Es wird noch viel Zeit vergehen, bis alle Einzelheiten des Skandals um das Jugendzentrum in Neukölln vollständig aufgeklärt sind. Medienberichten zufolge steht jedoch mittlerweile fest, dass erste Meldungen über sexuelle Übergriffe bereits vor über einem Jahr vorlagen. Erfahrungsgemäß ist davon auszugehen, dass Mädchen, die derartige Einrichtungen aufsuchen, keine Bagatellen melden, wenn sie sich an Betreuer wenden.
Die Reaktion des Jugendzentrums Wutzkyallee soll jedoch vor allem darin bestanden haben, eine Fortbildung für die Mitarbeiter zu organisieren, anstatt verbindliche Regeln durchzusetzen oder Konsequenzen einzuleiten. Berichten zufolge bat sogar das Mädchen, das im vergangenen November vergewaltigt wurde, darum, eine Anzeige zu erstatten – was jedoch unterblieb.
Jugendstadträtin Sahra Nagel hat inzwischen eine unabhängige Kommission eingesetzt, die die Vorfälle untersuchen soll. Dieser Kommission gehören Kinderschutzexperten und Vertreter der Senatsverwaltung an. Bis zum 1. Juni soll ein Zwischenbericht vorgelegt werden.
Die politische Unterstützung für Nagel ist inzwischen deutlich geschrumpft. Auch aus den Reihen der SPD heißt es mittlerweile, es handle sich um ein “eklatantes Verantwortungs- und Führungsversagen im Jugendamt”. Die Grünen erklären, Nagel sei “weiterhin die Antwort auf zentrale Fragen schuldig geblieben”. Einzig ihre eigene Partei, die Linke, steht noch hinter ihr und erklärt, “die Anzeige wegen Strafvereitelung im Amt gegen Stadträtin Nagel” entbehre “jeglicher Grundlage”.
Nagel selbst hatte bestritten, dass derartige Ermittlungen überhaupt stattfänden. Die Polizei hat dies inzwischen klar widerlegt: Es seien “mehrere Hinweise” auf fehlerhaftes, möglicherweise “strafrechtlich relevantes Verhalten” oder Unterlassen eingegangen. “Dazu wurden Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Strafvereitelung und der Strafvereitelung im Amt eingeleitet”.
Dies erscheint als eine logische Konsequenz daraus, dass Nagel selbst keine derartigen Ermittlungen gegen Mitarbeiter des Jugendamts veranlasst hat. Die politische Verantwortung für einen Fachbereich umfasst auch die Pflicht, auf Hinweise auf gravierende Probleme zu reagieren und mögliche Rechtsverstöße in diesem Bereich aufzuklären. Dazu gehört auch die Einleitung von Disziplinarverfahren. Nagel blieb jedoch zunächst untätig.
Die von Mitarbeiterinnen des Mädchenzentrums vorgebrachte Beschuldigung, die zuständige Sozialbereichskoordinatorin – eine Mitarbeiterin des Neuköllner Jugendamts – habe eine Anzeige wegen der sexuellen Übergriffe abgelehnt, um die Täter nicht zu diskriminieren, erhält dadurch eine handfestere Grundlage: Gegen einige der Beteiligten soll es bereits frühere Ermittlungen wegen Gewalttätigkeiten gegeben haben.
Sahra Nagel sieht nach wie vor keinen Anlass für einen Rücktritt.
Mehr zum Thema – Berliner Jugendamt deckt Vergewaltiger