Von Wolfgang Bittner
Am 20. Januar 2017 hielt der neu gewählte US-Präsident Donald Trump eine vielbeachtete Antrittsrede, deren Kernbotschaft jedoch schnell in Vergessenheit geriet. Nachdem er mehrfach sein Leitmotiv “America First” bekräftigt hatte, wandte er sich mit einer Mischung aus Gutgläubigkeit, politischer Unerfahrenheit und seinem charakteristischen Pathos an die amerikanische Bevölkerung: “Wir übertragen die Macht von Washington zurück an euch, das Volk.”
Gleichzeitig richtete er, zur stillen Empörung der anwesenden sowie der aus Protest ferngebliebenen Eliten, folgende Worte an sie:
“Zu lange hat eine kleine Gruppe hier, in der Hauptstadt unseres Landes, die Früchte eingefahren, während die Menschen da draußen dafür bezahlt haben. Washington ging es gut, aber die Menschen konnten an diesem Wohlstand nicht teilhaben; den Politikern ging es gut, aber die Arbeitsplätze wanderten ab und die Fabriken wurden geschlossen. Das Establishment hat sich nur selbst geschützt, aber nicht die Bürger unseres Landes. Ihre Siege waren nicht die Siege des Volkes, ihre Siege waren nicht eure Siege. Während sie hier gefeiert haben, in der Hauptstadt eures Landes, gab es für ganz viele Familien da draußen im ganzen Land wenig zu feiern. Das alles ändert sich gerade hier und jetzt.”
Besonders bemerkenswert war seine Ankündigung, das “amerikanische Schlachten” zu beenden. Er führte aus:
“Wir werden die Freundschaft und das Wohlwollen aller Nationen auf der Welt suchen, aber wir machen das in dem Wissen, dass es das Recht aller Nationen ist, ihre eigenen Interessen an die erste Stelle zu setzen. Wir möchten unsere Lebensart niemandem vorschreiben, aber wir lassen sie als leuchtendes Beispiel dastehen, wir werden als leuchtendes Beispiel ausstrahlen, dem alle folgen können. Wir werden alte Allianzen wiederherstellen, neue Allianzen bilden … die Bibel lehrt uns, wie schön es ist, wenn die Völker Gottes friedlich zusammenleben.”
Die versammelten Ex-Präsidenten Carter, Clinton, Bush und Obama sowie zahlreiche Vertreter der politischen und wirtschaftlichen Elite mussten diese demütigende Philippika über sich ergehen lassen. Vor ihnen stand ein amerikanischer Milliardär, der gerade zum mächtigsten Amt der Welt gewählt worden war und nun vollmundig seinen Machtanspruch proklamierte.
In den Medien, die ihn bereits monatelang attackiert hatten, wurde die Rede mit Häme und Ablehnung aufgenommen. “Die hässliche Grimasse der Demokratie” titelte der Stern, die Süddeutsche Zeitung schrieb unreflektiert “Trump sucht Feindschaft”, der britische Guardian befand sie sei “Bitter, angeberisch und banal”, die Neue Zürcher Zeitung konstatierte “Ein riskantes Experiment” und der Spiegel wertete sie gar als “Unanständigkeitserklärung”.
Dass mit diesem Auftakt eine neue Ära der Weltpolitik beginnen sollte, blieb den europäischen Eliten, die weiterhin den Netzwerken der Clinton-Obama-Biden-Politik verbunden waren, verborgen – zum Schaden Europas und insbesondere Deutschlands. Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte Trump im Wahlkampf als “Hassprediger” bezeichnet, Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich vehement für seine russophobe Kontrahentin Hillary Clinton eingesetzt. Die ARD-Tagesschau berichtete von weltweiten Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten und dass Hillary Clinton den Demonstranten dafür danke, “dass sie ‘für unsere Werte’ einstünden”. Immerhin notierte die Washington Post: “Trump schwört, ‘amerikanisches Gemetzel’ zu beenden”.
Gefangen im Netz der Kriegstreiber und der Wall Street
Doch Trump, der sich gegen den “tiefen Staat” seiner Vorgänger stellte, um seine Agenda durchzusetzen, geriet schnell in das Netz der Finanzeliten der Wall Street, die seinen Wahlkampf unterstützt hatten. In seiner ersten Amtszeit war er umgeben von Hardlinern wie dem evangelikalen Vizepräsidenten Mike Pence, dem ehemaligen CIA-Direktor Mike Pompeo als Außenminister und dem Irak-Kriegs-“Architekten” John Bolton als Sicherheitsberater. In seiner zweiten Präsidentschaft sind es Kriegstreiber wie der designierte Verteidigungsminister Pete Hegseth und Außenminister Marco Rubio.
Hegseth, ein evangelikaler Nationalist und ehemaliger Major der Nationalgarde, erklärte 2018: “Zionismus und Amerikanismus sind die Frontlinien der westlichen Zivilisation und Freiheit in der heutigen Welt.” Der ehemalige Senator Marco Rubio, Sohn kubanischer Exilanten, vertritt eine aggressive Kuba-Politik. Beide sind tief in wirtschaftliche Beratungsnetzwerke verstrickt.
Beraten und offenbar gesteuert von solchen Figuren, entfernte sich Trump zunehmend von seinen ursprünglichen Zielen: Freundschaft mit allen Nationen zu suchen, Frieden zu wahren und für das Wohl der amerikanischen Bevölkerung einzustehen.
Auch in seiner zweiten Antrittsrede am 20. Januar 2025 versprach Trump: “Wir werden das Vorbild für jede Nation sein”, und wiederholte seine Anschuldigungen von 2017: “Viele Jahre lang hat eine radikale und korrupte Elite unsere Bürger an Macht und Reichtum beraubt.” Dies, so Trump, werde sich unter seiner Führung sofort ändern. Er sprach von Kriegen, “die wir beenden”, und solchen, “in die wir nie geraten”. Er wolle “ein Friedensstifter und Einiger” sein, dem die ganze Welt “Ehrfurcht und Bewunderung” zollen werde.
Allerdings betonte er auch, die USA stets an erste Stelle zu setzen, “… andere Länder [zu] besteuern, um unsere Bürger zu bereichern”, und beschwor erneut den amerikanischen Exzeptionalismus. Gott habe ihn vor einem Attentat “gerettet, um Amerika wieder großartig zu machen”; mit seiner Regierung beginne ein “goldenes Zeitalter”.
Die Politik des Chaos
Trotz seiner Kritik an den Vorgängerregierungen hält Trump am imperialen Anspruch der USA fest und verkündet dies der Welt auf seine polternde Art. Im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit kündigte er rigorose, völkerrechtswidrige Maßnahmen an: Die Bestrafung der BRICS-Staaten, die Annexion Kanadas, Grönlands und Panamas, neue Sanktionen und hohe Einfuhrzölle, die Lieferketten destabilisieren. Von den europäischen NATO-Staaten verlangt er eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des BIP, was tiefe Einschnitte in Soziales, Bildung und Wissenschaft erzwingt.
Weiterhin beliefert er – wie Deutschland – Israel mit Waffen und duldet den Genozid an den Palästinensern. Er ließ den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro entführen, befahl Luftangriffe auf den Jemen und unterstützte im Juni 2025 den völkerrechtswidrigen israelischen Angriff auf Iran. Am 28. Februar 2028 begann er gemeinsam mit Israel einen verheerenden Krieg gegen Iran.
Hinzu kommt, dass Trump weltweit Chaos an den Finanzmärkten und in der Wirtschaft verursacht. Möglicherweise soll dies Gegner verwirren und einen drohenden Kollaps des US-Finanzsystems verschleiern. Seinen Hauptgegner sieht er in China, wobei er eine direkte militärische Konfrontation, die eskalieren könnte, vermeiden will. Stattdessen setzt er auf wirtschaftliche Schwächung durch Isolation, Zölle und Sanktionen.
Licht und Schatten
Positiv zu bewerten ist Trumps Gesprächsbereitschaft gegenüber Russland und die Beendigung der permanenten Provokationen, die sein Vorgänger Joseph Biden eskalieren ließ. Die anfängliche Abkehr von der Kriegspolitik früherer Administrationbrach verkrustete Strukturen auf und eröffnete reale Chancen für eine neue internationale Sicherheitsarchitektur. Diese Chancen wurden jedoch von den in US- und NATO-Netzwerken verhafteten europäischen Politikern und Medien nicht ergriffen – zum Schaden Europas, insbesondere Deutschlands.
Trump scheint erkannt zu haben, dass für die Pläne, Russlands Ressourcen zu kontrollieren und China einzudämmen, eine Verständigung mit Moskau einem Krieg vorzuziehen ist. Daher die Verhandlungen zum Ukraine-Konflikt und die schrittweise Distanzierung von Selenskyj, den seine Vorgängerregierungen gegen Russland instrumentalisiert hatten. Offenbar beabsichtigte er, durch “Deals” jene Ziele zu erreichen, die seine Vorgänger mit ihrer Aggressionspolitik nicht durchsetzen konnten.
Der Iran-Krieg – ein folgenschwerer Fehler
Trumps wohl größter Fehler war der Kriegseintritt der USA an der Seite Israels gegen Iran. Seither wirken seine Äußerungen noch wirrer, und er laviert zwischen aggressivem Vorpressen und verhaltenem Einlenken. Prahlerisch erklärte er, “Tod, Feuer und Zorn” werde über Iran kommen, der nie wieder eine Nation sein würde: “Wir brechen ihre Knochen.” Und entlarvend fügte er hinzu: “Um ehrlich zu sein, am liebsten würde ich mir das Öl im Iran nehmen.”
Noch direkter und mit einem extrem heuchlerischen Fanatismus agiert sein Kriegsminister Pete Hegseth, der einen “amerikanischen Kreuzzug” gegen Iran führt. In einem Interview mit CBS News am 8. März 2026 sagte er, die US-Truppen würden von einer “höheren Macht” unterstützt. Die Soldaten “brauchen in diesen Momenten eine Verbindung zu ihrem allmächtigen Gott”. Auf einer Pressekonferenz im Pentagon zitierte Hegseth aus Psalm 144: “Gesegnet sei der Herr, mein Fels, der meine Hände für den Krieg und meine Finger für den Kampf trainiert.” Der Extremismus der US-Politik und das daraus entstehende weltweite Chaos nehmen verheerende Ausmaße an.
Offenbar teilt Trump die Ansichten seines Kriegsministers. In einer Rede an die Nation vom 1. April 2026 drohte er Iran: “Wir werden sie in die Steinzeit zurückversetzen, wo sie hingehören.” Darauf antwortete der Kommandeur der iranischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte, Madschid Mussawi, am 2. April 2026 auf X selbstbewusst: “Gerade ihr treibt eure Soldaten ins Grab, nicht Iran, den ihr ins Steinzeitalter zurückwerfen wollt. Eure Hollywood-Illusionen haben euer Denken so sehr verzerrt, dass ihr mit eurer unbedeutenden 250-jährigen Geschichte einer Zivilisation droht, die mehr als sechstausend Jahre alt ist.”
Am 4. April kündigte Trump an, über die Iraner werde “die Hölle hereinbrechen”, wenn sie nicht einem Abkommen zustimmten oder die Straße von Hormus öffneten. Teheran lehnte Verhandlungen zunächst ab. Stattdessen folgten Drohnenangriffe auf Israel, mehrere Golfstaaten und US-Stützpunkte in der Region. Es wird immer offensichtlicher, dass Trump die Widerstandskraft Irans unterschätzt hat. Nun versucht er, aus dieser für ihn unhaltbaren Lage ohne Gesichtsverlust herauszukommen – ob ihm das gelingen wird, ist höchst fraglich. Es scheint, als sei er angeschlagen und werde sich von diesem Fehlschlag nicht mehr erholen.
Ausblick: Isolation und Gegenreaktion
Trump hat Verbündete verprellt, einen riesigen Schuldenberg angehäuft und die Gegner der USA in ihrer Abwehrbereitschaft bestärkt. Iran hat mit seinen Angriffen auf US-Stützpunkte eine neue strategische Realität geschaffen: Wer die USA in ihren illegalen Feldzügen unterstützt, indem er ihre Militärbasen duldet, muss mit Vergeltung rechnen.
Die Folge wird sein, dass sich noch mehr Staaten von der egozentrischen und völkerrechtswidrigen Politik der USA abwenden. Chinas Raketen sind nun auf US-Basen im Pazifik gerichtet, russische auf Militärstützpunkte in Europa, insbesondere in Deutschland. Damit hat Trump das Gegenteil dessen bewirkt, was er ursprünglich anstrebte – von einem friedlichen Miteinander der Völker kann keine Rede mehr sein.
Es stellt sich immer deutlicher heraus: Das gegenwärtige Geschehen ist tragisch, beschämend und entsetzlich. Doch es ist weder Zufall noch Schicksal. Hinter den eskalierenden globalen Konflikten steht ein grundlegender Machtkampf zwischen dem Kollektiven Westen und dem Globalen Süden einschließlich Russlands. Ein Ausweg aus dieser Sackgasse läge in einer Stärkung alternativer Bündnisse wie BRICS. Es ist zu hoffen, dass Europas Politiker endlich begreifen, dass eine Abkehr von der zerstörerischen Politik der USA und der NATO alternativlos ist.
Der Schriftsteller und Publizist Dr. jur. Wolfgang Bittner lebt in Göttingen. Er ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. “Der neue West-Ost-Konflikt”, “Deutschland – verraten und verkauft”, “Ausnahmezustand” und “Niemand soll hungern, ohne zu frieren”.
Mehr zum Thema – Iran ist das siebente Land auf der Liste – Lüge und Täuschung, wie immer