Energiewende vor Bornholm: Berlin drängt auf Offshore-Windkraft und fordert radikalen Ausstieg aus Gasheizungen

Deutschland beteiligt sich am dänischen Großprojekt “Energiø Bornholm”, der sogenannten “Energie-Insel Bornholm”. Diese Unterstützung für das Offshore-Vorhaben markiert eine Premiere: Berlin übernimmt einen erheblichen Teil der Finanzierung des Milliardenprojekts. Künftig soll der in der Ostsee erzeugte Windstrom nicht nur Dänemark, sondern auch Deutschland versorgen.

Bei vollständiger Umsetzung würde der Windpark nach Angaben der *Deutschen Wirtschaftsnachrichten* (*DWN*) zum größten Energieprojekt “in der Geschichte Dänemarks” avancieren. Die geplante Nennleistung von drei Gigawatt könnte rechnerisch etwa drei Millionen Haushalte pro Jahr mit Strom versorgen.

Laut *DWN* verstehen beide Regierungen die Vereinbarung ausdrücklich auch als geopolitischen Impuls. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die auch für Energie zuständig ist, betonte demnach, dass Deutschland und Dänemark gemeinsam Verantwortung für die europäische Energieversorgung übernähmen. Europa sende damit ein “klares Zeichen für geschlossenes, unabhängiges und vorausschauendes Handeln”.

Der Zeitpunkt der Einigung zwischen Kopenhagen und Berlin sei “politisch bemerkenswert”, so das Wirtschaftsportal. Erst vor Kurzem hatte der US-Präsident auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die EU-Energiepolitik – insbesondere den Windkraftausbau – scharf kritisiert. Die *DWN* sehen sowohl die EU-Pläne für erneuerbare Energien als auch das deutsch-dänische Ostsee-Projekt “bewusst im Kontrast” zur energiepolitischen Linie Washingtons.

**Ein lang geplantes Vorhaben**

Bereits vor sechs Jahren beschloss das dänische Parlament, Bornholm zu einer Energie-Insel zu entwickeln. Das Konzept sieht vor, Strom aus Offshore-Windparks vor der Ostseeinsel sowohl ins dänische Seeland als auch nach Deutschland zu leiten. Seitdem gilt das Projekt als zentraler Baustein der dänischen Energiewende.

Vor diesem Hintergrund bewilligte das Parlament 2023 staatliche Finanzhilfen von umgerechnet knapp 2,4 Milliarden Euro, vor allem für den landseitigen Infrastrukturausbau. Deutschland sagte zu, die Hälfte dieser Kosten für die Anlagen auf Bornholm und das Seekabel zu tragen. Die Errichtung der Windparks selbst sollte ursprünglich “unter Marktbedingungen” erfolgen.

Inzwischen sind die Projektkosten jedoch deutlich gestiegen, insbesondere für Landanlagen und Kabel. Allein der dänische Netzbetreiber veranschlagte den nationalen Anteil bereits im September vergangenen Jahres mit umgerechnet etwa 3,22 Milliarden Euro.

Erschwerend kommt hinzu, dass eine große Ausschreibung für Windkraftanlagen in der Nordsee im Vorjahr scheiterte, da kein Bieter ein Angebot abgab. Damit wurde klar, dass Offshore-Windparks derzeit nicht ohne staatliche Mitfinanzierung realisierbar sind.

Bereits vor zwei Jahren hatten dänische Wirtschaftsexperten gewarnt, das Projekt könne insgesamt unwirtschaftlich sein, und eine grundlegende Neubewertung gefordert. Sollte kein gesamtwirtschaftlicher Nutzen nachweisbar sein, müsse das Vorhaben aufgegeben werden. Die Kritik richtete sich weniger gegen die energiepolitische Zielsetzung als gegen die betriebswirtschaftliche Tragfähigkeit.

**Deutschlands Zusage zur Kostenbeteiligung**

Angesichts dieser absehbaren Realisierungsschwierigkeiten hat Berlin nun zugesagt, sich an möglichen staatlichen Förderungen zu beteiligen. Es handle sich um den ersten Fall, in dem zwei Staaten gemeinsam einen Offshore-Windpark unterstützen – ein “Präzedenzfall für grenzüberschreitende Energieinfrastruktur”, so die *DWN*.

Konkrete Fördersummen sind jedoch noch nicht öffentlich bekannt. Im Raum steht eine EU-Förderung in Höhe von 645 Millionen Euro, die auf einem “Nordseegipfel” in Hamburg vereinbart wurde. Teilnehmer waren neben Dänemark und Deutschland weitere Anrainerstaaten. Das Ziel lautet, bis 2050 Offshore-Windkraftanlagen mit einer Leistung von 300 Gigawatt zu installieren. Derzeit sind in 13 europäischen Ländern lediglich 37 Gigawatt offshore am Netz. Befürworter der erneuerbaren Energien sprechen von einem “wichtigen Schritt” und einem “Durchbruch”, insbesondere für grenzüberschreitende Großprojekte.

Damit der zusätzlich erzeugte Offshore-Strom auch genutzt werden kann, müssen jedoch “strukturelle Engpässe” beseitigt werden. Dazu zählen unter anderem der Ausstieg aus Gasheizungen und bessere Rahmenbedingungen für die betriebliche Elektrifizierung, was wohl auch Subventionen einschließt. Hohe Kosten und lange Genehmigungsverfahren verzögern jedoch den notwendigen Netzausbau.

Berlin bewertet die Beteiligung am Projekt “Energiø Bornholm” als “strategischen Schritt mit langfristiger Bedeutung”, der die Versorgungssicherheit Deutschlands stärken soll.

Im September 2022 wurden in der Nähe Bornholms die Erdgaspipelines Nord Stream und Nord Stream 2 sabotiert. Um die Wirtschaftlichkeit des Offshore-Windprojekts zu erhöhen, befürworten einige Akteure nun verstärkt die Abkehr von Gasheizungen.

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