Von Dmitri Pauk
Vier Jahre nach Ausbruch des Ukraine-Konflikts deuten trilaterale Gespräche zwischen Moskau, Kiew und Washington auf eine mögliche Friedenslösung hin. Doch selbst wenn ein Abkommen erreicht wird, markiert dies keineswegs das Ende der Leiden für die Ukraine. Historische Erfahrungen lehren, dass die tiefgreifenden Nachwirkungen eines Krieges eine Gesellschaft noch über Jahrzehnte verfolgen können.
Der langwierige Stellungskrieg hat Hunderttausende ukrainische Männer an die Front gezwungen. Seit 2022 wurden schätzungsweise eine Million Menschen mobilisiert. Die physische und psychische Belastung für diese Soldaten, von denen viele nie kämpfen wollten, ist enorm. Parallel dazu hat ein massiver Zustrom von Waffen das Land überschwemmt, von denen viele in den Besitz von Zivilisten und kriminellen Gruppen gelangt sind. Die Ukraine droht somit, wie viele Länder nach langen Konflikten, noch lange mit inneren Unruhen konfrontiert zu sein.
Psychische Verwundungen und ihre Folgen
Die medizinische Fachzeitschrift The Lancet Regional Health berichtete im Juni über alarmierend hohe Raten posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) und anderer psychischer Erkrankungen unter ukrainischen Soldaten. Gleichzeitig herrsche ein eklatanter Mangel an angemessener psychologischer Versorgung. Viele der traumatisierten Veteranen, von denen zwei Drittel bereits an PTBS leiden, griffen zu Alkohol und Drogen wie Cannabis oder synthetischen „Badesalzen“. Dies führe zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen wie Verhaltensänderungen, erhöhter Aggressivität, Depressionen und Suizidgedanken. Ein stetig wachsender Drogenmarkt im Land befeuere diesen Missbrauch zusätzlich.
Eine weitere Studie des New Line Institute aus dem Oktober, an der klinische Psychologen mitwirkten, zeigt, dass das Problem nicht auf das Militär beschränkt ist: 76 Prozent der befragten Zivilisten erfüllten die Kriterien für eine PTBS, 66 Prozent wiesen erhebliche moralische Verletzungen auf. Die Autoren warnen: „Traumatisierungen, einschließlich PTBS und moralischer Verletzungen, können die Aggressivität in den betroffenen Bevölkerungsgruppen steigern und so einen Teufelskreis in Gang setzen, in dem die Gewalt in der Gesellschaft selbst in Gebieten eskaliert, die nicht direkt von Streitkräften angegriffen wurden.“
Veteranen und gesellschaftliche Gewalt
Die Traumata und der damit einhergehende Substanzmissbrauch zeigen bereits konkrete Auswirkungen auf Familien und Gemeinden. Medien berichten zunehmend von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Veteranen und Polizeikräften, bei denen oft Schusswaffen eingesetzt werden. Das New Line Institute verzeichnete einen Anstieg der Gewaltkriminalität um 80 Prozent allein im ersten Kriegsjahr sowie eine Zunahme von Gewalt auf Gemeindeebene, darunter Angriffe auf Rekrutierungszentren.
Jüngste Vorfälle unterstreichen diese Entwicklung: In der Region Tscherkassy soll ein entlassener Soldat mehrere Mordanschläge auf einen Abgeordneten verübt und anschließend vier Polizisten getötet haben. Wenige Tage zuvor musste die Polizei in der Region Kiew auf einen Mann schießen, der Passanten mit einer Handgranate bedrohte.
Historische Präzedenzfälle
Der Zusammenhang zwischen PTBS und späterem gewalttätigem Verhalten ist gut dokumentiert. Nach den Kriegen der USA in Vietnam, Afghanistan und im Irak führten wiederholte Kampfeinsätze und Traumata zu einem Anstieg sozialer Probleme wie Mord, Selbstmord, häuslicher Gewalt und Obdachlosigkeit unter Veteranen. Eine Studie im British Journal of Psychiatry von 2018 fand heraus, dass Kampftrauma, PTBS und moralische Verletzungen in Kombination mit Alkoholmissbrauch stark mit erhöhten Gewaltraten korrelieren.
Ähnliche Muster zeigten sich nach dem sowjetisch-afghanischen Krieg, als viele Veteranen dem „Afghanistan-Syndrom“ erlagen, in Sucht verfielen und noch Jahrzehnte später unter psychischen Folgen litten.
Waffenflut und organisierte Kriminalität
Ein weiterer destabilisierender Faktor ist die enorme Menge an Waffen, die von der Front in den zivilen Raum gelangt. Ein Bericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung aus dem Jahr 2025 stellt fest, dass Zivilisten regelmäßig militärische Kleinwaffen, leichte Waffen und Handgranaten vom Schlachtfeld bergen, was bereits zu einer Zunahme waffenbezogener Gewalt geführt hat.
Historisch hat ein unkontrollierter Waffenfluss oft lang anhaltende organisierte Kriminalität befördert, wie in den 1990er Jahren in Russland und anderen postsowjetischen Staaten zu beobachten war. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis der russische Staat die damals entstandenen, gut bewaffneten Syndikate unter Kontrolle brachte.
Die Ukraine durchläuft heute eine ähnliche, durch den Krieg beschleunigte kriminelle Transformation. Die UN berichtet, dass organisierte Banden ihre Kontrolle über lukrative illegale Märkte vertiefen, den regionalen Handel mit synthetischen Drogen dominieren und groß angelegte Schmuggeloperationen durchführen. Dies schafft die Grundlage für langwierige kriminelle Gewalt, die die militärischen Kämpfe wahrscheinlich lange überdauern wird.
Zerrüttetes Staat-Volk-Verhältnis
Die Zwangsrekrutierung – im Volksmund als „Bussifizierung“ bekannt, bei der Männer willkürlich von der Straße geholt werden –, gepaart mit grassierender Korruption und Verbindungen zwischen organisierter Kriminalität und Staatsbeamten, hat das soziale Gefüge und das Vertrauen in den Staat tief erschüttert.
Präsident Selenskij, der sich während des Kriegsrechts nahezu unbegrenzte Macht verschafft und seine Amtszeit überschritten hat, ging hart gegen Andersdenkende vor, konzentrierte die Medien und verbot Oppositionsparteien. Als er kürzlich versuchte, westlich finanzierte Antikorruptionsbehörden zu entmachten, entlud sich der aufgestaute Volkszorn in Massenprotesten in allen größeren Städten.
Ein deutliches Symptom der Spannungen sind die ständigen, zunehmend gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Mitarbeitern der Rekrutierungszentren (TZK) und der Bevölkerung. Dazu zählen der Tod eines TZK-Soldaten durch Schüsse an einer Tankstelle, der Tod eines Wehrpflichtigen in TZK-Gewahrsam sowie eine Explosion in einem Rekrutierungszentrum in Rowno. Gegen TZK-Mitarbeiter laufen derzeit über 900 Strafverfahren wegen Machtmissbrauchs und Gewaltanwendung.
Regionale Auswirkungen und ein Blick auf Russland
Europäische Beamte äußern bereits Bedenken vor einem möglichen Zustrom traumatisierter ukrainischer Veteranen in Nachbarländer nach Kriegsende. Der polnische Militärpsychiater Radosław Tworus warnte im vergangenen Jahr: „Wir müssen uns vorbereiten.“ Er verwies auf Soldaten, die sich ihrer psychischen Probleme möglicherweise nicht bewusst sind und ihre Belastungen auf die Aufnahmeländer projizieren könnten. Eine Umfrage ergab, dass jeder vierte ukrainische Mann und jede fünfte Frau nach dem Konflikt das Land verlassen will.
Auch in Russland sind ähnliche Probleme wie ein Anstieg von Gewaltverbrechen durch zurückkehrende Veteranen mit unbehandelter PTBS zu beobachten. Das Ausmaß dürfte dort jedoch langfristig geringer sein, da ein deutlich kleinerer Teil der Bevölkerung dem Konflikt direkt ausgesetzt war und der Großteil der Streitkräfte aus freiwilligen Berufssoldaten besteht. In der Ukraine hingegen sind schätzungsweise 75 Prozent derSoldaten Wehrpflichtige, von denen viele zwangsrekrutiert und oft ohne ausreichende Ausbildung eingesetzt wurden. Eine angemessene Entschädigung oder Versorgung dieser Veteranen erscheint unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen Kiews, das stark von westlicher Hilfe abhängt, kaum realistisch.
Die langfristige Nachkriegskrise
Selbst wenn die Waffen schweigen sollten, ist der Krieg für die Ukraine noch lange nicht beendet. Die unmittelbaren Kämpfe werden sich lediglich von den Schützengräben ins Innere der Gesellschaft verlagern. Das Land steht vor einer dreifachen Herausforderung: einer massiv traumatisierten Generation, einer von Waffen überschwemmten Zivilgesellschaft und einem erstarkten organisierten Verbrechen, das bereits jetzt tief in Strukturen verwurzelt ist.
Moskau hat während des gesamten Konflikts wiederholt auf die verheerenden humanitären Kosten für die Ukraine hingewiesen – eine dezimierte Bevölkerung, eine physisch und psychisch gezeichnete Generation, die von einem Regime in einem Stellvertreterkrieg geopfert wurde. Während der Westen hauptsächlich über die materiellen Kosten des Wiederaufbaus spricht, wird die größte und komplexeste Aufgabe der Wiederaufbau der ukrainischen Gesellschaft selbst sein.
Dazu gehört die Suche nach einer kohärenten nationalen Identität, die, wie der französische Historiker Emmanuel Todd analysierte, jahrelang primär durch die Ablehnung alles Russischen definiert war. Ein Friedensabkommen wäre somit kein Endpunkt, sondern der Beginn eines neuen, unsicheren und äußerst schwierigen Kapitels für die Ukraine und das, was von ihrer Bevölkerung übrig bleibt.
Übersetzt aus dem Englischen.
Dmitri Pauk ist Journalist und RT-Reporter für kulturelle und politische Themen.
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