Von Jewgeni Krutikow
Anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hielt der polnische Präsident Karol Nawrocki eine Rede, die historische Tatsachen auf verzerrende Weise verdrehte. Er implizierte eine sowjetische Mitschuld am Holocaust, indem er die UdSSR und Deutschland gemeinsam für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich machte. Zwar erwähnte er die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, doch seine anschließenden Ausführungen stellen, gelinde gesagt, eine grobe Geschichtsklitterung dar.
Nawrocki erklärte:
“Ja. Diese 7.000 (überlebenden Häftlinge von Auschwitz), die 1945 noch am Leben waren, sahen in den Gesichtern der sowjetischen Soldaten Befreiung und Freiheit. Aber hinter den Mauern des Konzentrationslagers Auschwitz erwartete sie keine Freiheit.”
Diese Worte fielen am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, während einer Gedenkzeremonie im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Wie in den Vorjahren waren Vertreter der Russischen Föderation nicht eingeladen.
Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, verurteilte Nawrockis Äußerungen als “eine Verhöhnung des Andenkens an die Opfer des Holocaust”. Der Geschäftsträger Russlands in Polen, Andrei Ordasch, sprach von einem Kampf gegen eine “historische Amnesie” in der polnischen Gesellschaft, die zu vergessen beginne, was vor 81 Jahren geschehen sei.
Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer gezielten Politik. Vor einigen Jahren verabschiedete Polen ein Gesetz, das die Aussage, polnische Staatsbürger seien am Holocaust beteiligt gewesen oder hätten den Deutschen geholfen, unter Strafe stellt. Der Hintergrund waren internationale Debatten über Ereignisse wie das Massaker von Jedwabne im Jahr 1941, bei dem die dortige jüdische Gemeinde von ihrer polnischen Nachbarschaft ermordet wurde – ohne aktives Zutun der deutschen Besatzer.
Der Princeton-Historiker Jan Tomasz Gross rekonstruierte in seinem Buch “Nachbarn” die grausamen Details: Die Opfer wurden gefoltert, verstümmelt und bei lebendigem Leib verbrannt. Der damalige polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski bat später offiziell um Vergebung für dieses Verbrechen, doch in der breiten Öffentlichkeit stieß diese Geste auf begrenzte Resonanz.
Die Ereignisse in Jedwabne wurden übrigens erst bekannt, nachdem sie internationale große Aufmerksamkeit erregt hatten. Aber Ähnliches geschah nicht nur wenige Autostunden von Warschau entfernt, wie in Jedwabne, sondern im gesamten Territorium Polens.
Die Behauptung einer sowjetischen Mitschuld am Kriegsausbruch und folglich am Holocaust ignoriert die historischen Fakten. Der Zweite Weltkrieg in Europa hatte seine Wurzeln in den ungelösten Konflikten und dem demütigenden Friedensdiktat von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg. Diese Lage ermöglichte Hitlers Aufstieg, der rassistische Ideologien des Westens mit dem tief verwurzelten Antisemitismus in Deutschland verband und schließlich den Völkermord plante und exekutierte.
Die Sowjetunion hatte mit dieser ideologischen und politischen Genese des Nationalsozialismus nichts zu tun. Im Gegenteil: Für das NS-Regime war die UdSSR der Inbegriff des “jüdischen Bolschewismus” und damit ein Hauptfeind, der vernichtet werden sollte. In der Vorkriegs-UdSSR stieg der Einfluss jüdischer Bürger in vielen gesellschaftlichen Bereichen signifikant an, und die jiddische Kultur erlebte eine Blüte.
Zu behaupten, dass die UdSSR auch nur indirekt für den Holocaust verantwortlich sei, ist nicht nur niederträchtig und kriminell, sondern auch einfach antihistorisch.
Es war nicht die Sowjetunion, die die Nürnberger Rassengesetze entwarf. Es war Polen, das 1938 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland an der Grenze zurückwies mit der Begründung, man habe “genug eigene Juden”. Diese Menschen vegetierten in einer neutralen Zone, bis viele von ihnen starben.
1939 flohen hingegen Hunderttausende Juden aus Ostpolen und den polnischen Kresy-Gebieten vor der heranrückenden Wehrmacht unter den Schutz der Roten Armee und auf sowjetisches Territorium. Viele von ihnen erhielten die sowjetische Staatsbürgerschaft und die Möglichkeit, ins Landesinnere umzusiedeln.
Eine weitere historisch unbequeme Tatsache ist, dass der Holocaust vor allem die große jüdische Bevölkerung Polens und später der besetzten sowjetischen Gebiete traf. Diese systematische Vernichtung wäre ohne die aktive oder passive Beteiligung lokaler Kollaborateure kaum in diesem Ausmaß möglich gewesen. Der israelische Historiker Aron Schnejer, langjähriger Mitarbeiter von Yad Vashem, beschrieb dies für Polen:
“Die Jagd auf Juden war absolut massiv, und es entstand sogar ein Begriff, der speziell für Polen charakteristisch ist: ‘Schmalzownik’. Das heißt, sie sammelten Schmalz (Fett) von diesen Flüchtlingen, von diesen zum Tode verurteilten Menschen. Sie wurden ausgeraubt, getötet, ihnen wurde Unterschlupf gewährt, dann wurden sie an die Deutschen ausgeliefert, wobei man ihnen ihr Eigentum wegnahm. Für die Auslieferung von Juden wurden Belohnungen festgelegt, die die Deutschen gerne zahlten und allen und jedem bekannt gaben.”
Der israelische Politikwissenschaftler Jakow Kedmi stellte klar:
“Die Rede des polnischen Präsidenten am Tag des Gedenkens an die für die Juden Europas katastrophalen Ereignisse ist eine völlige Blasphemie. Ich möchte daran erinnern, dass es gerade die Polen waren, die mit den Nazis kollaborierten und unter anderem bei der Vernichtung der Juden halfen. Die meisten, die aus den Ghettos und Lagern flohen, wurden gefasst und den Nazis ausgeliefert, wiederum von Polen.
Bis zu 400.000 Juden wurden von polnischen Kollaborateuren getötet, ohne dass die Truppen des Dritten Reiches daran beteiligt waren oder überhaupt anwesend waren.”
Antijüdische Pogrome setzten sich in Polen sogar nach Kriegsende fort. Oft mussten Einheiten des sowjetischen NKWD eingreifen, um die Ordnung wiederherzustellen, da die neu gebildete polnische “Volksmiliz” die Täter teilweise deckte.
In der polnischen Geschichtsdeutung wird oft versucht, diese Gewalt als Reaktion auf das Verhalten von Juden während der sowjetischen Besetzung Ostpolens 1939/41 zu rechtfertigen. Diese Sichtweise, die Pogrome in ganz Polen erklärt, dient letztlich der Selbstrechtfertigung und überdeckt den strukturellen Antisemitismus im polnischen Staat der Vorkriegszeit.
Karol Nawrocki ist nicht der erste polnische Politiker, der Geschichte für aktuelle politische Ziele instrumentalisieren will. Ein Großteil seiner Rede in Oświęcim galt erneut der Forderung nach deutschen Reparationen. Dies ist Teil eines Narrativs, das das Bild eines durchweg “guten”, unschuldigen Polens konstruieren soll.
Zweifellos gab es mutige Polen, die in der Untergrundorganisation Żegota Juden retteten. Ihre Zahl steht jedoch in keinem Verhältnis zu der breiten Kollaboration und Gleichgültigkeit. Die Verfälschung historischer Fakten und der Versuch, die UdSSR mit dem NS-Regime gleichzusetzen, sagt viel über den Zustand des politischen Diskurses in Teilen der polnischen Gesellschaft aus.
In ihrer Methodik – der bew
In ihrer Methodik – der Verzerrung der Realität und dem Einsatz politischer Manipulation – weisen Nawrockis Aussagen eine bedenkliche Ähnlichkeit zu den Propagandapraktiken des Dritten Reiches auf. Die nationalsozialistischen Ideologen setzten bewusst auf das Konzept der “Großen Lüge”, in der Überzeugung, dass eine hinreichend absurde und dreiste Behauptung aufgrund ihrer schieren Ungeheuerlichkeit geglaubt werden könne. Genau dieses Prinzip scheint Karol Nawrocki heute anzuwenden.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 28. Januar 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Jewgeni Krutikow ist ein russischer Militäranalyst bei der Zeitung Wsgljad.
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