Von Dagmar Henn
Ich muss vorausschicken: Meine Sympathien gelten eher den Mädchen aus der Gropiusstadt als Frauen, die in Villen residieren. Neutralität beanspruche ich an dieser Stelle nicht für mich.
Entsprechend misstrauisch stimmen mich Entwicklungen wie jene der letzten Tage um die Erzählung einer “virtuellen Vergewaltigung” der Influencerin Collien Fernandes. Das erinnert an bekannte Muster – ob bei Fridays for Future (deren Ikone Luisa Neubauer sich am Wochenende für Fernandes einsetzte) oder der gesamten “Potsdam-Remigrations”-Geschichte, von der heute nichts mehr übrig ist. Genauso wenig wie von der Corona-“Impfung”. Bemerkenswert ist, dass die Klientel, die sich auf Knopfdruck als empörtes Publikum mobilisieren lässt, hier völlig schmerzunempfindlich oder dement zu sein scheint. Oder einfach so besessen davon ist, sich die aktuellsten “Wir-sind-die-Guten”-Punkte zu verdienen, dass für kritisches Nachdenken keine Kraft bleibt.
Dabei muss man nicht einmal die ganz großen Geschütze auffahren. Man könnte daran erinnern, dass die Bundesregierung gerade einen US-Angriffskrieg unterstützt (ja, Ramstein und Landstuhl spielen wieder ihre Rolle). Dass die Folgen weitreichend sein und keineswegs im deutschen Interesse liegen können, wenn man sich schützend vor israelische und US-Aggressionen stellt. Dass der wirtschaftliche Niedergang dadurch weiter beschleunigt wird. Dass steigende Düngerpreise, wie schon 2022, dafür sorgen werden, dass selbst hierzulande viele Bauern nicht mehr aussäen, weil sich die Ernte nicht mehr rechnet – von ärmeren Weltregionen ganz zu schweigen.
Dass nach den vielen Milliarden für die Ukraine die Haushaltskassen auf allen Ebenen leer sind. Die Liste dessen, was nicht funktioniert, was vernachlässigt wurde und wird, ist lang. Die politische Besatzung dieses fehlgesteuerten Tankers hält weiter Kurs auf das nächste Riff, beschwört “Kriegstüchtigkeit” und schlägt dabei den Bumsfallera an.
Oder man blickt auf den Alltag der Bevölkerungsmehrheit: Wohnungen, die unbezahlbar werden; Realeinkommen, die seit über 30 Jahren stagnieren; katastrophale Renten. Oder, wenn man über Gewalt gegen Frauen sprechen will, auf die reale Vergewaltigung einer 16-Jährigen in einem Neuköllner Jugendzentrum.
Doch das Mädchen, das dort zum Opfer wurde, ist kein C-Promi, hält kein hübsches Gesicht in die Kamera und wird vermutlich bestenfalls Verkäuferin bei Lidl. Sie könnte hundertmal beim Spiegel anrufen und ein Gespräch anbieten. Das würde bestenfalls dazu führen, dass ihre Nummer gesperrt würde.
Luisa Neubauer hingegen, die am Sonntag für die “arme” Frau Fernandes eintrat, jammert auf ihrem X-Account:
“Ich werde im Netz so sehr gefährdet.”
Wir wissen doch alle, dass die ganze Klimageschichte Fake ist. Sonst wären solche wie Neubauer auf der Straße, um gegen den Irankrieg zu protestieren, der vermutlich längst mindestens so viel des angeblich so gefährlichen CO₂ ausgestoßen hat, wie halb Europa in einem Jahr einsparen könnte. Die “so sehr gefährdete” Neubauer hat sicherlich längst ein Abmahngewerbe laufen, ähnlich wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann von Rheinmetall. Und dieses Geschäftsmodell braucht natürlich Klarnamen im Netz. Anonymen Nutzern kann man schließlich keine Abmahnungen schicken – dann gibt es kein Geld.
Frau Fernandes soll übrigens, so heißt es, noch mit ihrem mittlerweiligen Ex-Mann zusammengeblieben sein, nachdem sie von dessen angeblichen Missetaten erfahren hat. Sicher, in ihrem Beruf ist es besonders unpassend, wenn unkontrollierte Bilder kursieren (wobei eigenartigerweise noch niemand welche gefunden hat). Das senkt den Marktwert. Wobei – mit diesem ganzen Theater dürfte er bei Frau Fernandes deutlich steigen, selbst wenn sie den Gil Ofarim geben sollte. Und sie ist für die Rolle perfekt gecastet: Sie sieht gerade so ein bisschen nach Migrationshintergrund aus, gibt aber ansonsten ganz die Göre aus besserem Hause, verhält sich also mitnichten “typisch migrantisch”. Das kommt gut an bei den reinkarnierten Diakonissen des 19. Jahrhunderts, diesen Aasgeierinnen des bürgerlichen Feminismus.
Fleisch von ihrem Fleische – nur das löst bei ihnen Sympathie aus. Darum kamen sie auch, einschließlich Katrin Göring-Eckardt (noch so eine, der die Ukraine nie nazistisch genug sein konnte, nur als Hinweis zum Stichwort “toxische Maskulinität”). Sie hat eifrig mitgebastelt am Gemetzel Richtung Russland, hatte aber sicher Tränen in den Augen, als es darum ging, das Leid von Frau Fernandes zu beklagen.
Das ist nicht einmal mehr Astroturfing. Selbst Kunstrasen versucht, den Eindruck von Rasen zu erwecken. Das hier ist nur noch grüner PVC-Boden von der Rolle. Ja, PVC – für Öko-Linoleum reicht das Geld nicht mehr.
Man mag nicht einmal mehr darüber spotten, dass termingerecht ein Gesetzentwurf in der Schublade liegt, der rein zufällig das umsetzt, was die Zensurfreunde in der EU als Nächstes planen. Die ganze “Hass-und-Hetze”-Nummer hatte sich abgenutzt und musste mal wieder aufgefrischt werden. Ja, das ist ja so schlimm alles.
Wie gesagt, es gäbe vieles, das eine Demonstration eher verdient hätte als die wahren oder unwahren Eheprobleme einer Collien Fernandes. Echten Hass findet man ganz einfach im Netz, wenn man nach Aufnahmen des Pogroms sucht, das israelische Siedler am Wochenende im Westjordanland veranstaltet haben. Dort ist es übrigens ziemlich egal, ob das Opfer männlich oder weiblich ist. Am Wochenende wurde ein kleines Kind mit auf den Beinen ausgedrückten Zigaretten gefoltert, um vom Vater ein Geständnis zu erpressen… Echte Gewalt, ungehemmt, barbarisch. Und die meisten, die sich am Sonntag über die “virtuelle Vergewaltigung” echauffierten, würden sich schützend vor diese Gewalttäter stellen. Oder tun es bereits.
So, wie sie sich auch tatsächlich vor die Gewalttäter in Neukölln gestellt haben. Weil man die jungen Männer, die dort übergriffig wurden, “nicht diskriminieren” dürfe. Wetten, wenn diese jungen Männer nicht in Neukölln, sondern im vornehmen Hamburger Viertel einer Luisa Neubauer tätig wären, wäre die Rede plötzlich von “toxischer Männlichkeit”?
Egal, wie man die aktuelle Skandalgeschichte dreht und wendet – so, wie der Spiegel sie erzählt hat, war sie sicher nicht. Die Wahrheit erfährt man vielleicht in zwei Jahren. So lange dauerte es damals bei Gil Ofarim. Immerhin hatte Frau Fernandes auch zuvor schon mit den Zensurschwestern von Hate Aid zusammengearbeitet. Für diese Damen geht es um die Existenz – oder um ihre eigene Villa in Spanien. Jedenfalls sind sie darauf angewiesen, ihre Zensurdienste weiter anzubieten.
Es wäre schon etwas gewonnen, wenn sich die Teilnehmer dieses Zensurwerbeevents am Sonntag wenigstens fragen würden, ob sie ihre Solidarität mit der 16-jährigen Kurdin, die in Neukölln vergewaltigt wurde, ebenso bekundet hätten. Ob sie für sie auf die Straße gegangen wären. Ob sie ein Problem darin sehen, dass die Mitarbeiter eines Jugendzentrums bis hinauf zum Jugendamt lieber die männlichen Täter schützen, statt dem Opfer zu helfen, dessen Vergewaltigung alles andere als virtuell war.
Aber da wird es schmuddelig. Denn absurderweiseDenn absurderweise sind es genau das Fehlverhalten, die Verstöße, die Gewalt, die diesen Leuten eine Art Lustgewinn verschaffen. Wären diese jugendlichen Migranten brave Schüler und gegenüber Frauen respektvoll, dann würde es schließlich nur halb so edelmütig wirken, sich für sie einzusetzen. In Wirklichkeit wird sexuelle Gewalt schon in den Flüchtlingsunterkünften gezüchtet, in denen viele zuerst ankamen – weil dort nicht eingegriffen wurde. Dabei ist es nicht einmal für diese jungen Männer von Vorteil, wenn sie jetzt mit Samthandschuhen angefasst werden. Ganz im Gegenteil.
Das war immer der extrem unlogische Punkt: Selbst die in den Schulen randalierenden Migrantenjungen haben davon keinen Vorteil. Selbst wenn die Perspektiven für einfache Arbeiten schlechter werden – selbst die Zahl der Jobs in der Unterwelt ist begrenzt. Dieses völlig irrationale Pseudoverständnis nützt genau einer Gruppe: Jenen liberalen Gutmenschen, die sofort zum Angriff übergehen, wenn jemand Vorurteile gegenüber Migranten äußert, sich im Grunde aber für die maximale Ausbeute an Edelmut eine Art Leprakranke wünschen.
Die Reaktion, die in Neukölln gezeigt wurde – dieses “Bloß nicht zur Polizei”, nachdem monatelang auf Anzeichen sexueller Übergriffe nicht reagiert wurde –, das züchtet Täter geradezu heran. Ja, Straflosigkeit fördert Gewalt. Und je ausgeprägter die Straflosigkeit ist, desto ungehemmter wird sie. Das lässt sich auch am Siedlerpogrom im Westjordanland beobachten. Die ganze Welt hat jahrzehntelang zugesehen, wie Israel die Palästinenser als Untermenschen behandelt hat. Die heutigen Gewalttäter dort sind vielfach schon die zweite Generation. Und nein, das tut niemandem einen Gefallen. Derartige Gewalt lässt sich nicht wie eine Krawatte an der Garderobe ablegen. Sie durchdringt irgendwann die gesamte Gesellschaft.
Das Neuköllner Jugendamt ließ nicht nur das Opfer im Stich (und trat dabei die echten Erfolge einer echten Frauenbewegung, der es um sichere Räume für Mädchen ging, in die Tonne). Es trägt auch dazu bei, aus übergriffigen Jugendlichen echte Straftäter zu machen. Und Neukölln ist nur ein Beispiel von vielen. Das zieht sich durch, spätestens seit der Kölner Silvesternacht 2015.
Vielleicht ist es ja gerade die Tatsache, dass das Opfer ein Mädchen ist, die eine Nähe zu dem Neuköllner Opfer ausschließt. Weil der ganze Trick des Edelmenschentums den radikal Anderen braucht – und sie nicht anders *genug* ist. Und man sich womöglich an ihre Stelle versetzen könnte.
Das aber ist ein Schritt, der in den letzten Jahren zunehmend nur noch jenen vorbehalten war, die den richtigen Habitus mitbringen, den passenden Stallgeruch. Die rechtzeitig gelernt haben, auf die Tränendrüse zu drücken, nie zu selbstbewusst aufzutreten und stets alle Ansprüche an das gutbürgerliche Dekoweibchen zu erfüllen, ohne dabei das eigene Bankkonto aus den Augen zu verlieren. Solche Mädchen wie die Neuköllner Kurdin sind womöglich nicht niedlich genug oder auch nicht so übersexualisiert-aufreizend, wie es Frau Fernandes in jüngeren Jahren war. Wobei es so weit geht, dass man sich fragt, ob am Anfang ihrer Karriere, mit fünfzehn, sechzehn, nicht ein echter Missbrauch stand, den sie womöglich jetzt durch diesen Einsatz als Zensur-Pin-up zu kompensieren versucht.
Ja, die ziemlich eklige Kampagne für noch mehr Zensur ist das eine. Wer die Entwicklung der letzten Jahre aufmerksam verfolgt hat, weiß, wie tief die Einschnitte in die Meinungsfreiheit bereits jetzt gehen. Die Unfähigkeit, sich mit den echten Opfern echter Gewalt zu solidarisieren, ist das andere. Eine wie Luisa Neubauer wäre erst dann glaubwürdig, wenn sie sich auch einmal zu den realen Opfern des realen Lebens außerhalb der Hamburger Wohlstandsgesellschaft herablassen würde. Aber das dürfte weder bei ihr noch bei den übrigen Teilnehmerinnen dieser bizarren Kundgebung zu befürchten sein.
Mehr zum Thema – Zehn Jahre Kölner Silvesternacht – Ein Muster, das weiter wirkt