Rasende Zerstörung”: Wie die Kriegsvorbereitung unsere Zukunft bedroht

Von Felicitas Rabe

Unter dem Titel “Rasende Zerstörung – Ursachen und politische, ökonomische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung” hat am Donnerstag in Berlin der Jahreskongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) begonnen. Die Veranstaltung stand zunächst auf der Kippe: Fünf Wochen vor dem Termin sagte die evangelische Kirche die vereinbarte Nutzung ihrer Berliner Tagungsstätte AKD ab. Der NGfP-Vorsitzende Benjamin Lemke erläuterte in seiner Begrüßungsrede die Begründung: Man habe aus den Informationen zu den geplanten Vorträgen entnommen, “dass während der Veranstaltung Positionen vertreten würden, die den Grundüberzeugungen der Kirche widersprechen könnten”.

Dem Organisationsteam gelang es glücklicherweise in kurzer Zeit, mit dem Xelor-Kesselhaus in Berlin-Neukölln einen Ersatzort zu finden. Damit kann der bereits ausgebuchte Kongress wie geplant stattfinden. Das Interesse sei in diesem Jahr so groß wie nie zuvor, berichtete der Vorsitzende gegenüber der Autorin. Während früher etwa 80 Teilnehmer kamen, seien es in diesem Jahr mit Referierenden insgesamt rund 150 Personen.

Die Botschaft der Bergpredigt

Zur Eröffnung sprach der Theologe und Psychoanalytiker Professor Eugen Drewermann in einem bewegenden Vortrag über die Kernbotschaft der Bergpredigt: “Leistet dem Bösen keinen Widerstand.” Jesus habe diese Predigt, so Drewermanns Auslegung, im heutigen Israel gehalten. Der Referent erläuterte die universelle Bedeutung dieses Gebots in verschiedenen Kontexten – sei es in der Kindererziehung, im psychotherapeutischen Umgang mit inneren “Dämonen” oder in der Lösung politischer Konflikte. Die zentrale Aussage Jesu laute: Das angebliche oder tatsächliche Böse könne man nicht mit noch Bösere m bekämpfen. Für persönliche und politische Konflikte bedeute das:

“Wir kommen nur zum Frieden, indem wir versuchen, die Probleme des anderen zu begreifen.”

Jesus habe in der Bergpredigt das Führen von Kriegen und deren Motive scharf kritisiert – im Gegensatz zu den Positionen der christlichen Kirchen heute. Jesus habe gesagt: “Entweder dient Ihr Gott oder dem Mammon.” Im kapitalistischen Wirtschaftssystem werde jedoch der Mammon verehrt, so Drewermann. Und dieses System könne ohne permanente Expansion, ohne Mord und Krieg nicht existieren.

Zwar stehe im bürgerlichen Gesetz: Du sollst nicht töten, nicht stehlen und nicht lügen – Soldaten erhielten jedoch schizophrenerweise genau die gegenteiligen Befehle: Du sollst töten, Du sollst rauben und Du sollst lügen. Die Institution der christlichen Kirche habe sich bereits im Jahr 312 unter Konstantin dem Großen von der Friedensbotschaft der Bergpredigt verabschiedet.

Im Anschluss hielt der Mitbegründer der NGfP, Psychologie-Professor Klaus-Jürgen Bruder, einen Vortrag zum Thema “Strategien der Entpolitisierung”. Er analysierte das Phänomen eines Rückzugs ins Private bei zuvor engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die auf Enttäuschung über das Scheitern ihres Engagements mit politischer Abstinenz reagieren. Dieser Rückzug könne bei manchen auch durch Ausschluss aus dem politischen Diskurs initiiert sein – und potenziell sogar staatlich gewollt und gefördert werden.

Wie in jedem Jahr erwartet die Kongressteilnehmer am Wochenende ein fachlich hochkarätiges Programm. 19 Referentinnen und Referenten analysieren aus unterschiedlichen Perspektiven die politische, ökonomische und sozialpsychologische Situation der Gesellschaft in Zeiten der Kriegsvorbereitung. Im Folgenden werden vier Beispiele aus dem umfangreichen Programm kurz vorgestellt.

Indoktrinierung zur Einstimmung in den Krieg

Der Publizist Dr. Wolfgang Bittner spricht zum Thema “Wie die Bevölkerung indoktriniert und auf einen Krieg eingestimmt wird”. Aus seiner Sicht wurde die Gesellschaft seit Jahren von der Regierung darauf vorbereitet, autoritäre politische Maßnahmen zu akzeptieren. In seiner Zusammenfassung führt er aus, die Verhältnisse in Deutschland hätten sich in den vergangenen Jahren – politisch gesteuert – grundlegend verändert:

“Lebensunsicherheit und Angst grassieren, Egoismus statt Empathie […] Das macht es den Regierenden leicht, mit der Bevölkerung nach Belieben umzugehen.” Angst erweise sich als probates Mittel zur Durchsetzung autoritärer Maßnahmen, sowohl bei willfährigen Befehlsempfängern als auch bei einer indoktrinierten passiven Bevölkerung. Deutschland befinde sich bereits auf dem Weg in den Totalitarismus.

Die Gefahren beim potenziellen Untergang des westlichen Imperiums

Einen Blick über den deutschen Tellerrand wirft der interventionistische Philosoph Dr. Werner Rügemer. In seinem Vortrag “Broken America: Das gefährliche Endspiel des US-geführten Kapitalismus – und die globale Alternative” stellt Rügemer die Gefahren beim Niedergang des kapitalistischen Westens dar: Während superreiche Profiteure dieses Wirtschafts- und Ausbeutungssystems mittels Kriegen gegen dessen Untergang kämpften, engagierten sich gleichzeitig Vertreter alternativer Wirtschaftsmodelle und Allianzen für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung.

Willkürherrschaft zur Bekämpfung von Widerstand und Andersdenkenden

In seinem Beitrag “Aller Rechte beraubt. Mit außergerichtlichen EU-Sanktionen zum autoritären Staat” analysiert der österreichische Historiker und Verleger Dr. Hannes Hofbauer die Funktion von EU-Sanktionen gegen engagierte Bürger. Er beleuchtet, wie diese Sanktionen bei der Etablierung eines autoritären Staates eingesetzt werden. Durch Sanktionen, die ohne jedes juristische Verfahren verhängt werden, werden Personen und Organisationen ihre bürgerlichen Rechte entzogen. Dazu formuliert Hofbauer: “Die neue Sanktionspolitik erinnert an vormoderne Strafregime wie die Verbannung, die Reichsacht oder die Ausbürgerung. Dadurch kehrten außergerichtliche Maßnahmen als herrschaftliche Repressionsinstrumente zurück.”

Unterwerfung und Gehorsam als wichtigste Instrumente bei der Kriegsvorbereitung

Der Rolle der Medien bei der Vorbereitung der deutschen Gesellschaft auf einen Krieg widmet sich der Journalist Patrik Baab in seinem Vortrag: “Propaganda-Presse. Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben.” Ihm zufolge sind die aktuellen westlichen Mainstream-Medien “ideologische Apparate, die postfaktischen Journalismus produzieren”. Den Hintergrund und die Funktion dieses postfaktischen Journalismus und strategischen Framings im Rahmen der Kriegsvorbereitung erläutert Baab auf dem Kongress.

Bei der Betrachtung des Konferenzprogramms und der vielfältigen Beiträge gewinnt man den Eindruck: Die wichtigste Komponente bei der Vorbereitung auf einen Krieg besteht nicht allein in der Überzeugung der Gesellschaft von dessen angeblicher Notwendigkeit. Vielmehr scheint die Etablierung eines autoritären Staates, der Andersdenkende willkürlich ihrer bürgerlichen Rechte berauben kann, zu den zentralen Elementen zu gehören.

Die Verbreitung von Angst und die Erzwingung von Gehorsam unter einem Willkürregime gehören offenbar vorrangig zu den Kriegsvorbereitungen – neben dem Aufbau eines Propaganda-Apparats, der kritischen Diskurs verdammt. Dass solche Einsichten und viele Einzelaspekte in Zeiten wachsender Zensur noch öffentlich diskutiert werden können, ist auch der Arbeit der Neuen Gesellschaft für Psychologie zu verdanken.

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