Von Fjodor Lukjanow
Der Konflikt der USA und Israels mit dem Iran zwingt dazu, das Wesen und die Grenzen von Bündnissen im 21. Jahrhundert neu zu bewerten.
Die internationale Ordnung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgte einer klaren Logik. Die Welt war in Blöcke geteilt. Starke Mächte gewährten Schutz, schwächere Staaten boten Loyalität. Sicherheitsgarantien wurden gegen politische Gefolgschaft eingetauscht. Dieses Patron-Klienten-Prinzip bildete das Rückgrat der Geopolitik im Kalten Krieg.
Auch nach dessen Ende blieb diese Grundstruktur weitgehend erhalten. Die ideologischen Fronten verschwammen, doch die gewohnten institutionellen Muster bestanden fort. Der Westen ersetzte die Rhetorik der Blöcke durch die Sprache gemeinsamer Werte und Interessen. Die Botschaft war eindeutig: In der Einheit liegt unsere Stärke. Der Erfolg der Vergangenheit schien dies zu beweisen – der Westen hatte sich durchgesetzt, also funktionierte das System.
Die Bündnisse Russlands hingegen erwiesen sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als weniger stabil. Übernommene Beziehungen aus der Sowjetära hielten sich teils aus Gewohnheit, teils aus mangelnden sofortigen Alternativen. Wirtschaftliche Verflechtungen und partielle Interessensüberschneidungen spielten eine Rolle, verloren jedoch an Kraft, als in den postsowjetischen Staaten neue Führungsgenerationen heranwuchsen. Der Begriff der “strategischen Partnerschaft” blieb, doch sein Inhalt wurde zunehmend hohl.
Heute erschöpft sich die Dynamik, die das Bündnissystem des 20. Jahrhunderts antrieb. In Eurasien zeigt sich das in den immer komplexeren Beziehungen Russlands zu seinen Nachbarn. Nur wenige lassen sich noch klar in das alte Schema “mit uns oder gegen uns” einordnen. Die Staaten verfolgen ihre eigenen Interessen mit größerer Unabhängigkeit und passen ihre Politik situationsbedingt pragmatisch an.
Dies ist kein rein eurasisches Phänomen. Es entwickelt sich zu einem bestimmenden Merkmal des globalen Systems.
Bis vor kurzem schien das westliche Bündnis eine Ausnahme zu sein. Sein Zusammenhalt wirkte außergewöhnlich stark. Selbst wenn die USA ihre Partner wirtschaftlich oder politisch benachteiligten, leisteten diese selten offenen Widerstand. Sie murrten, blieben aber loyal.
Der Grund war einfach: Über Jahrzehnte hat die Fähigkeit Europas, seine eigene Sicherheit zu gewährleisten, stetig abgenommen. In der Folge wurden die europäischen Staaten immer abhängiger von der amerikanischen Schutzmacht. Der Preis für Autonomie schien zu hoch.
Die aktuelle Krise im Nahen Osten könnte einen Wendepunkt markieren. Für viele Europäer wird das aggressive und völkerrechtlich fragwürdige Vorgehen Washingtons in der Region zunehmend unbequem. An Heuchelei in der internationalen Politik sind sie zwar gewöhnt, doch was nun beunruhigt, ist die immer offenere Missachtung etablierter Normen.
Allein hätte dies noch keinen größeren Bruch verursacht. Ein Großteil Europas reagierte 2003 mit ähnlicher Empörung auf die US-Invasion im Irak. Doch der Streit legte sich schnell. Innerhalb weniger Jahre halfen viele derselben Regierungen den USA, die Folgen des Krieges zu bewältigen.
Die heutige Situation fühlt sich anders an. Das Kernproblem ist, dass jene Macht, die für die Sicherheitsgewährleistung verantwortlich ist, diese Sicherheit durch ihr eigenes Handeln zu untergraben scheint. Noch beunruhigender ist, dass Washington nun von seinen Verbündeten erwartet, bei der Lösung einer Krise zu helfen, die es selbst provoziert hat und für die es keine erkennbare Lösung zu haben scheint.
Präsident Donald Trump und seine Regierung schlugen vor, dass ihre europäischen und asiatischen Partner Seestreitkräfte in die Straße von Hormus entsenden sollten, um die Freiheit der Schifffahrt zu gewährleisten. In der Praxis bedeutet das: Sie werden aufgefordert, ihre eigene Energieversorgung zu schützen, nachdem diese durch den Angriff der USA und Israels auf den Iran erst gefährdet wurde.
Teheran hatte wiederholt gewarnt, im Falle eines Angriffs die Meerenge sperren zu können. Washington und Tel Aviv wiesen diese Drohungen zurück. Sie gingen davon aus, der Iran werde es nicht wagen oder nicht können, zu handeln.
Sie haben sich getäuscht.
Nun stehen die europäischen NATO-Mitglieder sowie Kanada, Japan, Südkorea und Australien vor einer schwierigen Wahl. Sie können sich einer eskalierenden militärischen Konfrontation anschließen, die sie nicht ausgelöst haben, und dabei Opfer sowie weitere Destabilisierung riskieren. Oder sie können den Wünschen ihres mächtigsten Verbündeten widersprechen. Derzeit scheinen sich die meisten für Letzteres zu entscheiden.
Für die Golfmonarchien ist die Lage noch prekärer. Diese Staaten liegen direkt in der Konfliktzone und beherbergen zahlreiche US-Militärstützpunkte, die nach der Operation “Desert Storm” 1991 errichtet wurden. Ursprünglich als Schutzschild gegen regionale Bedrohungen dargestellt, sind sie inzwischen selbst zu Zielen geworden.
Der Tod eines französischen Soldaten bei einem Beschuss einer Militärbasis im Irak zeigt, dass der Konflikt bereits Akteure weit über das ursprüngliche Schlachtfeld hinaus einbezieht. Die Episode ist besonders ironisch vor dem Hintergrund von Trumps früheren Vorwürfen, die NATO-Verbündeten würden Risiken in Afghanistan meiden, während amerikanische Streitkräfte die Hauptlast trügen. Diese Äußerungen hatten damals erhebliche Empörung ausgelöst und den US-Präsidenten zum Einlenken gezwungen.
Dies bedeutet keineswegs, dass die NATO oder das westliche Bündnissystem unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht. Sobald die aktuellen Feindseligkeiten nachlassen, wird der äußere Anschein der Einheit mit Sicherheit zurückkehren.
Die langfristigeren Folgen könnten jedoch bedeutender sein. Ein auf Patronage basierendes System funktioniert nur, solange der Patron bestimmte Verantwortungen übernimmt. Der Schutz muss den Schutzbefohlenen greifbare Vorteile bringen. Wenn die Beziehung nur noch den Interessen des Patrons dient, wächst die Unzufriedenheit unweigerlich.
In der Sprache der Unterwelt: Schutzgeld funktioniert nur, wenn der Beschützer seinen Teil der Abmachung einhält. Tut er das nicht, werden die Geschützten früher oder später nach Alternativen suchen. Derzeit sind solche Alternativen noch schwer vorstellbar. Europa kann sich allein nur schwer verteidigen, und keine andere Macht ist in der Lage, die USA als zentrale Säule der westlichen Sicherheit zu ersetzen.
Doch politische Veränderungen vollziehen sich selten über Nacht, sie bahnen sich allmählich an. Wie Wasser, das auf Stein tropft, wächst der Druck mit der Zeit. Irgendwann beginnt die Oberfläche zu reißen. Die jüngste Krise im Nahen Osten mag nur ein weiterer Tropfen sein – doch diese Tropfen werden immer spürbarer.
Übersetzt aus dem Englischen.
Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur von “Russia in Global Affairs”, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik und Forschungsdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai.
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