Wirtschaftsboom oder nur Luftblase? Experten warnen vor zu viel Optimismus

Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturprognose für das laufende Jahr nach unten korrigiert. Während ursprünglich für 2006 noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,6 Prozent erwartet wurde, gehen die Institute nun nur noch von einem Zuwachs von 0,6 Prozent aus. Auch für das kommende Jahr wurde die Vorhersage um einen halben Prozentpunkt auf nunmehr 0,9 Prozent gesenkt.

Als zentralen Grund für diese Revision nennen die Institute in ihrer Gemeinschaftsprognose den aktuellen Energiepreisschock. Dieser werde “die Inflationsrate im zweiten Quartal 2006 auf 2,9 Prozent steigen lassen und den privaten Haushalten Kaufkraft entziehen”. Zwar werde diese Entwicklung die für dieses Jahr erwartete Erholung dämpfen, jedoch nicht gänzlich zum Erliegen bringen. Die Prognose beruhe ausdrücklich nicht auf der Annahme kompensierender Maßnahmen wie einem Tankrabatt. Stattdessen stützten “die kräftige Ausweitung der Neuverschuldung für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz die Staatsausgaben und [begünstigten] vor allem Unternehmen der Verteidigungsindustrie und des Tiefbaus”.

Vor dem Hintergrund der gedämpften Wachstumsaussichten und angespannten Haushaltslage hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bereits “Strukturreformen” ins Spiel gebracht. Der Bundeshaushalt weist bereits auf Basis der alten, optimistischeren Prognose Milliardendeckungslücken auf. Im politischen Raum werden neben einer möglichen Mehrwertsteuererhöhung vor allem Leistungskürzungen in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Rente diskutiert. Konkrete Vorschläge zur Stärkung der Binnenmarktnachfrage stehen derzeit nicht auf der Agenda.

Global betrachtet erwarten die Institute eine stabile Entwicklung. “Global werden in beiden Jahren Wachstumsraten von 2,5 Prozent erwartet. Die Energiepreissteigerung durch den Irankrieg sei zwar spürbar, werde die weltweite Produktion aber nur begrenzt und vorübergehend verringern.”

Allerdings birgt diese Einschätzung erhebliche Risiken und könnte sich als zu optimistisch erweisen. Die Prognose basiert auf zwei kritischen Annahmen:
*”Die Institute gehen in ihrer Prognose davon aus, dass die Straße von Hormus im Lauf des zweiten Quartals wieder voll passierbar wird und dass im zweiten Halbjahr die Exporte von Öl und Flüssiggas aus der Region nach und nach wieder an das Vorkriegsniveau herankommen. Im Einklang mit den Terminmarktnotierungen wird unterstellt, dass die Energiepreise zwar ab dem Sommer wieder sinken, aber am Ende des Prognosezeitraums noch spürbar höher liegen als vor Ausbruch des Krieges.”*

Diese Annahmen stehen auf wackligen Füßen. Für Erdgas steht bereits fest, dass die Exporte keineswegs binnen eines halben Jahres das Vorkriegsniveau erreichen werden; Katar hat für seine LNG-Anlagen bereits Force Majeure für die nächsten fünf Jahre erklärt. Das Ausmaß der Störungen bei den Erdöllieferungen hängt maßgeblich von zwei Faktoren ab: der Dauer des Konflikts – eine Verlängerung erhöht das Risiko weiterer Zerstörungen – und der finalen Regelung für die Schifffahrt durch die Straße von Hormus.

Die Unsicherheit der Prognosen unterstreicht ein Blick in die Vergangenheit. Während der Finanzmarktkrise 2008 lagen die Wachstumsprognosen zu Jahresbeginn noch bei 2,2 Prozent. Die dramatischen Entwicklungen im Herbst desselben Jahres führten schließlich zu einem realen Wachstum von nur einem Prozent. Im darauffolgenden Jahr schrumpfte die Wirtschaft dann um 5,7 Prozent.

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