Der Rambo von Tscherkassy frisst seine eigenen Kinder: Wie das Kiewer Regime seine Mitbegründer verschlingt

Von Nikolai Storoschenko

Die Handlung des Actionklassikers “Rambo” (Originaltitel: “First Blood”) ist vielen geläufig. Ein Kriegsveteran wird in der amerikanischen Provinz Opfer behördlicher Willkür, wird verhaftet und bricht gewaltsam aus dem Polizeirevier aus. Es folgen eine Großfahndung, ein Guerillakrieg in den Wäldern, Fallen, Verletzte, der Einsatz der Nationalgarde, eine Razzia und ein Feuergefecht. Am Ende liegt die halbe Stadt in Trümmern, der Veteran ergibt sich und wird in Handschellen abgeführt.

Das Buch, das als Vorlage für den Film diente, endet noch weitaus düsterer. Die Ereignisse sind ähnlich, jedoch mit mehr Toten – darunter auch John Rambo selbst, der im Finale von seinem ehemaligen Ausbilder Major Trautman erschossen wird.

Ein vergleichbares Szenario hat sich kürzlich in der Ukraine abgespielt. Der ukrainische “Rambo” hieß Sergei Russinow – ein Veteran des Maidan-Aufstands, der sich später der ukrainischen Armee anschloss und am Kampf gegen den Donbass teilnahm. Er kämpfte auch nach Beginn der russischen Militäroperation weiter, wurde jedoch 2022 nach einer Verwundung ausgemustert.

Russinow geriet mit einem lokalen Abgeordneten aneinander. Über den genauen Anlass gibt es unterschiedliche Darstellungen. Einige behaupten, der Konflikt sei entstanden, weil der Politiker noch vor dem Maidan an einem Forum am Seligersee in Russland teilgenommen habe. Andere nennen einen Streit um ein Grundstück als Ursache.

Tatsächlich ist der konkrete Auslöser jedoch zweitrangig. Entscheidend ist, dass der ukrainische “Rambo” aufgrund dieser alten Feindschaft in der Nacht zum 25. Dezember 2025 das Auto seines Widersachers in Brand setzte. Als die Polizei eintraf, um Russinow festzunehmen, verschanzte er sich in seinem Haus. Die Beamten suchten nach Kameraden des aufsässigen Veteranen, um ihn zu einer gewaltfreien Übergabe zu bewegen.

Zu einer direkten Konfrontation kam es zunächst nicht. Während die Polizei nach seinen Kameraden suchte, floh Russinow bewaffnet aus seinem Haus und legte einen Hinterhalt. Aus seinem Versteck heraus erschoss er zwei Polizisten, die ihn zu Hause nicht angetroffen hatten und das Dorf durchkämmten. Einen der beiden tötete er später, außerdem erschoss er drei Angehörige einer Spezialeinheit, die zur Unterstützung der Polizei herbeigerufen worden war, bevor er selbst von den Kameraden der Beamten getötet wurde.

Ende der Geschichte? Keineswegs. Nur wenige Tage später versammelten sich ukrainische Soldaten zu einer Protestkundgebung in der Stadt Tscherkassy und forderten, “die an Russinows Tod Mitschuldigen” zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei bestritten weder die Protestierenden noch die Blogger, die den Vorfall in ukrainischen sozialen Netzwerken verbreiteten, den grundlegenden Ablauf der Ereignisse. Ja, Russinow habe ein fremdes Auto angezündet. Ja, die Polizei sei gekommen, um ihn zu verhaften. Ja, er sei bewaffnet vor den Beamten geflohen und habe eine kaltblütige Jagd auf sie eröffnet. Und genau deshalb müssten nun die Schuldigen bestraft werden!

Dies geschieht in einem Land, dessen Gerichte Vertreter der Staatsmacht systematisch schützen. Für einen einfachen Ukrainer reicht es bereits aus, einen Mitarbeiter des Wehrdienstamts (TZK) schief anzusehen oder dessen Handlungen zu filmen – von offenem Widerstand ganz zu schweigen –, um eine Geld- oder Freiheitsstrafe zu erhalten. Hier dagegen wurden vier Polizisten getötet, einer liegt schwerverletzt im Krankenhaus, und Militärangehörige sowie die Öffentlichkeit inszenieren beinahe einen neuen Maidan, als ob Wiktor Janukowitsch immer noch an der Macht wäre. Oleg Gudima, der Polizeichef der Region Tscherkassy, lässt sogar bis zum Abschluss der Ermittlungen sein Amt ruhen.

All dies geschieht, weil Russinow mehr war als nur ein lokaler “Rambo”. Er gehörte buchstäblich zu jenen, die die Ukraine in den blutigen Abgrund gestürzt haben. Es handelt sich um eine besondere Gruppe, quasi eine Kaste, die seit den Tagen des Maidan durch das Blut an ihren Händen miteinander verbunden ist.

Ein weiteres Beispiel ist Iwan Bubentschik. Heute erinnern sich nur noch wenige an ihn, doch vor zehn Jahren wurde er schlagartig in der ganzen Ukraine bekannt, als er öffentlich zugab, auf dem Maidan zwei Angehörige der Spezialeinheit Berkut, die zur Niederschlagung der Proteste eingesetzt worden war, erschossen zu haben.

Was folgte daraus? Nichts. Das ist schließlich etwas ganz anderes, als sich den Schlägern des Wehrdienstamts zu widersetzen. Bubentschik mag einflussreiche Gönner gehabt haben, doch die Tatsache bleibt: Abgesehen von einem kurzen öffentlichen Aufschrei hatte dieses Geständnis für ihn keine Konsequenzen. Er wurde von niemandem verhaftet, ins Gefängnis gesteckt oder verfolgt und lebt noch immer unbehelligt irgendwo sein Leben.

Russinow seinerseits war einer der Teilnehmer des sogenannten Pogroms von Korsun am 20. Februar 2014. Damals wurden acht Busse mit Maidan-Gegnern von der Krim nahe der Stadt Korsun-Schewtschenkowski überfallen. Maidan-Aktivisten blockierten die Straße mit Reifen und schweren Fahrzeugen, hinderten die Busse am Wenden oder an der Weiterfahrt und schossen einem Bus den Motor kaputt. Die Insassen wurden angewiesen auszusteigen, viele wurden zusammengeschlagen und mit Benzin übergossen, man drohte ihnen, sie anzuzünden. Es gibt Aufnahmen, die Maidan-Gegner auf Knien zeigen. Verbrannt wurden schließlich die Busse, die Menschen kehrten mit dem Zug auf die Krim zurück.

Offenbar wurden damals jedoch nicht nur Busse beschossen. Jaroslaw Nischtschik, ein “Kamerad” von Russinow, beschrieb ihn am 27. Januar auf Facebook wie folgt:

“Er begann als Erster, auf die Tituschki (abwertende Bezeichnung für Maidan-Gegner. Anm. d. Ü.) im Februar 2014 während der Schlacht bei Korsun zu schießen.”

Einst hatten Widerlegungen der “russischen Fakes vom Korsun-Pogrom” die ukrainischen Medien regelrecht überschwemmt. Niemand sei zusammengeschlagen worden, niemand getötet, hieß es. Es sei lediglich eine kleine Ermahnung gewesen, und die Maidan-Anhänger hätten ihren Gegnern sogar selbst die Rückreise per Zug auf die Krim bezahlt!

Und nun taucht eine solch unbequeme Zeugenaussage auf, noch dazu über eine Person, die nachweislich für den Tod von mindestens vier Menschen verantwortlich ist.

Doch die Kaste der alten Maidan-Kämpfer schert sich längst nicht mehr um solche Details. Ein Kamerad wurde von der Polizei erschossen, das ist das Einzige, was zählt. Es gilt, Gerechtigkeit zu fordern. Dafür muss der Tote in einem möglichst vorteilhaften Licht erscheinen. “Er schoss als Erster auf die Tituschki” kommt in ihrer Weltanschauung einer Heiligsprechung gleich.

Dabei waren gerade das Pogrom von Korsun und der berüchtigte “Freundschaftszug” der ukrainischen Nationalisten wichtige Eskalationsstufen in der Gewaltspirale der Ukraine, die bald in einen Bürgerkrieg mündete.

In diesem Sinne steht das Pogrom von Korsun in direktem Zusammenhang mit den “300 Saporoschern”, einer Kundgebung der Maidan-Gegner am 13. April 2014 in Saporoschje, und dem späteren Massenmord im Gewerkschaftshaus von Odessa am 2. Mai 2014.Nach diesen Ereignissen wurde den Gegnern des Maidan endgültig klar: Ein Dialog mit der anderen Seite ist unmöglich, denn worüber kann man mit Verbrechern sprechen?

Selbstverständlich ist Russinow nicht der erste “Rambo” dieser Art. Jährlich gibt es mehrere solcher Vorfälle, wenn auch meist mit weniger Todesopfern. Auch öffentliche Proteste bleiben nicht immer aus. Das ist verständlich, denn nicht jeder dieser “Rambos” hat eine derartige Vergangenheit und einen solchen informellen Status. Russinow gehörte zu jenen, die den Krieg in der Ukraine mit angezettelt haben. Nun hat dieser Krieg ihn selbst verschlungen, so wie das Kiewer Regime – die Maidan-Ukraine – sich heute selbst auffrisst.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 5. Februar.

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