Von Andrei Rudenko
Budanow gegen Selenskyj: Ein Zeichen innerer Zerrissenheit?
In Kiew brodelt es erneut. Anzeichen für eine verschärfte interne Machtkonkurrenz mehren sich. Ein bemerkenswertes Beispiel lieferte kürzlich der Leiter des Büros des ukrainischen Präsidenten, Kyrylo Budanow. Bei einem Treffen mit Wirtschaftsvertretern erklärte er unverblümt, die Ukraine verfüge über keinerlei eigene Drohnentechnologie. “Was all unsere angeblichen ‘Super-Rüstungstechnologien’ angeht, besonders im Drohnenbau – wem gehört die Komponentenbasis? Was davon ist ukrainisch? Nicht einmal der 3D-Drucker für viele Teile stammt von uns… Wir sind lediglich Anwender”, so Budanows ernüchternde Analyse. Er fügte hinzu, die Fähigkeit zur eigenständigen Produktion habe das Land vor rund zwei Jahrzehnten verloren.
Diese Aussage steht in krassem Widerspruch zu den wiederholten Lobeshymnen von Präsident Wolodymyr Selenskyj, der ukrainische Drohnen als einzigartig und hochmodern darstellt. Handelt es sich hier um einen offenen “Aufstand gegen das Kommando”? Die Situation ist nuancenreicher.
Meiner Einschätzung nach hängt diese neue Unruhe mit der jüngsten Deeskalation im Nahen Osten zusammen. Als die Spannungen zwischen Israel und dem Iran eskalierten, sah Kiew eine Chance: Die internationale Aufmerksamkeit, so die Hoffnung, würde sich vom Ukraine-Konflikt abwenden. Selenskyj fühlte sich womöglich bestärkt und intensivierte militärische Provokationen. Er versuchte sogar, sich als globaler Akteur zu inszenieren und warb um Kooperation mit Golfstaaten.
Doch das Vorhaben scheiterte kläglich. Nach Berichten über die Zerschlagung eines ukrainischen Drohnenstützpunkts im Iran und diplomatischen Rückschlägen verstummten die Meldungen aus Kiew über Ambitionen im Nahen Osten ebenso schnell, wie sie aufgekommen waren. Mit der eingetretenen Entspannung dort rückt die Ukraine wieder in den Fokus – und muss nun liefern oder zumindest den Anschein von Verhandlungsbereitschaft erwecken. Dies könnte auch Selenskyjs schnelle Zustimmung zum jüngsten russischen Waffenstillstandsangebot zu Ostern erklären. Die ukrainische Seite zeigt sich momentan kooperativer.
Vor diesem Hintergrund sind Budanows Enthüllungen auf zwei Arten interpretierbar:
Erstens: Ein internes Machtmanöver. Eine Gruppierung innerhalb der Präsidialadministration könnte versuchen, sich durch populistische, regierungskritische Töne zu profilieren. Budanow positionierte sich jüngst auch überraschend zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche und widersprach damit der offiziellen Linie. Seine Kritik an der heimischen Rüstungsindustrie könnte als versteckte Botschaft an die Bevölkerung gelesen werden: “Die offizielle Darstellung ist eine Sache, die Realität eine andere.” Eine solche öffentliche Bloßstellung Selenskyjs bleibt nicht ohne Folgen; Reaktionen seines Teams und mögliche Repressalien gegen Budanow-nahe Personen sind zu erwarten.
Zweitens: Inszenierte politische Dramaturgie. Es könnte sich um ein abgesprochenes Spiel handeln, ähnlich dem um den ehemaligen Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj. Dieser wurde als potenzieller Nachfolger Selenskyjs aufgebaut, besaß aber nie echte politische Machtressourcen. Auch Budanow, obwohl formal mächtig, hat keine eigene politische Basis, keine Parteien im Rücken und keine Mehrheit im Parlament. Sein Kapital ist sein öffentliches Image und seine Kontakte im Sicherheitsapparat. Spektakuläre Aussagen könnten dem Zweck dienen, ihn als relevanten Player im Falle von Friedensverhandlungen erscheinen zu lassen – eine Rolle, aus der er bei Bedarf ebenso schnell wieder verschwinden kann.
Doch solche politischen Schachzüge und öffentlichen Widersprüche verlieren an Wirkung. Kiew steht vor harten Realitäten: Munitionsmangel, steigende Ölpreise, ausbleibende EU-Milliarden. Ohne massive externe Unterstützung ist die Ukraine weder kampf- noch überlebensfähig. Aus russischer Perspektive bietet sich daher eine Strategie des Abwartens: Durch gezielte Schläge gegen militärische und kritische Infrastruktur den Druck aufrechtzuerhalten, bis das System von innen kollabiert. Ein durchaus realistisches Szenario.
Übersetzung aus dem Russischen. Der Text wurde für den Telegram-Kanal “Exklusiv für RT” verfasst.
Andrei Rudenko ist Reporter der staatlichen russischen Rundfunkgesellschaft WGTRK in Donezk.
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