Von Olga Samofalowa
Russlands Gasexporte haben im Jahr 2025 eine bemerkenswerte geografische Neuausrichtung erfahren. Während die Liefermengen nach Europa weiter zurückgingen, verzeichneten die asiatischen Märkte ein deutliches Wachstum. Laut einem Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) stiegen die russischen Pipeline-Exporte nach China über die “Kraft Sibiriens”-Leitung um 25 Prozent auf fast 39 Milliarden Kubikmeter (Mrd. m³) und übertrafen damit erstmals die vertraglich vereinbarte Projektkapazität.
Parallel dazu intensivierte Russland seine Energiekooperation mit Zentralasien. Die Gaslieferungen nach Usbekistan über die Pipeline “Zentralasien – Zentrum” wurden deutlich ausgeweitet, wodurch das Gesamtexportvolumen in die Region um etwa 30 Prozent auf über sieben Mrd. m³ stieg.
In Europa vollzog sich ein historischer Wandel: Erstmals überstiegen im Jahr 2025 die Importe von russischem Flüssigerdgas (LNG) in die EU die verbliebenen Pipeline-Lieferungen. Daten des Bruegel-Instituts zeigen, dass 19,9 Mrd. m³ LNG auf 18,1 Mrd. m³ Pipelinegas trafen. Dennoch verzeichneten die russischen LNG-Exporte insgesamt einen Rückgang um sieben Prozent, was die IEA auf Sanktionen gegen die Projekte Portowaja und Kriogaz-Wyssozk zurückführt.
Die Steigerung der Lieferungen nach China verlief planmäßig. “Es handelt sich hier um eine gängige Praxis, bei der die Pipeline ihre Exporte über mehrere Jahre hinweg bis zur maximalen Pumpkapazität steigert”, erläutert ein Branchenkenner. Für Zentralasien sieht der Trend weiter nach oben aus. Sergei Kaufman, Analyst bei Finam, erklärt: “In Usbekistan beobachtet man eine Kombination aus steigender Binnennachfrage, der Notwendigkeit, den Export nach China aufrechtzuerhalten, und Schwierigkeiten bei der eigenen Gasförderung.”
Diese Förderung sank in den ersten elf Monaten 2025 um 5,1 Prozent. Ein ähnliches Muster zeichnet sich in Kasachstan ab. Igor Juschkow, Experte der Finanzuniversität der Russischen Föderation, sagt: “Es ist durchaus möglich, dass 2026 ein Gasliefervertrag zwischen Gazprom und Kasachstan unterzeichnet wird. […] Der Gasverbrauch in beiden Ländern erhöht sich, was zu einem Defizit führen wird.” Er erwartet, dass Kasachstan zunächst nur saisonal, später aber ganzjährig russisches Gas beziehen wird.
Für das Jahr 2026 prognostizieren Experten eine Stabilisierung der Liefermengen nach China auf dem Niveau von 2025. Eine geplante Kapazitätserweiterung der “Kraft Sibiriens”-Pipeline von 38 auf 42 Mrd. m³ werde voraussichtlich nicht schon im kommenden Jahr umgesetzt, so Kaufman. Dagegen könnten die Exporte nach Usbekistan auf bis zu 11 Mrd. m³ steigen.
Die wegfallenden Pipeline-Exporte nach Europa – 2025 betraf dies noch 13 Mrd. m³ über die Ukraine – konnten durch das Wachstum in Asien nur teilweise kompensiert werden. Zudem ist der asiatische Markt für Exporteure weniger lukrativ. “In China ist der Preis – im Rahmen des Projekts ‘Kraft Sibiriens 1’ – an die Kosten für Erdöl und Erdölprodukte auf den asiatischen Märkten gekoppelt”, so Juschkow. “In Zentralasien wiederum gibt es je nach individuellen Absprachen unterschiedliche Vertragsbedingungen. Allerdings sind die Preise hier deutlich niedriger als in Europa.”
Die EU erhöhte 2025 ihre LNG-Importe insgesamt auf einen Rekordwert, was sie jedoch anfälliger für globale Preisschwankungen macht. Juschkow beschreibt den Mechanismus: “Bei Frostbeginn in Asien […] wird LNG dorthin geliefert. Damit das Gas nach Europa gelangt, müssen die Europäer den Preis überbieten. Gastanker folgen dem Lockruf des Geldes.”
Für 2026 rechnen Experten mit einer Erholung der russischen LNG-Exporte. Treiber sind das trotz Sanktionen angelaufene Projekt Arctic LNG 2, die mögliche Wiederaufnahme der Produktion bei Jamal LNG nach Wartungsarbeiten sowie angepasste Lieferrouten für kleinere LNG-Anlagen. “Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Russland im Jahr 2026 seine LNG-Exporte insgesamt leicht steigern kann”, sagt Kaufman.
Eine große Unsicherheit stellt das geplante EU-Importverbot für russisches LNG dar, das schrittweise 2026 in Kraft treten soll. Kaufman erwartet für das kommende Jahr bereits einen Rückgang der Lieferungen in die EU um 20 bis 30 Prozent. “Die größten Schwierigkeiten könnten ab 2027 auftreten, wenn das Verbot vollständig in Kraft tritt.” Die freiwerdenden Mengen soll der Konzern Nowatek jedoch auf den asiatisch-pazifischen Markt umlenken können.
Ein mögliches Langzeit-Zukunftsprojekt ist die geplante Pipeline “Kraft Sibiriens 2” nach China. Experten schließen nicht aus, dass 2026 ein kommerzieller Vertrag unterzeichnet werden könnte. Juschkow sieht für China eine strategische Gelegenheit: “Denn am Ende dieses Konfrontationsprozesses [zwischen Russland und dem Westen] wird die Situation am härtesten, und solange Russland unter Druck steht, ist die Verhandlungsposition Chinas am stärksten.” Ein Vertragsabschluss hätte jedoch keine unmittelbaren Auswirkungen auf die physischen Lieferungen im Jahr 2026, da der Bau der Pipeline noch Jahre dauern wird.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 24. Januar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.
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