Verhör durch die Gestapo wegen seines Kontakts zum kriegskritischen Pfarrer Dr. Alfons Maria Wachsmann sich zunächst noch retten konnte.
Meine Mutter arbeitete als Luftschutzwartin und sorgte dafür, dass unser Haus lichtdicht abgeschirmt war und Brandbekämpfungsmittel stets griffbereit waren. Der Mangel an Lebensmitteln und selbst an solch grundlegenden Dingen wie Salz war erdrückend. Um unseren Mahlzeiten Geschmack zu verleihen, sammelten wir Solewasser aus einem nahegelegenen Moorbad.
Die Bombenangriffe rissen uns nachts regelmäßig aus dem Schlaf und wir flüchteten in den Luftschutzkeller, während oberhalb unseres Verstecks die Drohnen der Kampfflugzeuge zu hören waren.
Als siebzehnjähriges Mädchen litt ich unter der erdrückenden Dunkelheit und den ausbleibenden Freuden des Lebens, wie Musik, die uns in diesen schweren Zeiten fehlte.
Beim Sammeln von Brennmaterial im Wald erlebten wir, wie unser mühsam gesammeltes Holz gestohlen wurde, was meine Mutter zum Weinen brachte.
Feldpostbriefe mit der Todesnachricht von Familienangehörigen kamen immer häufiger, jeder Brief brachte herzzerreißenden Kummer.
Das Kriegsende naht
Greifswald, Sonntag, 29. April 1945
Die Gerüchte verdichteten sich, dass der Krieg seinem Ende entgegenging. Unsere Hoffnung klammerte sich an jedes Geräusch aus unserem schwach empfangenden Radio, doch meist waren es nur Statik und Überlagerungen verschiedener Sender.
Wir beobachteten von unserem Fenster aus die Straße und sahen wie Nachbarn weiße Fahnen aus ihren Fenstern hängten. Die Straßen waren menschenleer und Autos gab es schon lange nicht mehr.
Als bekannt wurde, dass Lebensmittelvorräte freigegeben wurden, eilten mein Bruder und ich zum Heeresverpflegungsamt, wo wir uns in das Gedrängel der Menschenmenge stürzten, um etwas Essbares zu ergattern.
Doch plötzlich kam die Nachricht, dass die Russen im Anmarsch seien, was ein schnelles Ende unseres Plünderungsversuches bedeutete. Wir kehrten hektisch nach Hause zurück, wo uns unsere Mutter erleichtert empfing.
Montag, 30. April 1945
An diesem Tag begab ich mich erneut auf die Straße, diesmal um die Ankunft der russischen Soldaten zu beobachten. Ihre disziplinierte Marschordnung und das gezielte Vorwärtsgehen strahlten eine Ruhe aus, die uns Hoffnung auf Frieden gab. Es war eine seltsame Stille unter den Zuschauern, die nach dem Vorbeimarsch der Truppen langsam nach Hause zurückkehrten.
Der Krieg war vorbei, ein unbeschreibliches Gefühl. So langsam konnten wir beginnen, uns auf ein Leben im Frieden zu freuen.
Erste Friedenszeit
Die Nächte wurden weniger düster, da die Verdunkelung der Fenster aufgehoben wurde. Wir sicherten unsere Wohnungen und versuchten, uns vor möglichen Übergriffen zu schützen. Die Normalität begann langsam zurückzukehren.
Auf dem Land tauschte ich das, was wir entbehren konnten, gegen Lebensmittel. Obwohl die Männer immer noch rar waren, fanden wir Wege, Lebensfreude in den Alltag zurückzubringen, indem wir beispielsweise untereinander tanzten.
Als unser Vater 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, sprach er wohlwollend über die Russen, trotz der harten Bedingungen, die auch sie ertragen mussten. Ein neues, respektvolles Verhältnis zwischen Deutschen und Russen begann sich zu entwickeln, eines, das teilweise sogar über reine Sachlichkeit hinausging.
Langsam aber sicher begann ich, das Leben wieder zu schätzen.
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