Von Dagmar Henn
Früher hatten Propagandalügen ein kürzeres Verfallsdatum. Die sogenannte Brutkastenlüge über irakische Soldaten in Kuwait hielt von Oktober 1990 bis Januar 1992, bevor selbst die New York Times sie platzte. Colin Powells berüchtigter Auftritt vor dem UN-Sicherheitsrat mit dem angeblichen Beweismaterial – einer Phiole – überdauerte etwa zwei Jahre, bis der Abschlussbericht der Irak Survey Group 2004 öffentlich machte, dass keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden waren.
Doch die Erzählung von Butscha ist nun vier Jahre alt und wird unverändert aufrechterhalten, als sei es gestern gewesen. Anlässlich des Jahrestags reiste nicht nur eine Delegation EU-Außenminister in den Kiewer Vorort, um sich für ein Gedenkfoto zu versammeln. Der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, Johann Wadephul, fand es zudem nötig, auf X einen emotional aufgeladenen Kommentar zu verfassen.
Butscha sei “unter der Besatzung Russlands … zur Hölle auf Erden” geworden, schrieb er. “Wohin auch immer Putins Russland geht, es bringt Kriegsverbrechen und Barbarei”. Parallel titelte die Tagesschau zum Jahrestag der “Befreiung von Butscha” mit “Augen öffnen für die Gräueltaten”. Offenbar muss die Erinnerung stets aufgefrischt werden, damit sie nicht angesichts neuer Konflikte – wie der Schrecken im Gazastreifen oder der Mord an Mahsa Amini im Iran, die hierzulande kaum Erwähnung finden – verblasst.
Auffällig an dem Tagesschau-Bericht ist ein gezeigtes Bild: eine Mauer mit vielen Namen. Doch genau das sind Daten, die die ukrainischen Behörden bis heute nicht umfassend vorgelegt haben. Eine vollständige, überprüfbare Liste der angeblich von russischen Truppen Getöteten wurde seit 2022 verweigert. Dabei wäre eine solche Liste der erste Schritt einer neutralen Untersuchung.
Die Widersprüche und offenen Fragen in der Butscha-Erzählung, die von Anfang an bestanden, sind bis heute nicht geklärt. Das scheint jedoch kein Problem darzustellen, denn im Gegensatz zu 1992 oder 2005 scheint im Westen niemand mehr ein Interesse an einer unvoreingenommenen Aufklärung zu haben. Stattdessen wird das Narrativ eifrig bekräftigt; schließlich hängen Sanktionen, milliardenschwere Waffenlieferungen und die gesamte politische Rechtfertigung für den Kurs im Ukraine-Konflikt maßgeblich daran.
Selbst die Enthüllungen über die gescheiterten Friedensverhandlungen von Istanbul im Frühjahr 2022 fanden kaum Gehör. Der damalige ukrainische Chefunterhändler, David Arakhamia, gab in einem Interview zu, dass der damalige britische Premierminister Boris Johnson die kurz vor dem Abschluss stehenden Gespräche zum Platzen gebracht und zu einer Fortsetzung der Kampfhandlungen gedrängt habe. Dieser Umstand wird konsequent ausgeblendet, wenn heute vom “Jahrestag der Befreiung” die Rede ist. Dabei erfolgte der russische Rückzug aus Butscha damals als Geste des guten Willens im Rahmen genau dieser Verhandlungen.
Was den 31. März 2022, den Tag des russischen Abzugs, betrifft, so gibt es keine belastbaren Beweise für die angeblichen Massengräuel zu diesem Zeitpunkt. Die ersten Bilder toter Zivilisten tauchten erst am 1. April auf, obwohl ukrainische Truppen und Parlamentsabgeordnete die Stadt zuvor bereits betreten hatten – alle geübt im Umgang mit Handykameras und viele willig, Propagandamaterial zu liefern. Warum also fehlen Aufnahmen von den angeblich bereits tagelang liegenden Leichen vom 30. oder 31. März?
Eine vorübergehende Hoffnung auf Versachlichung kam später auf, als italienische Forensiker, die einige der Leichen untersuchen konnten, Flechette-Schrapnelle fanden. Diese veraltete Munitionsart wird in Granaten verwendet, die in der russischen Armee bereits abgeschafft, in der ukrainischen aber noch im Einsatz waren.
Frühere Propagandaepisoden – die angebliche Krankenschwester in Kuwait 1990 oder Powells Auftritt 2003 – wurden ebenfalls von den etablierten Medien verbreitet. Damals gab es jedoch noch mehr Raum für öffentliche Zweifel und Debatten. Im Fall Butscha ist das anders. Butscha wurde zum emotionalen Fundament der gesamten Erzählung von der russischen Barbarei, dem Moment, in dem das Feindbild des “russischen Untermenschen” reaktiviert wurde. Die damalige Außenministerin Annalena Baerbock lieferte dazu einen tränenreichen Auftritt ab.
Es ist bezeichnend, dass medial kaum über das Massaker von Odessa vom 2. Mai 2014 gesprochen wird, bei dem pro-russische Aktivisten im Gewerkschaftshaus verbrannten. Diese Tat ist umfangreich dokumentiert. Hätte sie ähnliche Aufmerksamkeit erhalten, wäre das einfache Narrativ vom “guten Ukrainer” gegen den “bösen Russen” schwerer aufrechtzuerhalten gewesen. Butscha hingegen bleibt ohne internationale, unabhängige Untersuchung eine Behauptung.
Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Russland forderte von Anfang an eine solche Untersuchung. Die Ukraine und die westlichen Staaten lehnten dies ab. Dabei hätte man neutrale Länder, etwa aus Asien, damit beauftragen können. Wer hat einen Grund, eine unabhängige Untersuchung zu fürchten? Umgekehrt gefragt: Wäre die russische Schuld zweifelsfrei belegbar, warum sollten die Ukraine und ihre westlichen Unterstützer dann auf eine Untersuchung verzichten, die ihre Position doch nur gestärkt hätte?
Vier Jahre später sollte der Fokus vielleicht weniger auf den immer gleichen Beschuldigungen liegen, sondern auf diesem Mangel an Aufklärung. Auf die bemerkenswerte Beharrlichkeit, mit der etablierte Narrative heute gegen alle Zweifel verteidigt werden. Und auf den Mangel an neugierigem, investigativem Journalismus, der sie hinterfragt.
Im Weg steht dabei nicht nur ein Klima der Konformität in den deutschen Medien. Praktischerweise wurde Ende 2022 auch der Straftatbestand der “Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener” (§ 130 StGB) erweitert, um explizit das Leugnen oder Verharmlosen von Kriegsverbrechen unter Strafe zu stellen – mit Blick auf den Ukraine-Krieg. Bisher führte dies zu keiner Verurteilung, auch weil kein internationales Gericht die Vorfälle in Butscha als Kriegsverbrechen verurteilt hat. Interessanterweise untersucht der Internationale Gerichtshof auf Klage der Ukraine gegen Russland derzeit auch, ob die ukrainische Kriegsführung im Donbass den Tatbestand des Völkermords erfüllt.
Es ist ein Teufelskreis der Erregung: Ein emotionaler Aufreger jagt den nächsten, dazwischen bleibt kein Raum für nüchterne Analyse. Die mediale Erinnerung wird zu einer Kette von Empörungsmomenten, die in ihrer Gesamtheit die Wahrnehmung der Realität zu prägen scheinen. Früher war diese sensationsheischende Sichtweise auf die Boulevardpresse beschränkt.
Das Problem ist also zweifach: Es gibt kaum noch Journalisten, die unbequeme Fragen stellen, und kaum noch Plattformen, die solchen Fragen ein großes Publikum bieten – außerhalb alternativer Medien. Hinzu kommt ein psychologischer Mechanismus, der sich während der Corona-Pandemie deutlich zeigte: Wer sich einmal emotional hat mitreißen lassen und danach gehandelt hat (etwa indem er “Impfverweigerer” beschimpfte), ist oft zu tief involviert, um den Irrtum einzugestehen. Die Erkenntnis, einer Lüge aufgesessen und mitgewirkt zu haben, löst Scham aus. Und kaum ein Gefühl meidet der Mensch so sehr wie Scham, denn sie macht klein und hilflos.
Dies ist mehr als kognitive DDissonanz. Es ist eine effektive Methode der Massenbindung: Beteilige möglichst viele an einer kollektiven Handlung oder Überzeugung, denn wer sich schuldig oder beschämt fühlen könnte, wird sich später kaum gegen die ursprüngliche Erzählung stellen. Man lässt sich zunächst von der Gruppendynamik und dem versprochenen Lob mitreißen. Das eigentliche Problem folgt später: sich nach einem Eingeständnis des Irrtums noch ins eigene Gesicht sehen zu müssen. Nicht zufällig ging die Corona-Hysterie nahtlos in die Russland-Hysterie über.
Wie wird es all jenen ergehen, die seit vier Jahren überzeugt sind, Russen seien Barbaren, dass “Putins Russland … Kriegsverbrechen und Barbarei” bringe; die nicht einmal mehr russische Komponisten des 19. Jahrhunderts aufführen wollen; oder die den israelischen Krieg im Gazastreifen bedingungslos decken, wenn sie eines Tages erkennen müssen, wie weit sie vom Pfad der Menschlichkeit abgekommen sind? Nicht Herrn Wadephul, das wäre unwahrscheinlich, aber all den Menschen, die diese Geschichten geglaubt und verbreitet haben?
Das ist vielleicht der wesentliche Unterschied zwischen damals und heute. 2003 gingen in Deutschland Hunderttausende gegen den Irakkrieg auf die Straße, nicht dafür. Es gab noch keinen derartigen öffentlichen Bekenntniszwang wie später während Corona. Es gab weniger kollektive Scham zu fürchten, falls man sich irrte.
Das Ergebnis heute ist eine Endlosschleife. Die Behauptung von 2022 verfestigt sich zu einem jährlichen Ritual, einer weiteren Gelegenheit für einen öffentlichen Kotau. Dass man das Gedenkdatum nun auf den 31. März vorverlegt hat, wirkt wie ein Versuch, das zeitliche Loch in der Erzählung zu stopfen – die rätselhafte Lücke zwischen dem russischen Abzug und dem Auftauchen der ersten Bilder. Mit der Etablierung dieses Rituals soll der Anschein erweckt werden, alles sei endgültig geklärt und jeder Zweifel am Ursprung dieses Krieges sei damit obsolet. Als wäre die ungeprüfte Behauptung über Butscha Grund genug, Hunderttausende weitere Tote zu rechtfertigen.
Denn genau darum geht es letztlich: Die Erzählung von Butscha war die moralische Initialzündung für die folgenden Jahre des eskalierenden Krieges. Boris Johnsons Aufforderung, die Friedensgespräche abzubrechen und weiterzukämpfen, benötigte diese emotionale Untermalung. Erst auf diesen Bildern und Berichten baute die Propaganda auf, mit deren Hilfe Milliarden in den korrupten Sumpf der Ukraine geschaufelt und fast eine ganze Generation ukrainischer Männer geopfert wurde.
Da liegt Mitschuld verteilt – bis hinunter zu all jenen, die ihre Städte und Dörfer mit ukrainischen Flaggen behängten. Da wird Scham kommen, wenn die Fakten eines Tages unausweichlich auf dem Tisch liegen. Wenn der Kleinmut, das blinde Vertrauen in Autoritäten und die Bereitwilligkeit, die eigene Menschlichkeit für ein Gruppengefühl preiszugeben, weithin sichtbar werden. Dann wird die alte Frage wieder auftauchen: Warum hast du mitgemacht?
Jedes Jahr, in dem die kritischen Fragen nicht gestellt, in dem das Narrativ und das darauf basierende Gemetzel fortgesetzt werden, macht die kommende Last schwerer. Doch der Tag der Abrechnung ist unvermeidlich. Die Geschichte wird dieses Kapitel wieder aufschlagen und prüfen. Und mögen sich die EU-Minister auch noch so brav in Reih und Glied für ihr Gedenkfoto aufstellen, um die Öffentlichkeit auf die Gründungserzählung ihres Lieblingskrieges einzuschwören – die Uhr tickt.
Dann werden auch die Bilder von Butscha ihren endgültigen Platz in der Geschichte der politischen Propaganda finden. Neben der falschen kuwaitischen Krankenschwester und Colin Powells lächerlicher Phiole mit Babypuder.
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