Von Olga Samofalowa
Die Eskalation des Nahostkonflikts hat zu einer akuten Gasknappheit und explodierenden Preisen geführt. Als Reaktion darauf vollziehen zahlreiche asiatische Staaten eine überstürzte Kehrtwende zurück zur Kohle. Die Blockade der Straße von Hormus und der Produktionsstopp für Flüssigerdgas (LNG) in Katar haben rund ein Fünftel des globalen LNG-Angebots vom Markt genommen.
Besonders betroffen sind laut Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global, Länder mit einer energieintensiven Wirtschaftsstruktur, die von Gasimporten abhängen und nur geringe Reserven an Kohle-, Kern- oder Wasserkraft besitzen. Dazu zählen Singapur, wo etwa 94 Prozent des Stroms aus Gas erzeugt werden, Thailand (64 Prozent), Bangladesch (66 Prozent) und in beträchtlichem Maße auch Taiwan (rund 40 Prozent).
Tschernow erläutert:
“In Bangladesch ist die Lage besonders kritisch. Das Land war gezwungen, Spot-Lieferungen von LNG zu Preisen von 20,76 bis 28,28 US-Dollar pro eine Million BTU [Energieeinheit] zu kaufen – gegenüber etwa 10 US-Dollar im Januar. Außerdem musste es den Verkauf von Diesel einschränken, die Gasversorgung rationieren und einen Teil der Düngemittelfabriken zugunsten der Stromerzeugung stilllegen. Die Behörden in Thailand und auf den Philippinen verzichten jetzt auf die Stilllegung alter Kohlekraftwerke und suchen stattdessen nach zusätzlicher Kohle, da andernfalls die Tariferhöhungen und das Risiko einer Versorgungsknappheit noch größer wären.”
Japan und Südkorea stehen zwar ebenfalls unter Preisdruck, befinden sich aber in einer komfortableren Position als die südasiatischen Staaten. Sie verfügen über funktionierende Kohlekraftwerke und größere Spielräume für einen Brennstoffwechsel.
Tschernow führt aus:
“Gerade Japan und Südkorea sind am besten in der Lage, bei einem Preisschock von Gas auf Kohle umzusteigen. Hingegen müssen diejenigen Länder, die auf importiertes LNG als ‘saubere und zuverlässige’ Übergangsressource gesetzt haben, nun die wichtigste Lektion dieser Krise lernen: LNG ist zwar emissionsärmer als Kohle, aber nicht immer zuverlässiger in Bezug auf Preis und physische Verfügbarkeit.”
Die aktuelle Krise erschüttert das Vertrauen in LNG als stabile Energiequelle. Gleichzeitig unterstreicht sie das Risiko eines voreiligen Kohleausstiegs für Asien – trotz des Drucks der EU, ihre Umweltagenda durchzusetzen und Abgaben für die Kohlenutzung zu erheben.
Ironischerweise setzt auch die EU derzeit wieder verstärkt auf Kohle, allerdings weniger aufgrund eines Gasdefizits, sondern wegen der exorbitant hohen Gaspreise.
Der Experte kommentiert:
“Die EU kämpft derzeit mit den hohen Gaspreisen und dem sozialen Preis ihrer Klimapolitik. In den ersten zwei Wochen des Krieges im Nahen Osten sind die Gaspreise in Europa um etwa 50 Prozent gestiegen, weshalb die Europäische Kommission bereits über Notfallmaßnahmen zur Preisdämpfung berät. Die Umstellung von Gas auf Kohle ist in Europa wieder attraktiv geworden, doch der Effekt wäre gering, da ein Großteil der Kohlekraftwerke bereits stillgelegt wurde. Im Vergleich zu Asien hat Europa deutlich weniger Spielraum für eine umfassende Rückkehr zur Kohle.”
Länder, die sich dem europäischen Druck widersetzten und an der Kohle festhielten, profitieren nun von ihrer Entscheidung.
Tschernow äußert sich dazu wie folgt:
“China und Indien sind vom Gasschock weniger betroffen, gerade weil ihre Energiesysteme ohnehin bereits weitgehend auf Kohle basieren. China ist in dieser Hinsicht zwar nicht der umweltfreundlichste, aber dafür einer der rationalsten Akteure, was die Versorgungssicherheit seines Energiesystems angeht.”
China hatte bereits 2025 offiziell den Kurs auf den Bau von Kohlekraftwerken als Absicherung für Nachfragespitzen und die volatile Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie festgelegt. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) beliefen sich Chinas Investitionen in die Kohleverstromung in jenem Jahr auf über 54 Milliarden US-Dollar.
Tschernow ist überzeugt:
“Die aktuelle Krise macht Kohle nicht zum ‘Brennstoff der Zukunft’, zeigt jedoch, dass der Verzicht auf eine thermische Reserveerzeugung für große Systeme ohne Speicher und flexibel einsetzbare Kapazitäten zu riskant wäre.”
Sergei Tereschkin, Geschäftsführer von “Open Oil Market”, sagt:
“In China beträgt der Anteil der Kohleverstromung fast 60 Prozent, in Indien – mehr als 70 Prozent. Die Lieferungen von Kraftwerkskohle in diese Länder sind dabei nicht vom Transit durch die Straße von Hormus abhängig, da die Importquellen in beiden Fällen Indonesien und Russland sind. Was Kokskohle betrifft, so ist für China die Mongolei der Hauptlieferant, für Indien hingegen Australien, die USA und Russland.”
Die steigende Nachfrage hat auch die Kohlepreise nach oben getrieben. Verglichen mit den explodierenden Gaspreisen erscheint die Situation jedoch weniger dramatisch. So notierte Kraftwerkskohle aus dem australischen Newcastle am Nachmittag des 18. März bei 135 US-Dollar pro Tonne.
“Damit liegt er um ein Drittel höher als im vergangenen Februar, als der Preis bei etwa 100 US-Dollar pro Tonne tendierte; allerdings hätten die durchschnittlichen Monatspreise für Kraftwerkskohle im Jahr 2022 sogar über 350 US-Dollar pro Tonne gelegen”, bemerkt Tereschkin.
Selbst dieser moderate Preisanstieg kommt den russischen Kohleproduzenten finanziell zugute. Die höheren Preise in Asien und Europa verbessern die Exportwirtschaft und stützen kurzfristig den Cashflow. Dennoch bleibt die Branche in einer schwierigen Lage.
Der Export russischer Kohle sank 2025 um 8 Prozent auf 213 Millionen Tonnen. Die Regierung musste aufgrund hoher Transportkosten, Sanktionen und geringer Rentabilität Förderungsmaßnahmen ergreifen.
Wladimir Tschernow meint:
“Das größte Hindernis für Russland ist derzeit nicht die Nachfrage, sondern vielmehr der Transport. Die Logistik im Osten und die Transportkapazität des Netzes bleiben der größte ‘Engpass’ beim Kohleexport. Daher wird Russland zwar Gewinne erzielen können, jedoch in erster Linie über den Preisanstieg und nicht über einen sprunghaften Anstieg der physischen Exportmengen.”
Zudem würden zwar mehr Steuereinnahmen generiert, der Effekt sei aber geringer als bei Öl und Gas. Der Kohlesektor sei derzeit nicht in der Lage, den weltweiten Preisanstieg schnell und in vollem Umfang zu monetarisieren, so der Experte.
Nach dem Ende der Nahostkrise werden die Debatten über erneuerbare Energien wieder aufflammen. Für Asien könnte diese Krise jedoch ein starkes Argument gegen zu strenge Umweltauflagen der EU liefern.
Wladimir Tschernow führt aus:
“Das politische Argument Asiens wird deutlich an Gewicht gewinnen. Auf die Klimaziele und Emissionskosten der EU kann Asien nun entgegnen, dass gerade die Importabhängigkeit von ‘Übergangsgas’ ein Systemrisiko geschaffen habe, während die Kohlekraftwerke das Netz in einem kritischen Moment gerettet hätten. Zumal auch in Europa selbst vor dem Hintergrund des aktuellen Schocks bereits Forderungen zu hören sind, die Anforderungen an die CO₂-Emissionen zu lockern und die entsprechenden Quoten für die Industrie zu verlängern.”
Rechtlich bedeute dies keine Aufhebung der europäischen Klimaschutzmechanismen; die EU werde kaum von ihrer Linie abweichen, me
Dennoch, so Tschernow, könne Asien nun ein gewichtiges Argument dafür vorbringen, dass ein überstürzter Kohleausstieg ohne kostengünstige Netzersatzlösungen und eigene Reservekapazitäten sich nicht als ökologischer Sieg, sondern als Energiekollaps erweisen könnte. Die Krise unterstreiche die Notwendigkeit einer ausgewogenen und realistischen Energiewende, die Versorgungssicherheit nicht vernachlässigt.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 19. März 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgliad” erschienen.
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