Münchner Sicherheitskonferenz: Der Westen zerbricht – “Wir sind tief gespalten

Von Pierre Levy

Sie ist ein Relikt aus der Ära des Kalten Krieges. Für 48 Stunden versammelt die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) die politische, strategische und militärische Elite des Westens und darüber hinaus. Seit 1963 strömen jedes Jahr Staatsoberhäupter, Minister, Diplomaten, hochrangige Militärs, Geopolitikexperten und Journalisten in die bayerische Landeshauptstadt.

Die privat organisierte Veranstaltung ist für die Geopolitik in etwa das, was das Weltwirtschaftsforum in Davos für die globale Wirtschaft ist – wenn auch mit weniger medialer Strahlkraft. Zumindest war das früher so. Denn die Münchner Konferenz hat zwei Wendepunkte erlebt, die im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind.

Der erste datiert auf das Jahr 2007. Damals erhielt der russische Präsident die Gelegenheit, vor der versammelten westlichen Elite zu sprechen. Seine Worte versetzten das Publikum in ehrfürchtiges Staunen: Er prangerte die Osterweiterung der NATO an und erklärte unverblümt, sein Land könne den daraus erwachsenden Gefahren für Russland – und für die Welt – nicht gleichgültig gegenüberstehen. Kurzum: Er zielte direkt auf die Hegemoniebestrebungen seiner „westlichen Partner“.

In München hatte niemand mit einer solchen Rede gerechnet. Viele Analysten sehen in diesem Ereignis den eigentlichen Bruch zwischen Moskau und den westlichen Hauptstädten.

Das zweite Beben liegt erst ein Jahr zurück. Es wurde weder von Russland noch von China ausgelöst, sondern kam aus dem Herzen des Imperiums selbst – in Form einer schonungslosen Rede des amerikanischen Vizepräsidenten.

Im Februar 2025 griff James David Vance die Europäische Union scharf an. Die eigentliche Bedrohung für die EU gehe nicht von Moskau oder Peking aus, sondern von ihren eigenen Führern, die westliche Werte wie die absolute Meinungsfreiheit mit Füßen träten und den Willen ihrer Völker missachteten, sobald diese für „Populisten“ stimmten. Er warnte vor einem „zivilisatorischen Niedergang“.

Ein Jahr nach diesem als Erdbeben empfundenen Ereignis sollte die Konferenz vom 13. bis 15. Februar 2026 das volle Ausmaß der Kluft offenbaren, die sich zwischen den beiden Seiten des Atlantiks aufgetan hat. Zumal es 2025 weitere Nachbeben in Form von Attacken durch Donald Trump gegeben hatte.

So geriet der Empfang des ukrainischen Präsidenten im Weißen Haus zu einer öffentlichen Demütigung, sehr zum Missfallen der europäischen Staatschefs. Es folgten die Ankündigung massiver Zölle gegen die EU, die schließlich in ein im Juli „ausgehandeltes“ Diktat für Exporte vom alten Kontinent mündeten. Anschließend traf der amerikanische Präsident seinen russischen Amtskollegen in Alaska zu Gesprächen, die Europäer als Verrat an der Ukraine – und an sich selbst – werteten. Schließlich versetzte die Ankündigung, Washington beabsichtige die Annexion Grönlands (das unter dänischer Souveränität steht), Brüssel und die EU-Spitze endgültig in Alarmbereitschaft.

Angesichts dieser als feindselig und provokativ empfundenen Haltung der USA fühlen sich die europäischen Führer von ihrem großen Bruder, genauer gesagt von Uncle Sam, betrogen. Dessen Führungsrolle hatten seine Vasallen stets akzeptiert, wenn nicht sogar eingefordert – allerdings unter der Voraussetzung eines respektvollen und partnerschaftlichen Tons.

Die Reaktionen in den europäischen Hauptstädten fallen höchst unterschiedlich aus: von jenen, deren Unterordnung unter Washington unumkehrbar scheint, bis hin zu den Befürwortern einer deutlichen Distanzierung.

Zwei Reden wurden mit besonderer Spannung erwartet. Darunter die von Emmanuel Macron, dem prominentesten Vertreter der zweiten Kategorie. Der französische Präsident sah sich durch die neue Lage in seiner seit 2017 vertretenen Linie bestätigt. Er forderte seine Amtskollegen erneut auf, die „europäische Souveränität“ und „strategische Autonomie“ voranzutreiben.

Er hielt eine leidenschaftliche Rede, in der er dazu aufrief, „stolz“ auf Europa zu sein:

“Es ist schrecklich, nicht an uns selbst zu glauben.”

Und er kritisierte Washington mit den Worten:

“Alle sollten sich von uns inspirieren lassen, anstatt uns ständig zu kritisieren und zu versuchen, uns zu spalten.”

Der Herr im Élysée-Palast schärfte seinen Zuhörern ein:

“Auch wenn es nicht in unserer DNA liegt, […] müssen wir alle Elemente einer geopolitischen (europäischen) Macht in den Bereichen Verteidigung, Technologie und Risikominderung gegenüber allen Großmächten beschleunigen und umsetzen, um unabhängiger zu sein.”

Ganz anders der Tonfall des deutschen Bundeskanzlers. Friedrich Merz, der im Februar 2025 noch nicht an der Macht war, hatte sich damals kurz für ein unabhängiges Europa ausgesprochen. Ein Jahr später räumte er zwar ein, dass sich „eine Kluft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten aufgetan hat“, und betonte seine Ablehnung der Trump’schen Ideologie:

“Der Kulturkampf der MAGA-Bewegung in den USA ist nicht unserer. Die Freiheit des Wortes endet hier bei uns, wenn sich dieses Wort gegen Menschenwürde und Grundgesetz wendet.”

Er sprach sich gegen Grenzschließungen aus und pries den freien Handel. Letztlich distanzierte er sich jedoch von Paris:

“Es überzeugt mich nicht, wenn manchmal allzu reflexhaft danach gerufen wird, Europa solle die Vereinigten Staaten als Partner doch abschreiben. […] Das unterschätzt das Potenzial, das unsere Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten trotz aller Schwierigkeiten weiterhin hat.”

Für ihn „ist die absolute Priorität, Europa innerhalb der NATO zu stärken“ und die transatlantische Partnerschaft „neu zu gründen“ – unabhängig von Meinungsverschiedenheiten und „solange wir nicht in der Lage sind, unsere Sicherheit aus eigener Kraft zu gewährleisten.“

In diesem Zusammenhang bekräftigte er, Berlin wolle „Hunderte von Milliarden Euro“ in die deutsche Aufrüstung investieren, um die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee des Kontinents“ zu machen, insbesondere durch die Einhaltung des Ziels, 5 Prozent des BIP für Verteidigung auszugeben. Dies bedeute „Opfer, nicht eines Tages, sondern jetzt.“

Zur großen Freude Washingtons. Und der deutschen Rüstungskonzerne. Nicht jedoch von Emmanuel Macron, der sich unermüdlich für eine Europäisierung der Rüstungsproduktion einsetzt, während sein deutscher Amtskollege vor allem die Industrie seines Landes fördert.

Diese Disharmonie reiht sich ein in andere Reibungspunkte zwischen den beiden größten EU-Mächten (gemeinsames Kampfflugzeugprojekt, Gemeinschaftsanleihen, „Europäische Präferenz“, Mercosur…). Darüber hinaus gab der Kanzler bekannt, er habe „vertrauliche Gespräche mit dem französischen Präsidenten über die europäische nukleare Abschreckung aufgenommen“ – ein brisantes Thema, zu dem der Élysée in einigen Wochen Stellung beziehen will.

Ungeachtet dessen vertrat Merz die Ansicht, „im Zeitalter der Rivalität zwischen Großmächten [werden] selbst die Vereinigten Staaten nicht mächtig genug sein, um alleine vorzugehen.“ Und er bekräftigte, die NATO bleibe ein strategischer Trumpf für Europa und die USA. Sein Fazit:

“Lassen Sie uns also das transatlantische Vertrauen reparieren und gemeinsam wiederbeleben.”

Ehrlich gesagt, die Diskussionen über die „Stärkung der europäischen Säuleder NATO sind seit Jahrzehnten dieselben. Neu ist, dass Washington nun selbst darauf drängt, damit es sich besser auf Asien und insbesondere China konzentrieren kann.

Dies wurde vom Außenminister Marco Rubio bekräftigt, der in diesem Jahr die Trump-Regierung vertrat. Diplomatischer als der Vizepräsident im Vorjahr bemühte er sich um einen versöhnlichen Ton gegenüber Europa, dessen gemeinsame zivilisatorische Wurzeln mit den USA er lobte.

Doch dies ging nicht ohne eine gewisse Arroganz gegenüber dem Rest der Welt einher: “In Europa hat alles begonnen”, wagte Rubio zu sagen – wobei sich “alles” vielleicht nur auf den Kalten Krieg bezog. Dieser Eindruck wurde durch eine andere Passage seiner Rede verstärkt, in der er erklärte, er wolle “ein neues westliches Jahrhundert begründen”…

In der Substanz jedoch unterschied sich seine Rede kaum von der eines J.D. Vance und dessen Forderung nach einer ideologischen Angleichung an den Trumpismus. Mit all den Umwälzungen, die dies für die Weltordnung bedeutet, wie sie die europäischen Organisatoren der Konferenz fürchten.

Bezeichnenderweise hatten diese ihre Besorgnis zum Ausdruck gebracht, indem sie die 62. Ausgabe der MSC unter den Titel “Eine Ordnung auf dem Weg der Zerstörung” stellten und mit dem Bild eines Elefanten (Symbol der amerikanischen Republikanischen Partei) illustrierten, der sich wenig um die von ihm angerichteten Schäden schert.

Betrachtet man das Kräfteverhältnis innerhalb der amerikanischen Führung, so zeichnen sich Vance und Rubio – mögliche zukünftige Rivalen um die Präsidentschaftskandidatur – zwar durch einen unterschiedlichen Stil aus, verfolgen jedoch denselben “ideologischen und kulturellen” Ansatz. Der Bewohner des Oval Office und sein Clan hingegen bevorzugen einen eher “strategischen und geschäftsmäßigen” Kurs.

Das beste Beispiel für diese Denkweise lieferte einst der Schwiegersohn des Präsidenten. Als ein hochrangiger deutscher Diplomat 2017 die unerschütterliche Freundschaft zwischen beiden Ländern pries, soll Jared Kushner geantwortet haben:

“*Wir sind Geschäftsleute; in der Geschäftswelt ist man heute Freund und morgen schon nicht mehr.*”

Ein Satz, der auf den Punkt bringt, was die Eliten des alten Kontinents so sehr beunruhigt. Sie hatten ihre Vasallenrolle im Tausch gegen ihren Platz in einem Bündnis akzeptiert, das auf westliche Vorherrschaft abzielte.

Doch die Welt hat sich verändert. Die amerikanischen Führer haben ihre Prioritäten verschoben. Ihre europäischen Partner fühlen sich plötzlich wie Waisenkinder. Und diese – angeführt von Frankreich und Deutschland – scheinen uneiniger denn je über die künftige Rolle der EU zu sein.

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