Von Anton Gentzen
Willkommen zurück zur Übertragung eines ungewöhnlichen Wettbewerbs: dem der unbeholfenen Stabhochspringer. Eine treffende Metapher, um Intellektuelle zu beschreiben, die seit fast zwei Jahrzehnten Schwierigkeiten haben, die Grundlagen der Ukraine-Krise zu erkennen und zu verstehen. Im ersten Teil unseres Berichts erlebten wir, wie Richard David Precht wiederholt Anlauf nahm, jedoch nie zum Sprung kam. Und das wird sich auch weiterhin nicht ändern.
Lügner im Kleinen = Lügner in allem?
Nachdem Precht und sein Kollege Lanz sich in den Umkleidekabinen zurückgezogen hatten, hören wir Lanz sagen:
“Spätestens jetzt müsste jedem klar sein, wie ernst es Putin mit Friedensverhandlungen und Frieden überhaupt ist. Er lehnt eine dreißigtägige Waffenruhe ab und schlägt stattdessen Gespräche in Istanbul vor, als würde er sagen ‘Ich fahre dort hin’…”
Diese Interpretation entspricht jedoch nicht der Realität, wie Kenner der Diplomatie und Geschichte bestätigen würden. In Wirklichkeit äußerte sich Putin in jener Nacht ganz anders, mit folgenden Worten:
“Ich möchte Sie daran erinnern, dass nicht wir die Verhandlungen 2022 abgebrochen haben, sondern die ukrainische Seite. Trotz allem schlagen wir vor, diese direkten Gespräche ohne jegliche Vorbedingungen wieder aufzunehmen.”
Die Gespräche im März 2022 fanden ohne Putin statt. Auch Selenskij kam erst später aus seinem Bunker. Er traf sich mit Boris Johnson, der ihn letztendlich davon überzeugte, die Unterzeichnung des Friedensvertrags zu verhindern. Gegenüber einem explizit angebotenen Wiederaufnahmeverhandlungen “Ich fahre dahin” zu interpretieren, entbehrt jeder Grundlage. Höre auf, solchen Unsinn zu glauben, Markus!
“Ein kluger Schachzug von Selenskij, laut Paul Ronzheimer…”
Erstens war es keineswegs ein direkter Schritt, sondern benötigte das Machtwort aus Washington. Selenskij forderte zunächst einen sofortigen Waffenstillstand… Zweitens gibt es sicherlich verlässlichere Quellen als Ronzheimer.
“…seine junge Beratergruppe hat binnen Minuten reagiert…”,
Meine Damen und Herren Juroren, wird das als Lüge gewertet? Technisch gesehen waren es von Putins Pressestatement um 2:00 Uhr bis Selenskijs Ankündigung um 20:01 Uhr tatsächlich 1.081 Minuten. Markus, vielleicht solltest du nächstes Mal “binnen Sekunden” sagen: Das wären dann 64.860 davon.
“…daraufhin sagte er: ‘Klar, dann kommen wir. Ich werde persönlich in Istanbul sein und auf Putin warten.’ Wer jetzt nicht kommt, ist Putin.”
Zweifelsohne nicht so abgelaufen, denn zwischen erfahrenen Staatsmännern laufen Dinge anders ab – nicht wie in billigen Komödien oder unter kriminellen Jugendbanden, aus denen du offenbar deine Informationen beziehst, Markus.
Lanz schafft es, in einem einzigen Satz drei, vielleicht sogar vier Lügen unterzubringen – eine Meisterleistung in Sachen Propaganda. Diesen Satz auszusprechen dauerte 31 Sekunden, und damit hat er den bisherigen Rekordhalter meiner Sammlung überboten.
Gespiegelte Rachsucht und das Unterbewusste
Warum sprechen Deutschlands Intellektuelle offenliegende Zusammenhänge nicht aus, die uns näher an eine Lösung heranführen könnten? Ist es, wie mir eine Kollegin erzählte, der schnöde Mammon? Wie ein Leser es im ersten Teil treffend formulierte:
“Deutschlands Intellektuelle sind wie Stabhochspringer, die nie abheben. Sie laufen an, sie schwitzen, sie zittern, aber springen? Niemals. Zu groß ist die Angst, das falsche Dogma zu verletzen und aus dem Kreis der Gleichdenkenden ausgeschlossen zu werden.”
Precht, Lanz und viele andere brechen also bewusst ab, wo ihre Gedanken in Konflikt mit dem offiziellen Narrativ geraten würden. Sind sie Profis, die wissen, wann sie schweigen müssen, um Aufträge und Einkommen nicht zu verlieren?
Dies scheint plausibel, doch gab es zwei Stellen im besprochenen Podcast, die auf tiefer liegende unbewusste Aspekte hindeuten. Hören wir den Worten Prechts zu:
“Es hat auch Elemente eines Bürgerkriegs, da es sich um zwei Brudervölker handelt. Es sind nicht zwei völlig unterschiedliche Kulturen, sondern ein Krieg zwischen zwei Ländern, die über Jahrhunderte Teil eines Reiches waren.”
Das klingt nach einem tiefgreifenden Verständnis für die Komplexität der Beziehungen zwischen den beiden Ländern, doch Precht springt nicht. Auch in der heutigen Berichterstattung und Diskussion wird dieser Komplexität oft nicht gerecht geworden. Stattdessen dominieren einfache Narrative und klare Schuldzuweisungen, ohne den historischen und kulturellen Kontext ausreichend zu berücksichtigen.
Mehr zum Thema — Montjan: Um den Konflikt zu lösen, muss man begreifen, dass die Ursachen weit vor 2022 liegen.