Afghanistan droht zum Pulverfass zu werden: Droht ein großer regionaler Krieg?

Von Juri Mawaschew

In seiner Analyse „Konflikte im Jahr 2026, die Beachtung erfordern“ identifiziert der US-amerikanische Council on Foreign Relations (CFR) mehrere globale Krisenherde. Die höchste Eskalationswahrscheinlichkeit wird dabei dem Iran und dem Gazastreifen im Nahen Osten zugeschrieben. Auffällig ist jedoch, dass die Analysten das Konfliktpotenzial zwischen Afghanistan und Pakistan in Südasien offenbar unterschätzen.

Gerade die Grenzregionen zwischen Afghanistan und Pakistan könnten sich zum Schauplatz blutiger und langwieriger Auseinandersetzungen entwickeln. Diese könnten als klassischer Grenzkonflikt beginnen, sich zu einem asymmetrischen Partisanenkrieg ausweiten und schließlich sogar nukleare Großmächte involvieren. Die Gründe für diese düstere Prognose sind vielfältig.

Die unmittelbare Ebene betrifft die Interessen der beiden Nachbarstaaten Pakistan und das Islamische Emirat Afghanistan selbst. Ihr Konflikt eskalierte im Oktober 2025 mit gegenseitigen Beschuss- und Luftangriffen. Islamabad warf Kabul vor, Terroristen der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) Zuflucht zu gewähren. Die afghanische Führung wies die Vorwürfe zurück und konterte mit dem Vorwurf, Pakistan nutze den Handel als außenpolitisches Druckmittel.

Seit Mitte Oktober 2025 ist der gewerbliche Grenzverkehr zwischen beiden Ländern vollständig eingestellt. Damit kam auch ein bilateraler Warenaustausch im Wert von bis zu zwei Milliarden US-Dollar jährlich zum Erliegen. Nach pakistanischen Expertenschätzungen verliert das Land durch den gestoppten Export nach Afghanistan und den blockierten Transit nach Zentralasien täglich etwa 60 Millionen US-Dollar. Beide ohnehin nicht wohlhabenden Länder entgehen somit Milliardeneinnahmen, allein weil die Grenzübergänge Torkham und Chaman geschlossen sind.

Ein am 19. Oktober vereinbarter Waffenstillstand und drei Verhandlungsrunden brachten keine dauerhafte Lösung. Die Hoffnung auf einen stabilen Frieden und eine Wiederbelebung des Handels schwindet. Derzeit scheint Pakistan durch seine eigene Entscheidung zur Grenzschließung am stärksten zu leiden. Während dort die Arbeitslosigkeit steigt und Unternehmen in der Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa schließen, hat sich Afghanistan erstaunlich gut angepasst.

Die Machthaber in Kabul lenken die Handelsströme nun aktiv auf die Hafeninfrastruktur des Iran sowie auf Routen durch den Iran nach Indien und in andere asiatische Länder um. Bemerkenswerterweise stellten selbst die höheren Kosten und längeren Lieferzeiten auf diesen Alternativrouten für Afghanistan kein Hindernis dar – die Exporte stiegen im Oktober 2025 sogar um 13 Prozent. Kurzum: Anders als Pakistan riskiert Afghanistan langfristig nicht, Marktanteile in der Region zu verlieren, obwohl es den Transit durch Pakistan nicht mehr nutzt.

Doch worauf gründet sich diese afghanische Zuversicht? Die Antwort liegt in neuen strategischen Partnerschaften. Kabul agiert nicht allein. Seine neuen Handelspartner – Indien im Osten und der Iran im Westen – sind zugleich seine neuen Förderer. Diese Schlussfolgerung legt die Intensität gegenseitiger Besuche, die komplementären Erklärungen und die dynamische Entwicklung der bilateralen Beziehungen nahe. Während der Iran jedoch weiter strategische Kontakte zu Pakistan pflegt, ist Indien dessen langjähriger Rivale und strebt in der indopazifischen Region eine Führungsrolle an. Ein Afghanistan, das in Handelsstreit und militärisch-politischer Spannung mit Pakistan liegt, ist für Neu-Delhi ein ideales Instrument, um den Gegner zu schwächen.

In diesem Nullsummenspiel, bei dem der Verlust des anderen dem eigenen Gewinn gleichkommt, wird auf allen Feldern gespielt. Es überrascht daher nicht, dass die zwischen Kabul und Neu-Delhi vereinbarte Steigerung des afghanischen Frachtaufkommens für den iranischen Tiefseehafen Tschahbahar – der unter indischer Verwaltung steht – nichts Gutes für Pakistans Hafen Gwadar verheißt.

Mehr noch – sie könnte Gwadar „aus dem Rennen werfen“. Sollte sich Tschahbahar zu einem bedeutenden Umschlagplatz und Handelsknoten entwickeln, würde er wahrscheinlich auch für die Länder Zentralasiens zum attraktiven Anlaufhafen werden.

Es lässt sich leicht vorhersagen, dass unkontrolliert wachsende Handelsknotenpunkte wie Tschahbahar für Pakistan und seinen Schutzherrn China, der massiv in pakistanische Tiefseehäfen investiert hat, zu enormen Verlusten führen würden. Die Transiteinnahmen aus einem „reichen Fluss“ würden sich bestenfalls auf ein „Rinnsal“ reduzieren. Denn der China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) – Chinas Flaggschiff-Investitionsprojekt in Pakistan im Rahmen der „Belt and Road“-Initiative – droht angesichts der dominierenden indischen Hafeninfrastruktur im Westen (Tschahbahar) und Osten unrentabel zu werden. In diesem Szenario schaffen Inder, Afghanen und Iraner ihre eigene Wirtschaftsdynamik, in die Chinesen und Pakistaner nur schwer eindringen können.

Es ist kaum vorstellbar, dass Pakistan, das alles zu verlieren riskiert, und China, dem ein immenser Verlust droht, tatenlos zusehen würden. Stattdessen ist es wahrscheinlich, dass sie in Afghanistan auf bestimmte Gruppierungen setzen, die die Macht in Kabul oder in Schlüsselregionen übernehmen könnten.

Und was, wenn sich auch Indien diesem gefährlichen Spiel vollends anschließt?

In diesem Fall stünde Kabul kurz davor, zum „Pulverfass“ Südasien zu werden. Für das Land wäre das jedoch leider nichts Ungewöhnliches.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 17. Januar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Juri Mawaschew ist ein russischer Orientalist. Er ist Direktor des Zentrums für das Studium der neuen Türkei.

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