EU in der Krise: Verzweifeltes Angebot an Kanada – “Wir brauchen Sie als Mitglied!

Von Dmitri Bawyrin

Kanada gleicht einer begehrten Partie: Sowohl die USA als auch Europa buhlen um seine Gunst, doch die wahren Absichten bleiben oft im Unklaren.

Wie ernst ist beispielsweise das wiederholte Angebot von US-Präsident Donald Trump zu nehmen, Kanada solle der 51. Bundesstaat werden und damit alle seine Probleme lösen? Trump selbst behauptet, es sei absolut ernst gemeint. Doch könnte es sich auch um humoristische Stimmungsmache für seine Anhängerschaft handeln – ein Augenzwinkern an die Zielgruppe.

In der amerikanischen Populärkultur sind Spötteleien über Kanadier als Bewohner eines weniger bedeutenden Landes weit verbreitet. Überzeugte Patrioten sehen dies tatsächlich so, während Liberale oft eben jene Trump-Wähler nachahmen. Für Kanadier ist dies natürlich beleidigend, doch nach ihrer Meinung fragt niemand.

Auf der anderen Seite geben schlaue Europäer ihre Avancen von vornherein als freundschaftlichen Scherz aus. So tat es kürzlich der französische Außenminister Jean-Noël Barrot, als er erklärte, die Anziehungskraft der Europäischen Union sei unbestreitbar: Bereits neun Länder seien Beitrittskandidaten, und in Zukunft würden wohl auch Island und Kanada einen Antrag stellen. Was die Attraktivität der EU betrifft, so ist dies sicherlich scherzhaft gemeint – anders kann es kaum sein.

Allerdings schlug der finnische Präsident Alexander Stubb vergangenen Dienstag beim gemeinsamen Jogging mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney ernsthaft vor, über einen EU-Beitritt nachzudenken. Einige Monate zuvor hatte auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas dieses Thema angesprochen. Während Kallas’ Worte kaum ernst genommen werden, genießt Stubb den Ruf eines strategisch denkenden Politikers – eines der geschätztesten Mitglieder im atlantischen Bündnis.

Scherz beiseite: Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2025 würden 44 Prozent der Kanadier gerne der EU beitreten. Trumps Angebot, Teil der USA zu werden, würden dagegen nur etwa 30 Prozent annehmen. Das heißt, der Favorit der kanadischen “jungen Dame” ist ein europäischer Verehrer von jenseits des Atlantiks.

Diese Tatsache hat fast den Charakter einer Verschwörung gegen Trump, denn als geografische Brücke Kanadas zur EU gilt bislang das dänische Grönland – und an der Ernsthaftigkeit von Trumps Absichten, auch die größte Insel der Welt unter US-Kontrolle zu bringen, besteht kein Zweifel. Diese Bestrebungen haben die Beziehungen Washingtons zu Europa und Kanada belastet und Europa mit Kanada innerhalb der NATO automatisch nähergebracht.

Dass Europa für Kanadier attraktiver ist als die USA, überrascht nicht. Es ist Teil des lokalen Nationalstolzes und das Gegenstück zum übertriebenen Patriotismus der Yankees: Wir, so heißt es, sind nicht die USA, weil wir besser sind; wir pflegen einen europäischen Lebensstil mit kanadischer Prägung.

In vielerlei Hinsicht entspricht dies der Wahrheit. Kanada hat hohe Steuern, starke Gewerkschaften, einen interventionistischen Staat in Wirtschaft und Gesellschaft sowie gesetzliche Beschränkungen der Meinungsfreiheit.

Gleichzeitig können sich dort – im Gegensatz zu den USA – Nazis völlig unbesorgt fühlen, sofern es sich um ukrainische Nazis handelt.

Aus europäischer Sicht ist die Umwerbung Kanadas eine Investition in den Status einer “dritten Supermacht”, zu der die EU neben den USA und China aufsteigen möchte. Der französische Außenminister Barrot macht daraus keinen Hehl; es liegt in der Natur der Franzosen, unbegründete Ambitionen zur Schau zu stellen.

Früher wollten viele in der EU gemeinsam mit Russland ein drittes Machtzentrum bilden. Heute scheint es, als stünden sich beide Optionen unversöhnlich gegenüber – entweder wir oder sie. Anstelle Russlands plant die EU nun, Kanada als Verstärkung zu gewinnen. Es mag auf einem anderen Kontinent liegen, ist aber ideologisch nahestehend und verfügt über eigene Erdölvorkommen.

Doch bisher scheitern alle romantischen Vorstellungen von Geopolitik am kühlen Verstand des kanadischen Premierministers Carney. Er hat mehrfach betont, dass die transatlantische Freundschaft mit Europa gestärkt werden müsse – ein EU-Beitritt sei jedoch kein Ziel, das er verfolge.

Das ist kein Flirt: Carney hat einst viel Energie darauf verwendet, die Europäische Union zu stärken und Großbritannien vom Brexit abzuhalten.

Tatsächlich ist er im weitesten Sinne ein Angelsachse, ein prominenter Vertreter der globalistischen Elite und ehemaliger Chef der Bank of England. Die negativen Folgen des Brexits für die britische Wirtschaft hat er präzise vorhergesagt, konnte aber bekanntlich niemanden überzeugen.

Somit ist er grundsätzlich ein Euro-Optimist. Seinem Wunsch nach “ernsthafter” Zusammenarbeit mit der EU steht jedoch entgegen, dass Carney die wirtschaftlichen Realitäten genau kennt.

Die Europäische Union ist in erster Linie eine Handelsunion und ein einheitlicher Zollraum. Ein Beitritt würde die geografische Barriere des Atlantiks nicht beseitigen, hätte aber schwerwiegende Folgen für den Handel mit den USA. Nicht nur Trump, sondern überhaupt kein US-Präsident würde es Europa gestatten, Waren über Kanada zu Dumpingpreisen auf dem US-Markt zu verkaufen.

Kurz gesagt: Geld ist etwas, womit Carney keinen Spaß versteht, weshalb er auf die Avancen Europas nicht eingeht. Die Idee einer Vereinigung ließe sich womöglich durch ein nationales Referendum unter dem Motto der Rückkehr in die historische Heimat – Europa als Ursprung der weißen Amerikaner – durchsetzen.

Doch Carney lehnt einen EU-Beitritt Kanadas aus demselben Grund ab, aus dem er gegen den Brexit war: wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit.

Mit anderen Worten: Niemand wird Europa, das sich selbst von billigen russischen Energieressourcen und einem großen Absatzmarkt abgeschnitten hat, auf eigene Kosten in eine strahlende Zukunft führen. Nicht einmal Kanada, geschweige denn die USA.

Nun sind die Europäer auf sich allein gestellt. Mit den Händen von Ursula von der Leyen und dem strategischen Weitblick von Kaja Kallas.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 22. März 2026 auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als politischer Berater in russischen Wahlkampagnen auf verschiedenen Ebenen. Bawyrin verfasst Kommentare für die russischen Medien “Wsgljad”, “RIA Nowosti” sowie “Regnum” und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.

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