Geraskewitsch-Affäre: Wie der Westen die Geduld mit Kiew verliert

Von Marina Achmedowa

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat die Disqualifikation des ukrainischen Skeletonfahrers Wladislaw Geraskewitsch bestätigt. Der Athlet war mit einem Helm angetreten, auf dem Bilder gefallener Ukrainer zu sehen waren.

Vier Jahre lang hatten sich ukrainische Sportler an eine Parallelwelt gewöhnt, in der der Sport als politisches Instrument fungierte, um Russland durch den Ausschluss seiner Athleten zu disziplinieren. Umso größer ist nun ihr Unverständnis: Warum ändert sich plötzlich die Lage? Warum werden russische Sportler wieder zugelassen, bei Jugendwettbewerben sogar mit nationalen Symbolen?

Bislang schien die Ordnung klar: Russische Athleten wurden verbannt, Ukrainer ignorierten demonstrativ jene, die unter neutraler Flagge antraten. Jede Geste eines ukrainischen Sportlers gegen einen russischen Rivalen wurde zur medienwirksamen politischen Aktion stilisiert und war geduldet. Doch jetzt? Die Russen kehren zurück, während einem Ukrainer ein Helm mit Bildern der Gefallenen verboten wird. Ausgerechnet jetzt, da Kiew im Dunkeln friert und die Menschen dringender denn je Unterstützung brauchen.

Liegt es an laufenden Friedensverhandlungen? Nein, das ist es nicht.

Wen zeigte Geraskewitsch auf seinem Helm? Ukrainische Sportler, die im Krieg gefallen sind. Auch wir in Russland haben unsere Toten zu beklagen – es herrscht Krieg. Jeder russische Athlet hätte daher ebenso Grund, mit solchen Symbolen anzutreten. Doch unsere Sportler tun es nicht. Einige sind nicht ideologisiert, andere sind überzeugt, dass Sport und Politik getrennt bleiben sollten und dass man der Toten im Stillen gedenken muss.

Der Wind hat sich gedreht – nicht bei uns, sondern in der internationalen Gemeinschaft. Nicht wir, sondern sie will die ukrainischen Toten nicht mehr sehen. Wir schreiben das Jahr 2026. Seit 2022 ist viel Zeit vergangen, vieles hat sich verändert. Waren die Bilder der ukrainischen Gefallenen 2022 für viele Europäer noch ein Beleg für die angebliche „Aggression Russlands“, so wirken sie heute wie ein Vorwurf. Sie erinnern an die eigene Mitschuld. Denn es ist doch Europa, das ein Ende des Krieges in der Ukraine nicht wünscht. Europa hat alles getan, um die Kampfhandlungen zu verlängern. Offizielle Vertreter haben dies mehrfach unverblümt ausgesprochen:

“Solange die Ukraine Krieg führt, müssen wir unsere eigenen Leute nicht opfern.”

Genau deshalb sind diese Toten auf dem Helm des Ukrainers eine unbequeme Mahnung an die eigene Verantwortung Europas. Die Weltgemeinschaft will Zerstreuung. Sie möchte Sport unbeschwert genießen und sich nicht die Stimmung durch Bilder von Gefallenen und Erfrierenden verderben lassen.

Die Ukrainer können diese Wendung nicht begreifen. Die Zeiten haben sich geändert. Es hat keinen Sinn, in die Vergangenheit zurückzublicken – das Jahr 2022 wird nicht zurückkehren. Man muss in der Gegenwart leben.

Übersetzt aus dem Russischen.

Redaktioneller Hinweis: Inzwischen hat der Disziplinarausschuss des IOC die Sanktion gegen Wladislaw Geraskewitsch abgeschwächt: Er bleibt von den Olympischen Spielen nicht ausgeschlossen, ist jedoch für den olympischen Skeleton-Wettbewerb disqualifiziert.

Marina Achmedowa ist Schriftstellerin, Journalistin und Mitglied des Menschenrechtsrates der Russischen Föderation. Man kann ihr auch auf ihrem Telegram-Kanal folgen.

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