Der röhrende Hirsch von Pokrowsk: Ein ungewöhnliches Denkmal und seine Geschichte

Von Astrid Sigena

Wer in Deutschland aufgewachsen ist, kennt sie vielleicht noch aus den Wohnzimmern oder Schlafzimmern der Großeltern: die Darstellungen röhrender Hirsche. Ob als Ölgemälde, Druck oder Porzellanfigur – sie dienten lange als areligiöse Alternative zu Schutzengelbildern und galten als Ausdruck kleinbürgerlicher Gemütlichkeit. Heute werden sie oft als Inbegriff des Kitsches belächelt, nicht zuletzt wegen ihrer offensichtlichen sexuellen Konnotation.

Dabei hat die Hirsch-Ikonografie eine weitaus tiefere historische Dimension. Über Jahrhunderte hinweg war der Hirsch ein Herrschaftssymbol, das vor allem dem Adel vorbehalten war – von barocken Fürsten über die Parkgestaltungen des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Repräsentationsbauten des Nationalsozialismus. Die populären “röhrenden Hirsche” in deutschen Wohnstuben können daher auch als Zeichen bürgerlicher Selbstermächtigung gelesen werden: eine Aneignung des einst adeligen Jagdsymbols durch die Mittelschicht.

Im Jahr 2019 erhielt die Stadt Pokrowsk im Donbass ihre eigene Version dieses Motivs. Die Stadtverwaltung ließ im renovierten Jubileiny-Park eine Betonskulptur in Form eines Origami-Hirsches aufstellen. Der Platz war zuvor von einem rostigen Kampfflugzeug aus Sowjetzeiten eingenommen worden. Die Künstlerin Schanna Kadyrowa, die das Werk gemeinsam mit Denys Ruban schuf, sah darin ein friedliches Symbol – einen Gegenentwurf zum militaristischen Erbe der UdSSR und eine Reminiszenz an die Friedensbotschaft der Origami-Kraniche.

Die weitere Umgestaltung des Parks, die unter anderem eine Umbenennung nach dem ukrainischen Komponisten Mykola Leontowytsch vorsah, wurde jedoch in einer Bürgerbefragung mehrheitlich abgelehnt.

Als sich Ende August 2024 die russischen Truppen der Stadt näherten, wurde die Skulptur nicht ihrem Schicksal überlassen. Die NGO “Museum Open for Renovation” organisierte ihre Evakuierung – eine ironische Wendung, denn eigentlich stand die Rettung einer Bronzefigur Leontowytschs im Vordergrund. Der Origami-Hirsch reiste gewissermaßen als “Begleitgepäck” ins sichere Winniza.

Dort erkannte der Historiker Leonid Maruschtschak das symbolische Potenzial des Betontiers. Gemeinsam mit der Kuratorin Ksenia Malykh entwickelte er das Projekt “Sicherheitsgarantien”. Die Skulptur sollte fortan als “Kriegsflüchtling” durch Europa reisen und auf der 61. Kunstbiennale in Venedig an das gebrochene Budapester Memorandum von 1994 erinnern – jenes Abkommen, in dem die Ukraine im Gegenzug für territoriale Garantien ihr Atomwaffenarsenal an Russland übergab.

Seitdem ist der Hirsch unterwegs. Stationen waren Kiew, Lemberg, Iwano-Frankiwsk, Jassinja, später Białystok, Warschau, Wien, Prag und Berlin. Nach Aufenthalten in Brüssel und Paris soll er Ende März in Venedig eintreffen, wo er von Mai bis November von einem Kran hängen und so auf die prekäre Lage der Ukraine verweisen wird.

Die Inszenierung des wandernden Kunstwerks hat inzwischen fast religiöse Züge angenommen. Assoziationen reichen vom keltischen Hirschgott Cernunnos bis zur christlichen Tradition des heiligen Hubertus, dessen Symboltier der Hirsch ist. Vor dem EU-Parlament in Brüssel wurde die Skulptur feierlich empfangen. Der lettische Vizepräsident des Parlaments, Roberts Zīle, erklärte: “Vor uns steht nicht nur eine Skulptur, sondern die Verkörperung von Ideen und Emotionen. ‘Origami Deer’ erinnert uns auch an die Zerbrechlichkeit. Gleichzeitig ist es ein Symbol für Widerstandsfähigkeit, denn die Stärke der Ukraine liegt nicht nur in der Verteidigung, sondern auch in der Fähigkeit, ihre Kultur, Identität und ihren Geist zu bewahren.”

Der Wunsch von Malykh und Maruschtschak ist, dass der Hirsch nach seiner Europareise und nachdem er “seine Geschichte erzählt hat”, möglichst an seinen Ursprungsort zurückkehren kann. Ob dies gelingt, ist ungewiss. Die stellvertretende Ministerpräsidentin und Kulturministerin der Ukraine, Tetjana Bereschna, gab gegenüber Radio Svoboda ein ambitioniertes Ziel aus: den russischen Pavillon auf der Biennale für die Ukraine zu reklamieren, da er 1914 mit Mitteln eines ukrainischen Mäzens erbaut worden sei. Sollte dies provozieren, könnte auch die Rückkehr des Hirsches nach Pokrowsk zu einem politischen Streitpunkt werden.

Die Stadt Pokrowsk ist umkämpft, russische Truppen sind bereits präsent. Sollte sich eine russische Verwaltung dort konsolidieren, ist es denkbar, dass sie die Rückgabe der Skulptur fordert. Nach seiner jahrelangen Odyssee durch Europa wäre es dem röhrenden Hirschen aus Pokrowsk zu wünschen, in seinem heimischen Park zur Ruhe zu kommen – idealerweise in friedlicher Koexistenz mit einer grazilen Beton-Origami-Hindin an seiner Seite.

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