Energie-Kollaps droht: Iran-Konflikt stürzt ganze Nationen ins Chaos

Von Dmitri Skworzow

Zu Beginn der Krise herrschte noch der Glaube, die USA und Israel könnten einen schnellen Sieg erringen. Daher stiegen die Ölpreise zunächst langsamer als die Gasnotierungen. Der Grund: Händler und Großabnehmer verfügen über Erdölreserven für ein bis drei Monate. Ein kurzer Konflikt hätte die Verbraucher kaum spürbar getroffen. Bei Gas ist die Lage anders. Europas Speicher sind nach einem harten Winter geleert, die Versorgungssicherheit hängt zunehmend am regelmäßigen Eintreffen von LNG-Tankern.

Als Londoner Versicherer die Policen für Tanker aussetzten, kam der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus fast umgehend zum Erliegen. Gleichzeitig reagierte der Markt auf das immer offensichtlichere Scheitern des US-Blitzkriegs.

Bereits am 9. März überschritt der Preis für ein Barrel Brent-Öl erstmals seit Juli 2022 die Marke von 110 US-Dollar – ein Plus von 30 Prozent binnen einer Woche. Russisches Urals-Öl, das zuvor mit hohem Abschlag gehandelt wurde, verzeichnete den stärksten Anstieg, getrieben von der hohen Nachfrage aus China und Indien. Die Gaspreise stiegen regional unterschiedlich stark, teilweise um das 2,5-Fache. Russlands Präsident Wladimir Putin warnte, die durch die Ereignisse im Nahen Osten gestörte Balance zwischen Angebot und Nachfrage bei Kohlenwasserstoffen werde zu einer neuen, nachhaltigen Preisrealität führen.

Japan und Südkorea: Nur Russland und die USA können helfen

Für die beiden größten Technologie-Volkswirtschaften Asiens – Japan und Südkorea – waren die Blockade der Straße von Hormus und der Ausfall katarsicher Anlagen ein Desaster. Beide Länder sind energiepolitische Inseln, wo Flüssigerdgas (LNG) fast den gesamten Gasbedarf deckt.

Südkorea ist zu 30-35 Prozent von Lieferungen aus dem Persischen Golf abhängig. Durch die Blockade verlor Seoul schlagartig ein Drittel seiner Gasimporte. Die LNG-Vorräte reichen für 12 bis 14 Tage. Die Regierung hat einen Notsparmodus verhängt: Gaskraftwerke wurden gedrosselt, die Industrie auf Kohle und Heizöl umgestellt, um die Reserven bis April zu strecken. Die Preise am asiatischen JKM-Hub explodierten von 390 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter (27. Februar) auf 910 US-Dollar (6. März).

Für Südkorea bedeutet dies höhere Produktionskosten bei Halbleitern und Stahl. Großkonzerne wie Samsung und SK Hynix fürchten Engpässe bei Inertgasen und steigende Stromrechnungen, die im nächsten Quartal um bis zu 40 Prozent zulegen könnten.

In Japan ist die Lage etwas besser. Das Land hält traditionell die weltweit größten kommerziellen LNG-Lager vor. Die aktuellen Vorräte (ca. fünf Millionen Tonnen) reichen für 18 bis 21 Tage. Zudem verfügt Japan über 15 aktive Atomreaktoren. Die Wiederinbetriebnahme von Block 6 im Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa im Februar 2026 spart jährlich etwa eine Million Tonnen LNG – ein entscheidender Puffer. Dennoch wertete der Yen ab, da die Handelsbilanz durch die teuren Energieimporte tief ins Minus rutschte.

Beide Länder versuchen nun verzweifelt, Lieferungen aus Australien und den USA aufzukaufen und bieten Aufschläge auf europäische Preise. Australien, dessen Routen außerhalb der Konfliktzone liegen, bleibt mit 25-40 Prozent Anteil an den Lieferungen der wichtigste Garant. Das russische Projekt Sachalin-II ist für Japan zu einer kritischen Quelle geworden, die etwa neun Prozent der Importe deckt. Trotz früherer Sanktionen erhöhte Tokio im März 2026 seine Bezüge von Sachalin-II auf das technische Maximum.

Hält die Blockade der Straße von Hormus länger als 14 Tage an, drohen Japan und Südkorea Stromausfälle und die Stilllegung energieintensiver Industrien.

Langfristig bleibt ihnen nur der forcierte Ausbau der Kernenergie und die Hoffnung auf neue US-LNG-Terminals, deren Inbetriebnahme für Ende 2026 erwartet wird.

China: Strategische Wende hin zu “Kraft Sibiriens 2”

Unter den asiatisch-pazifischen Ländern zeigt China die größte Stabilität. Die eigene Förderung deckt über 50 Prozent (ca. 275 Mrd. Kubikmeter pro Jahr) des Inlandsbedarfs. Weitere rund 20 Prozent kommen per Pipeline. “Kraft Sibiriens 1” arbeitet mit überplanmäßiger Kapazität (ca. 40 Mrd. Kubikmeter) und versorgt die nördlichen und östlichen Provinzen mit dem günstigsten Gas der Region.

Der LNG-Anteil ist auf etwa 28-30 Prozent gesunken. China verfügt zudem über einen enormen Überschuss an LNG-Terminals (nur zu 50 Prozent ausgelastet) und kann jederzeit US-Tanker anstelle blockierter katarsicher Schiffe anlaufen lassen. Im März 2026 betrugen die strategischen Reserven in unterirdischen Speichern etwa 35 Mrd. Kubikmeter.

Am 5. März 2026 stufte die chinesische Regierung im neuen Fünfjahresplan (2026-2030) das Projekt “Kraft Sibiriens 2” offiziell in die prioritäre Vorbereitungsphase hoch. Zwischen Moskau und Peking wurde ein Paket verbindlicher Memoranden unterzeichnet. Zuvor hatte China Preisverhandlungen jahrelang verzögert. Doch der aktuelle LNG-Preis von 903 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter machte die russischen Angebote von 253-325 US-Dollar äußerst attraktiv. China erklärte sich bereit, einen Großteil der Baukosten für den mongolischen Abschnitt zu übernehmen, im Gegenzug für einen “Sonderrabatt” in den ersten fünf Betriebsjahren.

Das Projekt mit einer Kapazität von 50 Mrd. Kubikmetern pro Jahr wird es China ermöglichen, bis 2032/33 fast vollständig auf riskante Spot-LNG-Lieferungen zu verzichten. Die Vorarbeiten für die Trassenführung durch die Mongolei (“Sojus Wostok”) wurden bereits intensiviert.

Europa: Die Quittung für den Verzicht auf russisches Gas

Im März 2026 befand sich Europa in einer paradoxen Lage. Nach dem Stopp russischer Pipelinegas-Importe war die Region zur Geisel des globalen LNG-Marktes geworden. Die Blockade der Straße von Hormus und der Ausfall Katars lösten eine Kettenreaktion aus: Die Preise am TTF-Hub stiegen binnen einer Woche um 68 Prozent von 402 auf 674 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter. Für viele deutsche und italienische Unternehmen liegt die Rentabilitätsschwelle bei etwa 400 US-Dollar. Ein Preis über 600 US-Dollar macht die Herstellung energieintensiver Güter wie Aluminium oder Stickstoffdünger unrentabel.

2025 deckte Europa seinen Gasbedarf hauptsächlich aus drei Quellen: Norwegen (ca. 35 Prozent), den USA (ca. 20 Prozent als LNG) und Algerien (ca. 12 Prozent). Lieferungen aus dem Persischen Golf machten etwa 10 Prozent der europäischen LNG-Importe aus (Katar: 18 Mrd. Kubikmeter; Oman und VAE: 1-2 Mrd. Kubikmeter). Der Verlust dieser Menge ist an sich verkraftbar, doch der Wettbewerb mit Asien um US-Tanker und die börsliche Preisbildung trieben die Kosten in die Höhe.

Technisch wäre Europa noch in der Lage, Gas aus Russland über drei Routen zu beziehen: die unbeschädigte “Nord Stream 2” (27,5 Mrd. Kubikmeter), die durch Polen verlaufende “Jamal-Europa”-Leitung (33 Mrd. Kubikmeter) und das ukrainische Transit

Technisch wäre Europa noch in der Lage, Gas aus Russland über drei Routen zu beziehen: die unbeschädigte “Nord Stream 2” (27,5 Mrd. Kubikmeter), die durch Polen verlaufende “Jamal-Europa”-Leitung (33 Mrd. Kubikmeter) und das ukrainische Transitnetz (120-130 Mrd. Kubikmeter). Diese Kapazitäten könnten das durch die Katar-Krise verursachte Defizit binnen weniger Tage ausgleichen. In der aktuellen politischen Realität der EU ist dies jedoch undenkbar.

Der einzig realistische Weg für Brüssel im März 2026 sind direkte Verhandlungen mit Washington über vorrangige LNG-Lieferungen. Die USA sagten bereits zusätzliche 15 Mrd. Kubikmeter bis Jahresende zu, physisch verfügbar wird dieses Gas jedoch erst im Herbst nach der Inbetriebnahme des Terminals Golden Pass in Texas sein.

Nach dem Angriff auf einen russischen LNG-Tanker im Mittelmeer erwägt die russische Führung nun, die Gaslieferungen nach Europa vorzeitig einzustellen, anstatt auf eine vollständige EU-Embargodrohung zu warten. Für europäische Politiker zeichnet sich ein Albtraumszenario ab.

2025 lieferte Russland etwa 21-24 Mrd. Kubikmeter LNG in die EU. Fällt diese Menge zusammen mit den katarsichen Lieferungen weg, verliert Europa insgesamt 40-42 Mrd. Kubikmeter Importe. Das monatliche Defizit läge dann bei etwa 3,5 Mrd. Kubikmetern. Bei gleichbleibendem Verbrauch würden die in den EU-Speichern verbliebenen 32 Mrd. Kubikmeter zur Deckung von Importausfall und aktuellem Bedarf aufgebraucht.

Bis August/September 2026 – wenn die Speicher für den nächsten Winter gefüllt werden müssen – würden die Vorräte auf ein technisches Minimum (10-15 Prozent) sinken. Der Druck in den Leitungen reichte dann für einen normalen Systembetrieb nicht mehr aus. Die nächste Wintersaison würde zum Desaster. Welche Preisexplosionen unter Europas System der Börsenpreisbildung dann folgen würden, ist kaum abzusehen.

Die erste Reaktion auf Putins Äußerungen zeigte sich in Asien: Der Gaspreis am JKM-Hub fiel von seinem Höchststand am 3. März (903 US-Dollar) bis zum 9. März auf 565 US-Dollar. In Europa hingegen stieg er weiter, von 635 US-Dollar am 3. März auf 660 US-Dollar am 9. März.

Russland wird zum “lebenswichtigen System”

Zieht sich der Krieg hin, werden Angriffe auf Häfen systematisch und die Blockade der Straße von Hormus vollständig durchgesetzt, werden die Ölpreise weiter steigen. Dies geschieht nicht sofort – Händler und Verbraucher haben Vorräte für bis zu drei Monate –, doch der Ausfall von 20 Prozent der globalen Ölversorgung ist praktisch nicht zu kompensieren. Paradoxerweise liegen die wichtigsten Reserveförderkapazitäten in den Ländern des Persischen Golfs, die im Blockadefall nicht genutzt werden können.

Eine Sperrung der Straße von Hormus würde China von arabischem und iranischem Öl abschneiden (etwa 45-50 Prozent seiner gesamten Seeimporte). China bezieht weiterhin Öl aus Saudi-Arabien über den Hafen Yanbu am Roten Meer. Die Kapazität der dorthin führenden Pipeline ist jedoch begrenzt (maximal 7 Mio. Barrel/Tag), die des Terminals beträgt 3 Mio. Barrel/Tag. China begann, venezolanisches Öl, das für die USA bestimmt war, zu deutlich höheren Preisen aufzukaufen (der Anteil stieg auf 13 Prozent, was keine Dauerlösung ist). Der Anteil russischer Importe stieg von 20 auf 28 Prozent.

Wie es in einer US-Analyse treffend formuliert wurde: “Russland hat sich für China von einer ‘vorteilhaften Tankstelle’ zu einem ‘lebenswichtigen System’ entwickelt.” Von früheren Rabatten auf russisches Öl kann natürlich keine Rede mehr sein.

Indien, das zuvor unter US-Druck bei russischen Ölimporten gezögert hatte, ist nun bereit, so viel zu kaufen wie möglich. Washington, besorgt über eine Destabilisierung des Ölmarktes, hob das Verbot für russisches Öl für Indien bereits auf und ist bereit, strategische Reserven freizugeben.

Europa bezog 2025 etwa 6 Prozent seines importierten Öls aus dem Golf. Die Hauptlieferanten waren Norwegen (14,6 Prozent), die USA (14,5 Prozent) und Kasachstan (12,2 Prozent). Der Rest kam aus Afrika und Lateinamerika. Nun müssen die Europäer Ersatz für arabisches Öl (1,2-1,5 Mio. Barrel/Tag) finden. Sie müssen dort suchen, wo Fördersteigerungen möglich sind und der Transport zum Kunden sicher ist.

Die Logistiksicherheit ist für die Ölversorgung fast genauso wichtig geworden wie ausreichende Förderkapazitäten und der Preis. Die ersten Angriffe auf russische Tanker im Schwarzen Meer und Mittelmeer unterstreichen dieses Problem nur. Zunächst begrüßte der Westen diese Akte ukrainischer Saboteure als Mittel, Russlands Exporte zu stören. Nun steht er vor einem hundertfach größeren Sicherheitsdilemma.

Es geht nicht nur um gestiegene Fracht- und Versicherungskosten. Die Lieferzuverlässigkeit wird heute maßgeblich von geopolitischen Faktoren bestimmt, die oft schwerer wiegen als vermeintlich attraktive Preise.

Fazit

Der Trend ist klar: Bei der Wahl eines Öllieferanten gewinnt der geopolitische Faktor zunehmend an Gewicht gegenüber einem attraktiven Preis. Die USA sichern die Energieversorgung Europas und Japans, Russland die Chinas und Indiens. Venezuela handelt sein Öl nur noch unter US-Aufsicht. Dasselbe strebt Washington mit dem Iran an. Der Ausgang des aktuellen Golfkriegs wird entscheiden, ob die Golfstaaten vollständig von den USA abhängig werden oder die Amerikaner die Region verlassen müssen.

Die Weltwirtschaft zerfällt entlang der Energieflüsse. Ein Großteil der Ölversorgung wird zunehmend innerhalb großer geopolitischer Blöcke stattfinden, der “grenzüberschreitende Handel” zwischen diesen Blöcken wird schwinden.

Der nächste Schritt ist die Abkehr von der globalen Preisbildung. Dies begann, als Russland sein Öl mit Abschlag verkaufen musste. Nun hat sich das Blatt gewendet. Der folgende Schritt – nicht morgen, aber in absehbarer Zukunft – wird der Übergang zu Preisgestaltung in Rubel (oder einem Währungskorb verbündeter Staaten) sein.

Die Einführung eines “Ölrubels” würde Russland zudem die Möglichkeit geben, die für das heimische Wirtschaftswachstum nötige Geldemission schmerzlos durchzuführen. Gleichzeitig würde dies die Schaffung einer Rubel-Währungszone als Grundlage einer wirklich souveränen Wirtschaft näherbringen. Das ist keine Aufgabe für heute, aber es ist Zeit, die Vorbereitungen zu beginnen.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. März 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Dmitri Skworzow ist Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.

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