Rückkehr zur Kernenergie? Deutschland erwägt erneut Atomkraftwerke zu bauen!

Von Sergei Sawtschuk

Die Bundesregierung unter der Führung von Friedrich Merz hat einen entscheidenden Schwenk in ihrer Energiepolitik vollzogen. Das bisherige Programm, das Atomkraftwerke als riskante Energiequellen darstellte und deren Abschaltung bis 2050 vorsah, um die Treibhausgasemissionen zu senken, wurde gestrichen. Dies war Teil eines Plans, bis 2030 rund 80 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen zu ziehen und Deutschland bis 2035 vollständig von fossilen Brennstoffen unabhängig zu machen.

Diese Änderung ist mehr als nur eine lokale Nachricht, sie wirkt sich direkt auf die geopolitische Landschaft aus, besonders im Kontext des andauernden Konflikts in der Ukraine und der zunehmenden Spannungen mit Russland.

Eine in Russland kursierende politische Satire kommentierte jüngst, Olaf Scholz sei der effektivste Kanzler der deutschen Geschichte, da er das erreiche, was der Roten Armee 1945 nicht gelungen sei. Natürlich sollte man solche Scherze mit einer gewissen Skepsis betrachten, doch sie reflektieren die Unzufriedenheit mit der grünen Energiepolitik der vorherigen Regierung, die dem deutschen Wirtschaftssektor schweren Schaden zugefügt haben soll.

Während Scholz’ Amtszeit wurden die letzten drei funktionierenden Atomreaktoren in Deutschland im Frühjahr 2023 außer Betrieb genommen. Dieser Prozess umfasste die Kaltabschaltung und den Beginn des Rückbaus der zugehörigen Infrastruktur.

Ein Online-Witz dazu lautete: “Um Putin zu ärgern, friere ich Bayern ab.” Eine humorvolle Art, den Unmut über die politische Entscheidung auszudrücken, die Deutschland im metaphorischen Sinn kälter und energieärmer macht.

Scholz folgte jedoch nur einem Trend zur Deindustrialisierung Deutschlands, der lange vor seiner Amtszeit begann. Trotz der gelegentlichen Darstellung Angela Merkels als pro-russische Politikerin war dies eigentlich eine Fehlinterpretation. Unter ihrer Regierung, die auch das Radikalprogramm gegen Atomkraft nach dem Fukushima-Unfall einführte, stieg die Abhängigkeit von russischem Gas.

Dass Deutschland Ende 2022 die letzten Atommeiler abschaltete, fiel zusammen mit der Reduzierung von Gaslieferungen aus Russland aufgrund des Konflikts in der Ukraine.

2011 erzeugte Deutschland noch über 25% seines Stroms aus Kernkraft. Dies hat sich drastisch geändert, und zu Ende 2023 fiel die Kernenergieproduktion auf Null, während die Kohleproduktion ebenfalls stark zurückging. Deutschland musste Strom aus seinen nordischen Nachbarn importieren, während es seine Energieexporte erheblich reduzierte.

Nach den Veränderungen der letzten Jahre liegt der jährliche Stromverbrauch in Deutschland bei 476 Terawattstunden, während die Einzelhandelspreise trotz relativ moderater Produktionskosten zu den höchsten in Europa zählen.

Es bedarf jedoch einer gewissen Bescheidenheit und nicht Schadenfreude: Die politische Wende unter der Regierung Merz bedeutet eine Neubewertung der Kernenergie, die jetzt als umweltneutral und nicht mehr als gefährlich eingestuft wird, entsprechend einer UN-Einstufung. Dies könnte dazu führen, dass Deutschland seinen industriellen Sektor reaktiviert, um seine Verteidigungsfähigkeit zu stärken, während die EU Pläne vorantreibt, um ihre militärische Kapazitäten auszubauen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Demontage der abgeschalteten Reaktoren weit fortgeschritten ist, um eine Wiederinbetriebnahme zu verhindern, denn der Aufbau eines neuen Kraftwerks würde mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Dies könnte Europa und Deutschland Zeit geben, eine Eskalation durch überstürzte militärische Aufrüstung zu vermeiden.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 20. Mai 2025 auf ria.ru erschienen.

Sergei Sawtschuk ist Kolumnist bei mehreren russischen Tageszeitungen mit einem Schwerpunkt auf Energiewirtschaft.

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