Stader Journalist fordert: “Russischsprachige bei Stadtführungen ausschließen!” – Eskaliert die Russophobie?

Von Astrid Sigena

Wenn von Russophobie die Rede ist, denkt man meist zuerst an Politiker. Wer erinnert sich nicht an Merz‘ Aussage zur russischen Barbarei, an Wadephuls ewige Feindschaftserklärung gegen Russland oder – jüngst – an Steinmeiers Behauptung, Europa müsse seine Sicherheit gegen und nicht mit Russland organisieren, und dass es auch nach dem Ukraine-Krieg keinen Frieden geben werde. Auch Talkgäste wie Florence Gaub tragen ihr Scherflein bei, um Russen als „die Anderen“ zu stigmatisieren: Russen seien keine Europäer, auch wenn sie so aussähen, und hätten einen anderen Zugang zu Gewalt, Leben und Tod, erklärte die NATO-Forschungsdirektorin im Jahr 2022.

Weniger im Fokus der Kritik steht oft die Presse. Dabei sind es nicht selten Journalisten, die ihre Leserschaft zu Hass gegen Russen aufstacheln. Und das nicht nur in großen Medienhäusern, sondern auch in kleineren, lokalen oder regionalen Publikationen. Nur wenigen dürfte etwa das regionale Anzeigenblatt Kreiszeitung Wochenblatt ein Begriff sein, das unter anderem im niedersächsischen Landkreis Stade erscheint. Dessen Stader Redaktionsleiter Jörg Dammann hielt es in einem Artikel vom 24. März für skandalös, dass das Stader Stadt-Marketing auf seinen Social-Media-Kanälen auch einen Stadtrundgang auf Russisch bewirbt. An sich nichts Ungewöhnliches. Auch die benachbarte Großstadt Hamburg bietet Stadtführungen in verschiedenen Fremdsprachen an, darunter Russisch.

Am 18. April um 12 Uhr lädt Stadtführerin Tetyana also russischsprachige Gäste und auch einheimische Stadtbewohner dazu ein, die Hansestadt an der Unterelbe neu zu entdecken. Die Reaktionen in den sozialen Medien sind durchweg positiv. Auf Instagram fanden sich bereits drei russischsprachige Interessenten, und auf Facebook freute sich ein Nutzer, dass „die Geschichte unserer schönen Stadt nun unseren russischen beziehungsweise deutsch-russischen Mitbürgern erzählt wird“.

Eigentlich wäre damit alles in bester Ordnung. Es bliebe nur noch, beim Wetterheiligen Petrus schönes Wetter für Stadtführerin Tetyana und ihre Gäste zu erbitten. Wenn, ja wenn sich nicht der Lokaljournalismus in Person von Jörg Dammann eingeschaltet hätte. Leser hätten sich irritiert an die Redaktion der Kreiszeitung Wochenblatt gewandt, so Dammann, nachdem das Russisch-Angebot der Stader Marketing- und Tourismusgesellschaft (SMTG) bekannt geworden sei. „Vor dem Hintergrund des anhaltenden russischen Angriffskriegs“ sei ihnen unverständlich, wie die SMTG so verfahren könne.

Für Journalist Dammann war der Wunsch seiner Leser Befehl, und er ging der Sache nach. Stadtrat Carsten Brokelmann, seines Zeichens Aufsichtsratsvorsitzender der SMTG, verteidigte die Aktion: Die Gästeführerin sei Ukrainerin und biete Führungen sowohl auf Russisch als auch auf Ukrainisch an. Die Nachfrage sei gut. In Stade lebten zahlreiche Russlanddeutsche, deren Deutschkenntnisse „manchmal recht bescheiden“ seien. Das Thema sei politisch völlig unverdächtig.

Bereits diese Rechtfertigung hinterlässt einen faden Beigeschmack. Da ist zum einen der betonte Verweis auf die ukrainische Nationalität der Gästeführerin. Dieser erweckt den Eindruck, als solle dadurch die Stadtführung auf Russisch erst akzeptabel werden. Wäre sie in den Augen des Stadtrats weniger akzeptabel, wenn eine Russin die Führung leitete? Zum anderen die bewusste Nennung der Russlanddeutschen als Zielgruppe. Offenbar erscheinen auch sie akzeptabler als etwa Touristen aus Russland. Es wirkt, als habe sich der SMTG-Vertreter von Dammann in die Enge treiben lassen. Ein selbstbewusstes Bekenntnis zu einem weltoffenen Touristik-Angebot, das auch russische Gäste Stades explizit einschließt, sieht anders aus.

Die Lokalzeitung befragte auch die Bürgermeisterkandidaten von CDU und SPD zu ihrer Haltung bezüglich der russischsprachigen Stadtführung. Immerhin: Der CDU-Kandidat Arne Kramer betonte Stades Anspruch, „eine weltoffene Stadt“ zu sein. Dazu gehöre auch, „Menschen einzubinden statt sie auszuschließen“. Er halte „Angebote wie die Stadtführung auf Russisch gerade in Zeiten politischer Spannungen“ für „sinnvoll, um Verständnis zu fördern und Distanz abzubauen“. Kramer bekannte sich also recht offen zum Sprachangebot der Hansestadt für russische Touristen, auch wenn es bei ihm ebenfalls nicht ohne Verurteilung „des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine“ ging. Auch der Hinweis, das Stadtführungsangebot richte sich nicht an den russischen Staat, durfte nicht fehlen.

Den SPD-Kandidaten Kai Koeser zitierte das Wochenblatt ebenfalls. Demzufolge zeigte Koeser Verständnis für die Kritik an dem Russisch-Angebot, rechtfertigte es jedoch mit der hohen Anzahl Stader Bürger, deren Muttersprache Russisch ist. Man dürfe sie nicht „mit der Politik des Kremls“ gleichsetzen. Das russischsprachige Stadtführungsangebot diene somit der Integration und der besseren Kenntnis der Stadt.

Wer von den Lokalpolitikern eine klare Abfuhr der engstirnigen, russophoben Sichtweise des Wochenblatts und eines Teils seiner Leserschaft erhofft hatte, ging also leer aus. Dementsprechend ermutigt fühlte sich Jörg Dammann, das Russisch-Angebot bei den städtischen Gästeführungen scharf zu kritisieren.

Gegenüber „dem russischen Aggressor“ müsse man „eine klare und widerspruchsfreie Haltung“ zeigen. Es gehe nicht an, dass der Landkreis Stade Hilfskonvois in die Ukraine schicke und gleichzeitig die Stadt touristisch auf Russisch aktiv werde. Wolle man damit am Ende russische Urlauber erreichen, „die wegen des Iran-Krieges Dubai den Rücken kehren und nun neue Destinationen suchen?“ Offenbar eine Horrorvorstellung für Dammann.

Der Redaktionsleiter des Anzeigenblatts stürzt sich auch auf die recht ungeschickte Argumentation der Stadtvertreter, die auf die mangelnden Deutschkenntnisse der örtlichen Russlanddeutschen verwiesen hatten. Offenbar hat Dammann hier eine Schwachstelle erkannt, die er ausnutzen kann: Sprachkurse und gezielte Integrationsangebote wären das Mittel der Wahl zur Verbesserung der Deutschkenntnisse, keineswegs „zusätzliche Angebote in der Herkunftssprache“. Was Dammann verschweigt: Auch etliche Ukraine-Flüchtlinge bevorzugen meist die Kommunikation auf Russisch, nicht auf Ukrainisch – ein Faktum, das nicht in sein Narrativ passt.

Jörg Dammann beteuert, es gehe ihm nicht darum, „Menschen aufgrund ihrer Sprache auszuschließen oder pauschal zu bewerten“. Es gehe vielmehr darum, ein Zeichen zu setzen. Diese Beteuerung ist scheinheilig. Denn selbstverständlich geht es Dammann und seinen Mitstreitern darum, Russen auszugrenzen. Und natürlich ähnelt ihre Haltung einem geistigen Stoppschild mit der Botschaft: Russen sind in Stade unerwünscht. Wenn man es doch nicht vermeiden kann, dass sie nach Stade gelangen, sollten sie sich möglichst unauffällig und geduckt verhalten müssen. Keineswegs sollten sie selbstbewusst von ihrer Sprache Gebrauch machen dürfen, so die unterschwellige Botschaft.

Dreierlei bleibt zu hoffen: Erstens, dass möglichst viele Stader Bürger die Haltung ihres lokalen Wochenblatt-Redakteurs ablehnen. Zweitens, dass sie Jörg Dammann das auch signalisieren (er selbst hatte am Schluss des Artikels die „liebenLeserinnen und Leser” dazu aufgefordert, ihm ihre Meinung darüber mitzuteilen). Und drittens, dass am 18. April möglichst viele Russisch-Sprechende an der Stadtführung teilnehmen werden, seien es Russlanddeutsche, Russen oder russischsprachige Ukrainer. Auch jene, die eine russischsprachige Führung eigentlich nicht benötigen, weil sie gut Deutsch verstehen. Auch das hieße, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass sich Sprecher des Russischen nicht unsichtbar machen lassen. Und sich von hassschürenden Artikeln nicht einschüchtern lassen.

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