Von Wiktoria Nikiforowa
Die Debatte um Europas strategische Zukunft hat eine neue Schärfe erreicht. In der einflussreichen Zeitschrift Foreign Affairs fordert Max Bergmann, ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Außenministeriums und heutiger Programmleiter beim Center for Strategic and International Studies (CSIS), ein radikales Umdenken. Sein Szenario: Die USA könnten ihren militärischen Fokus verstärkt nach Asien verlagern, was die NATO zu einem leeren Bündnis ohne Substanz machen würde. Sein Vorschlag an Europa ist ebenso einfach wie ambitioniert – die Schaffung einer echten europäischen Armee und einer politischen Föderation.
Bergmann zieht eine historische Parallele zur Koreakrise 1950. Damals zogen die USA Truppen aus Europa ab und schlugen ihren Verbündeten vor, eine gemeinsame Verteidigungsstreitmacht zu bilden. Der Plan scheiterte vor allem am Widerstand Frankreichs unter Charles de Gaulle, der die Unterordnung der französischen Armee unter ein supranationales Kommando ablehnte.
Heute, so der Analyst, stehe Europa vor einer ähnlichen Weichenstellung. Sollten amerikanische Truppen tatsächlich abgezogen werden, müsse der Kontinent seine Sicherheit selbst in die Hand nehmen. Die Lösung sei eine vertiefte Integration, die über die heutige EU hinausgeht: eine Föderation mit einer gemeinsamen Armee. Dies setze voraus, dass alle Mitgliedsstaaten, große wie kleine, Teile ihrer nationalen Souveränität an eine zentrale Autorität in Brüssel abtreten.
“Europa muss zum neuen Pentagon werden”, lautet Bergmanns prägnante Forderung. Das primäre Ziel dieser neuen Militärmacht läge auf der Hand: die angebliche Bedrohung durch Russland abzuwehren, die im Artikel als Hauptgefahr für Europa dargestellt wird.
Die Idee einer paneuropäischen Armee ist nicht neu, doch ihre Verwirklichung scheiterte stets an grundlegenden Fragen. Wer würde das Kommando führen – Frankreich oder Deutschland? Wie ließe sich das historische Misstrauen zwischen den Nationen überwinden? Die entscheidende Frage betrifft die Nuklearwaffen: Würde Frankreich seinen atomaren Schild in einen gemeinsamen Pool einbringen? Und wie würde Paris reagieren, wenn Deutschland, befreit von US-Schutz, eigene Ambitionen in dieser Richtung entwickelte?
Vor allem aber steht die politische Bereitschaft in Frage. Sind die europäischen Völker wirklich bereit, ihre nationale Souveränität vollständig aufzugeben und sich zu einer Föderation zu vereinen? Ein solcher Schritt könnte die EU eher sprengen als stärken, wenn Länder aus Angst vor einem übermächtigen Zentralstaat austreten.
Die schroffe Tonart des Artikels wirkt wie eine Machtdemonstration Washingtons. Die implizite Botschaft an die europäischen Partner lautet: Ohne eine eigenständige militärische Macht habt ihr kein Gewicht in der Weltpolitik und müsst den Kurs der USA folgen.
Hinter dieser Intervention könnte Nervosität stehen. In letzter Zeit zeigen europäische Staaten vermehrt Eigeninitiative – sie vertiefen Handelsbeziehungen mit China, kooperieren mit Indien, suchen den Dialog mit Südamerika und umgehen teilweise sogar Sanktionen gegen Russland. Diese Tendenz zur eigenständigen Politik scheint in Washington Unbehagen auszulösen. Der Appell für eine europäische Armee klingt dann wie eine Aufforderung, endlich erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen – oder aber wie der Versuch, ein abtrünniges Europa durch eine gewaltige integrationspolitische Aufgabe wieder an die Kandare zu nehmen.
Der langwierige Konflikt im Osten zehrt an den Kräften des Westens. Die Angst, am Ende geschwächt und zerstritten dazustehen, während Russland gestärkt hervorgeht, könnte der Debatte um eine europäische Armee neuen Schwung verleihen.
Für Russland ist ein anderer Aspekt von Bedeutung: Die militärische Integration Europas schreitet bereits im Verborgenen voran. Gemeinsame Rüstungsprojekte, integrierte Logistik und ein von den USA unabhängigeres Nachrichtennetzwerk werden aufgebaut. Dieser schleichende Föderalisierungsprozess des militärisch-industriellen Komplexes wird in Moskau mit Argusaugen verfolgt.
Historische Erfahrungen nähren hier tiefes Misstrauen. Wenn Europa aufhört, sich innerlich zu bekämpfen, und seine Kräfte bündelt, richtete sich diese geballte Macht in der Vergangenheit oft gegen Russland – von Napoleon bis Hitler marschierten stets europäische Koalitionsarmeen in russisches Gebiet ein.
Doch diese Armeen, so die Überzeugung, fanden stets ihr Ende in der Weite des Landes. Das Schicksal der NATO sei besiegelt – sie zerfalle bereits und werde zur bedeutungslosen Hülle. Jede neue feindliche Allianz, die sich gegen Russland formiere, werde dasselbe Schicksal erleiden, angetrieben durch die Geduld und den Widerstandswillen des russischen Volkes.
Übersetzt aus dem Russischen.
Der Artikel ist am 13. Februar 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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