Wohnungsnot in Deutschland: “Die Mieten explodieren – und keiner schützt uns!

Von Alexandra Nollok

Mit 73 Jahren musste Gerlinde S. noch einmal umziehen. Die Kosten für ihre alte Wohnung im Zentrum einer Kleinstadt in der sachsen-anhaltischen Börde waren über ihren Kopf gewachsen. Jetzt lebt sie im günstigsten Segment: zwei Zimmer im Plattenbau, 46 Quadratmeter, dritte Etage ohne Aufzug – trotz ihrer Gehbehinderung. Die Warmmiete beträgt 560 Euro. Von ihrer kleinen Rente, knapp 1.050 Euro netto, bleibt ihr kaum genug zum Leben, zumal sie einen Kredit für neue Möbel abstottern muss. Dennoch lehnte das Amt ihren Antrag auf Grundsicherung ab. Auch diese Wohnung sei um etwa 110 Euro zu teuer.

Wie der 73-Jährigen ergeht es immer mehr einkommensschwachen Menschen in Deutschland: Rentnern mit kleinen Bezügen, Geringverdienern, Alleinerziehenden, Arbeitslosen. Schon ein einfaches Dach über dem Kopf wird für sie unerschwinglich, weil ihre Wohnkosten seit Jahren deutlich stärker steigen als ihre Einkommen. Gleichzeitig legen Bund und Kommunen die Mietobergrenzen für den Bezug von Wohngeld oder Grundsicherung so niedrig fest, dass Betroffene längst keine entsprechende Wohnung mehr finden können. Die Bundesregierung ist darüber informiert, zeigt aber laut ihrer neuen Antwort auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Caren Lay kein erkennbares Problembewusstsein.

Explodierende Mieten

Die Politikerin hatte die Angebots-Kaltmieten in größeren deutschen Städten abfragen lassen. Diese sind demnach in weniger als zehn Jahren im Durchschnitt um 43 Prozent gestiegen, wie das Handelsblatt berichtete. Den höchsten Zuwachs seit 2016 verzeichnete Berlin mit 69 Prozent, gefolgt von Leipzig mit einem Plus von 67 Prozent.

Damit lagen zwei ostdeutsche Städte an der Spitze. Den dritten Platz teilten sich Bremen und Duisburg, wo Mieter im vergangenen Jahr rund 46 Prozent mehr Grundmiete für eine neue Wohnung zahlen mussten als 2016. In Essen und Düsseldorf betrug der Anstieg 43, in Hamburg 42 Prozent. Obwohl München seit langem den teuersten Wohnungsmarkt Deutschlands hat, mussten Neumieter auch hier zuletzt 37 Prozent mehr aufbringen als neun Jahre zuvor. Die durchschnittliche Kaltmiete stieg auf fast 22 Euro pro Quadratmeter.

Unbezahlbar für Einkommensschwache

Zum Vergleich: Jobcenter und Sozialämter in München erkennen für eine Einzelperson lediglich eine Bruttokaltmiete von 911 Euro für eine 50-Quadratmeter-Wohnung an – inklusive aller Nebenkosten außer Heizung. Das sind 18,22 Euro pro Quadratmeter brutto, netto etwa 16 Euro kalt. Damit liegt die anerkannte Miete rund sechs Euro unter dem aktuellen Durchschnittsangebot. Beim Wohngeld sieht es nur marginal besser aus. Die Brutto-Höchstgrenze liegt hier bei 19,53 Euro, also gut 17 Euro netto Kaltmiete pro Quadratmeter.

Mit anderen Worten: Von Menschen mit geringem Einkommen wird erwartet, dass sie in Wohnungen ziehen, die es schlicht nicht mehr oder kaum noch gibt. Finden sie, wie vorhersehbar, keine bezahlbare Bleibe, rechnen die Behörden dennoch mit den unrealistisch niedrigen Sätzen. So wird Bedürftigen das gesetzlich garantierte Existenzminimum wegen eines Umstands gekürzt, für den sie nichts können. In ihrer Antwort schwadronierte die Regierung, Mietangebote seien “womöglich günstiger”, wenn man sich beispielsweise auf Wartelisten bei Wohnungsbauunternehmen setzen lasse. Eine Aussage, die man getrost als realitätsferne Ausrede werten kann.

Das “Speckgürtel-Syndrom”

Nun könnte man einwenden, Bedürftige könnten doch aufs Land ziehen. Doch auch dort explodieren die Mieten längst. Aufgrund des geringeren Ausgangsniveaus und vermehrten Zuzugs steigen sie teils sogar stärker als in Großstädten, wie eine Erhebung des Analysehauses Empirica im August vergangenen Jahres zeigte, über die unter anderem das Magazin Focus berichtete.

Demnach ist die Kluft zwischen Bestands- und Angebotsmieten auch in vielen Landkreisen inzwischen so groß, dass sich für viele ein Umzug aus einer zu großen in eine kleinere Wohnung finanziell nicht mehr lohnt. In einigen untersuchten ländlichen Regionen seien die Kaltmieten binnen nur drei Jahren um 29 bis 43 Prozent gestiegen – bei weiter steigender Tendenz.

Ein Grund ist das sogenannte “Speckgürtel-Syndrom”. Die Mietenexplosion in den Großstädten hat dazu geführt, dass auch Gutverdiener in das ländliche Umland ausweichen. Es entstehen Speckgürtel, die sich immer weiter ausdehnen. Auch die Börde-Kleinstadt, in der Gerlinde S. lebt, ist davon betroffen. Auf Kosten der umliegenden Wälder breiten sich Eigenheim- und Reihenhaussiedlungen aus. Zwar würden inzwischen auch größere Mehrfamilienhäuser neu gebaut, berichtete S. von ihrer Wohnungssuche. Für die Wohnungen darin, auch für kommunale, seien jedoch “Luxuspreise” fällig, sagte sie.

Horrende Nebenkosten

Hinzu kommt: Auch die Nebenkosten werden unbezahlbar. Nach einer Preisexplosion ab 2022 und einer anschließenden Stagnation schossen die Heizkosten im letzten Jahr erneut in die Höhe. Für 2026 deutet sich eine weitere Verschärfung an. Auch die Wasserver- und -entsorgung wird für Verbraucher immer teurer, wie die Zeitung für kommunale Wirtschaft im Februar berichtete.

Bereits 2023 zahlte ein durchschnittlicher Mieter in Nordrhein-Westfalen mehr als sieben Euro pro Quadratmeter zusätzlich zur Kaltmiete allein für Betriebskosten wie Heizung, Wasser, Abwasser, Müllentsorgung und Instandhaltung. Damit lagen die Nebenkosten für eine Wohnung schon fast auf dem Niveau der Kaltmieten vieler Bestandswohnungen.

Konzerne profitieren

Die Linken-Abgeordnete Caren Lay sprach von einem “politischen Versagen”. Die Mietpreisbremse tauge nicht, “um den rasanten Anstieg von Angebotsmieten auszubremsen”, sagte sie. Diese Regelung besagt, dass Vermieter bei Neuvermietung höchstens zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen dürfen. Dies wird nicht nur häufig umgangen, sondern treibt die Angebotsmieten selbst in die Höhe, da die Vergleichswerte kontinuierlich steigen.

Zumindest den Immobilieneigentümern beschert dies satte Renditen. So warf der Deutsche Mieterbund dem Konzern Vonovia kürzlich “aggressive Mieterhöhungen” vor, um seine Gewinne zu steigern. Im Schnitt hätten Mieter im vergangenen Jahr monatlich etwa 166 Euro allein für die Dividenden der Vonovia-Aktionäre aufgebracht.

Rendite mit Grundbedürfnissen

Doch dieses Prinzip ist nicht auf den Wohnungsmarkt beschränkt. Bei privaten Dienstleistern, darunter Energiekonzernen, verhält es sich nicht anders. Die neoliberalen Bundesregierungen der vergangenen Jahrzehnte haben Grundbedürfnisse der Bevölkerung – wie Wohnen und Energie – zunehmend privatisiert, damit private Investoren daraus Profit schlagen können. Kein Wunder, dass die Zahl der Wohnungslosen stetig steigt. Bereits vor zwei Jahren standen in Deutschland über eine Million Menschen ohne eigene Wohnung da – bei weiter steigender Tendenz.

Gerlinde S., die vier Kinder allein großgezogen und lange halbtags in einer Großküche gearbeitet hat, schlägt sich wie viele andere irgendwie durch. Doch die Armut zehrt

an ihr. Sie lebt nur noch vom Sparen und schiebt eine nötige Zahnbehandlung seit Jahren vor sich her. “Am meisten frustriert mich aber, dass ich meinen drei Enkeln kaum etwas schenken kann” – ein Schicksal, das sie mit vielen ihrer Nachbarn im Plattenbau teilt.

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