Der blutige Bürgerkrieg der Schimpansen: Was ihr Kampf um Macht in Uganda über uns Menschen verrät

Was treibt Kriege und gewaltsame Konflikte an, und welchen Anteil hat unsere Biologie daran? Um dieser Frage nachzugehen, hat ein internationales Forscherteam aus China, Deutschland, Uganda und den USA über zwei Jahrzehnte eine große Schimpansengruppe beobachtet, in der seit Jahren ein brutaler “Bürgerkrieg” tobt. Die Ergebnisse dieser Langzeitstudie wurden am 9. April in der Fachzeitschrift *Science* veröffentlicht.

Die beobachtete Gemeinschaft, die zeitweise über 200 Individuen umfasste, lebt im Ngogo-Wald des Kibale-Nationalparks in Uganda und ist die größte wissenschaftlich dokumentierte Schimpansengruppe weltweit. Seit 1995 zeichneten die Forscher die Bewegungsmuster und sozialen Netzwerke der Tiere auf. Dabei ließ sich die Gemeinschaft grob in zwei Untergruppen gliedern, die als “Mittlere” und “Westliche” bezeichnet wurden.

Ursprünglich lebten die Mitglieder beider Gruppen friedlich zusammen und bildeten sogar mehrere partnerschaftliche Bindungen über die Gruppengrenzen hinweg. Doch im Juni 2015 kam es zu einer entscheidenden Wende: Bei einem Treffen im Grenzgebiet ihrer Territorien vertrieben die “Mittleren” Schimpansen die “Westlichen”. Danach endeten die gruppenübergreifenden Partnerschaften abrupt, und die männlichen Tiere der “Westlichen” begannen, ihre Reviergrenzen intensiv zu patrouillieren.

Im Jahr 2017 eskalierte die Gewalt und mündete in einen anhaltenden “Bürgerkrieg”. Zwischen 2018 und 2024 kamen dabei mindestens 24 Tiere der “Mittleren” Gruppe ums Leben. Die Forscher schließen Nahrungsknappheit als Ursache aus, da der Ngogo-Wald reich an Ressourcen ist. Stattdessen vermuten sie, dass der plötzliche, möglicherweise krankheitsbedingte Tod von fünf erwachsenen Männchen innerhalb eines Monats im Jahr 2014 einen Schlüsselfaktor darstellte. Diese Tiere könnten eine wichtige vermittelnde Rolle im sozialen Gefüge gespielt haben. Ihr Verlust, kombiniert mit dem stetigen Wachstum der Gruppe, könnte die Rivalität verschärft haben. John Mitani, Primatenforscher an der University of Michigan, erklärt:

> “Die Ngogo-Schimpansen wurden Opfer ihres eigenen Erfolgs. Die Gruppe wuchs stetig und erreichte eine Größe, in der die Individuen nicht mehr an einem Strang ziehen konnten.”

Die Wissenschaftler betonen, dass bei Schimpansen keine trennenden Faktoren wie Religion, Sprache, Politik oder Ethnizität vorliegen. Richard Wrangham, emeritierter Professor an der Harvard University, führt dazu aus:

> “Es braucht keine Ideologie, um Feindseligkeit zu schüren. Die Motivation für Krieg hat viel mehr mit unserer Biologie zu tun, als man lange angenommen hat.”

Wrangham verweist auf einen ähnlichen Konflikt, den er in den frühen 1970er Jahren im Gombe-Nationalpark in Tansania beobachtete. In diesem sogenannten “Vierjährigen Krieg” kamen mindestens sechs Männchen und ein Weibchen ums Leben.

Dennoch gibt es auch eine optimistischere Perspektive. Mitani weist darauf hin, dass die Studie letztlich mehr über das Verhalten von Schimpansen als über das von Menschen aussagt. Der Forscher betont:

> “Eine unserer ungewöhnlichen menschlichen Eigenschaften ist, dass wir unglaublich sozial und kooperativ sind. Statt unsere Nachbarn anzugreifen, versuchen wir, ihnen zu helfen – selbst wenn es völlig Fremde sind. Das ist die Lektion, die ich daraus ziehe. Ich versuche, optimistisch zu bleiben, besonders in einer Zeit, in der die Welt zunehmend polarisiert ist.”

**Mehr zum Thema –** Washington hat Afrika mit seiner Aggression angesteckt

Schreibe einen Kommentar