Epstein-Skandal vs. Gaza-Krieg: Wo bleibt die moralische Gleichheit?

Von Dagmar Henn

Drei Millionen Seiten über Jeffrey Epstein – sie werden die öffentliche Debatte zunächst dominieren. Doch die nun veröffentlichten Dokumente sind schwer bis gar nicht zu bewerten. Bei E-Mails etwa bräuchte man Metadaten, um ihre Authentizität zu prüfen. Auch bei vielen Zeugenaussagen aus den FBI-Ermittlungen – wie jenen, die die Vorwürfe gegen den britischen Ex-Prinzen Andrew Mountbatten stützen – bleibt die Frage nach ihrer Verlässlichkeit. In einem Milieu, in dem der Konsum verschiedenster Drogen zum Alltag gehörte, ist diese Frage besonders heikel.

Seit Epsteins erstem Auftreten und den Enthüllungen über seinen sexuellen Missbrauch ist jedoch viel geschehen. Nicht nur um ihn herum, sondern in der Welt. Und das hat, zumindest für mich persönlich, den Blick auf den gesamten Komplex verändert.

Das Kernproblem liegt darin – und hier schließe ich von mir auf andere –, dass man sich solche Dinge nicht als Realität vorstellen will. Als Fiktion, ja. Denken wir an „American Psycho“, den 1991 erschienenen Roman, in dem ein Börsenmakler als Serienmörder agiert, ohne dass je klar wird, ob diese Gräuel real sind oder nur in seinem Kopf stattfinden. Im Rückblick wirkt das Buch unheimlich, wenn man bedenkt, dass Epsteins Geschichte genau in diesem Umfeld und zu dieser Zeit begann.

Es gibt historische Vorläufer. Waren die Erzählungen des Marquis de Sade Fantasien oder schilderten sie den realen Umgang seiner Klasse mit den Untergebenen? De Sade steht buchstäblich an einer Schwelle: Was war bei ihm Imagination, was Wirklichkeit? Noch weiter zurück finden wir Gilles de Rais, als „Blaubart“ in die Sagen eingegangen, einst Marschall an der Seite Jeanne d’Arcs, dem unzählige Morde an Knaben nachgesagt werden. Der Philosoph Georges Bataille schrieb über ihn, nicht der Umgang mit Bauernkindern habe ihn vor Gericht gebracht, sondern seine Weigerung, Schulden zu begleichen. Auch dies ein Umbruch, wenn auch nur in den Prioritäten: Das Finanzgebaren wurde zur eigentlichen Sünde.

Doch diese Geschichten lagen in ferner Vergangenheit. Selbst die Prozesse und Skandale um den belgischen Fall Marc Dutroux in den 1990er Jahren, die sich ausgerechnet in Brüssel – dem heutigen Herz der EU – abspielten, erzeugten zwar den Verdacht politischer Verstrickungen, überzeugten mich damals jedoch noch nicht davon, dass pädophile Netzwerke Realität sein könnten.

Es wird zunehmend schwerer, an dieser Skepsis festzuhalten. Und das liegt nicht primär an den Dokumenten, die heute dank KI schneller erschlossen werden können. Es liegt an der Welt, die uns umgibt. „American Psycho“ entstand zu einer Zeit, als sich der erfolgreiche Finanzakteur als neues Lebensideal etablierte – eine komplette Umkehrung der 1970er Jahre, in denen diese Berufsgruppe noch mit Verachtung gestraft wurde. Es war die Geburtsstunde des Neoliberalismus: Anzüge wurden hip, Sushi angesagt und Reichtum erstrebenswert. Und dies mit einer Hemmungslosigkeit, wie sie frühere, ähnliche Phasen nicht kannten. Über den Eisenbahnbaronen des 19. Jahrhunderts schwebte noch das Menetekel der Sünde – die Wall-Street-Broker der 1990er waren Agnostiker.

Die ungeheuren Vermögen, die heute eine so große Rolle spielen, diese übergroßen Egos von Soros über Gates bis Musk, sind ein Produkt jener Ära und all der rechtlichen Veränderungen, die durchgesetzt wurden. Der Spitzensteuersatz in den USA lag bis zur Präsidentschaft Nixons bei den 92 Prozent, die Roosevelt einst eingeführt hatte. Seit 1980 wurde er im gesamten Westen stetig gesenkt, während sich die Steuereinnahmen von der Einkommens- zur Verbrauchsbesteuerung verschoben. Deutschland bildet hier keine Ausnahme, sondern folgt nur dem Trend. Das Ergebnis sind die Milliardäre, die heute die Klatschspalten beherrschen – eine moderne Aristokratie.

Der Abstand innerhalb der Gesellschaft ist so groß geworden, dass eine Gruppe entstanden ist, die über dem Gesetz zu stehen scheint. Personen, die im Verhältnis zum normalen Bürger, ja selbst zum wohlhabenden Durchschnitt, dermaßen reich sind, dass es nahezu unmöglich ist, ihnen etwas anzuhaben – gleich, wie sie sich verhalten oder welche Verbrechen sie begehen. Durch dieses extreme Machtgefälle entsteht ein soziales Vakuum um sie herum, das sie durch Kontakte zu „Gleichen“ zu füllen versuchen. Doch das verstärkt den Irrsinn nur, denn die abnormale Situation erscheint plötzlich normal.

Das allein führt zunächst nur zu dem Schluss, dass exzentrisches, wahnsinniges Verhalten zunimmt. Und dass die westliche Gesellschaft durch die ideologischen Verschiebungen der letzten Jahrzehnte darauf konditioniert wurde, dies hinzunehmen – auch wenn es allen Werten widerspricht, die die bürgerliche Epoche einst etablierte.

Und dann kam Gaza. Zuvor gab es bereits Momente überschießender Gewalt, wie den Jubel vor dem brennenden Gewerkschaftshaus in Odessa. Dort war sichtbar, wie die nazistische Ideologie Bandera ein Ergebnis hervorbringt, das stark an das Original erinnert. Doch Gaza war die Bestätigung. Kürzlich sah man eine Szene, in der Soldaten, die Palästinenser in Haft vergewaltigt hatten, vor Gericht bejubelt wurden. Solche Momente zeigen das Gesicht des Bösen – ohne Maske, ohne Grenzen.

Vor einigen Tagen veröffentlichte der ehemalige israelische Verteidigungsminister Moshe Ya’alon einen Beitrag auf X. Darin berichtet er vom Terror jüdischer Siedler im Westjordanland und schreibt: „Die in der israelischen Regierung vorherrschende Ideologie der ‚jüdischen Vorherrschaft‘ erinnert an die nationalsozialistische Rassentheorie.“ Ya’alon zitiert den Philosophen Jeschajahu Leibowitz, der ihn schon zu seiner Amtszeit als Minister gewarnt habe, die Rolle als Besatzungsmacht werde „Judäo-Nazis“ hervorbringen – damals habe er widersprochen. „Stand heute hatte Prof. Jeschajahu Leibowitz Recht und ich lag falsch“, lautet sein Fazit.

So schrecklich die Entwicklung in der Ukraine auch war – das Ausmaß an Unmenschlichkeit, das sich in Gaza zeigt, scheint schlimmer. Vielleicht, weil noch mehr davon in Bildern festgehalten wird, weil die Täter noch offener agieren. Doch es ist wohl vor allem die unverhohlene Verachtung gegenüber Kindern, die in Stücke gebombt werden oder in Zelten erfrieren, nachdem ihre Häuser zerstört wurden.

Hier zeigen sich zwei Varianten derselben Haltung, derselben Situation. Im einen Fall ein Produkt von Macht und Reichtum, im anderen ein Produkt von Ideologie – allerdings ebenfalls gekoppelt mit einem realen Machtgefälle. In beiden Fällen entsteht sowohl die Vorstellung, über den Opfern zu stehen und mehr wert zu sein, als auch eine reale Straflosigkeit. Es ist diese Kombination aus einem Gefühl der Überlegenheit – egal, worauf es gründet – und der Gewissheit der Straflosigkeit, die diese zügellose Brutalität hervorbringt.

Wenn Gaza möglich ist, wenn es all diese Handlungen und Aussagen gibt, dutzendfach, wenn man nicht leugnen kann, dass dies alles wirklich geschieht und straflos bleibt – wie verhält es sich dann mit den Geschichten um Epstein? Hätte man sich vor zehn Jahren die Schrecken von Gaza vorstellen können? Vor fünfzehn Jahren Odessa? Was ist mit den Biolaboren, dem Organhandel? Wenn zwischen all dem noch die bizarre Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris 2024 steht – kann man da die obskursten ritualistischen Hintergründe noch ausschließen?

Einzugestehen, dass Menschen zu solchen Taten fähig sind – nicht nur in der mittelalterlichen Burg einesGilles de Rais, sondern heute, ist erschreckend und schmerzhaft. Das Grauen war nie sehr weit entfernt; nach My Lai zog es sich nur etwas zurück oder existierte auf diskretere Weise weiter. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dies mit der Umbruchzeit zusammenhängt, in der wir leben. Ebenso wie damit, dass keine Gesellschaft auf Dauer ein solches Maß an Ungleichheit ertragen kann.

Doch auch hier wurde etwas verschüttet, was viel damit zu tun hat, warum die politischen Begriffe heute so verworren sind. Im Westen ist es tatsächlich gelungen, die Gleichheit als erstrebenswerten Zustand weitgehend auszulöschen. Einerseits durch Begriffe wie “Sozialneid”, als wäre die Abneigung gegen extreme Ungleichheit eine Charakterschwäche. Andererseits durch die stetige Propaganda, der Sozialismus sei gescheitert. Nicht, weil jeder, der Gleichheit anstrebt, Sozialist sein müsste, sondern weil diese Erzählung dazu dient, den Wunsch nach Gleichheit ins Lächerliche zu ziehen, zur “Gleichmacherei” zu erklären. Ihr wird ein individualistisches Ideal der Ungleichheit entgegengestellt, das inzwischen so weit geht, dass ihm zwei Geschlechter nicht mehr genügen.

Historisch betrachtet ist es fast absurd, dass sich heute ausgerechnet bei manchen Konservativen mehr Wertschätzung für Kollektivität und Gleichheit findet als bei vielen, die sich “links” nennen. Warum? Weil eine Moral, selbst eine religiös begründete, ohne den Gedanken der Gleichheit nicht auskommt. Ebenso ist die Gleichheit vor dem Gesetz kein Firlefanz, sondern – trotz aller Absurditäten, die sie erzeugen kann (“Dem Reichen wie dem Armen ist es gleichermaßen verboten, Brot zu stehlen”) – eine Grundvoraussetzung dafür, dass aus einer Regel überhaupt ein Gesetz werden kann.

Der Raum, den die Gleichheit umfasst, kann eng oder weit gezogen sein. Eine Gleichheit im Glauben ist enger als eine, die auf der gemeinsamen Menschlichkeit beruht. Doch beide berühren sich im alten “Bedenke, dass du sterblich bist”. In dem Augenblick jedoch, in dem die Vorstellung der Gleichheit völlig verschwindet und durch ein Gefühl der Überlegenheit ersetzt wird, enden Moral und Gesetz. Das gilt für den IS wie für die israelische Armee, für die Ukro-Nazis wie für Epstein. Wenn es um die Frage geht, ob Grenzen für das eigene Handeln existieren, macht es keinen Unterschied, ob diese Überlegenheit durch das Bankkonto, die Abstammung oder reine Fantasie konstruiert wird.

Objektiv betrachtet gibt es längst eine Aristokratie, samt zugehöriger Büttel, die unantastbar geworden ist. Was war mit Cum-Ex? Warum ist eine Ursula von der Leyen immer noch im Amt, warum ein Jens Spahn? Diese Entwicklung verbindet sich auf unheilvolle Weise mit dem neuen Majestätsbeleidigungsparagrafen und all den Regeln des Gehorsams, denen die Bürger unterworfen werden sollen. Die Corona-Pandemie war ein regelrechter Karneval der Ungleichheit.

Und langsam wird klar: So kann es nicht weitergehen. Nicht nur, weil Menschen in gleicheren Gesellschaften glücklicher sind. Sondern weil die Existenz einer Gruppe, die über dem Recht steht, auf Dauer das Recht selbst erodiert.

Vielleicht sind viele Dinge, an die wir uns gewöhnt haben, nicht so harmlos, wie gedacht. Die Kinderlosigkeit beispielsweise. Sie erleichtert es, die eigene Sterblichkeit länger zu verdrängen, macht sie aber zugleich schwerer zu bewältigen. Der Tod darf nicht präsent sein, denn auch er ist eine Quelle der Gleichheit. Eine Gesellschaft, der die gemeinsame Erfahrung und damit die Grundlage der Moral verloren geht, findet kein Glück.

An der Stelle eines Epstein zu stehen – das ist keine Freiheit, sondern eine Sucht. Eine Sucht nach dem Rausch der Macht, ein Zwang, sich die Fantasie der eigenen Überlegenheit immer wieder zu bestätigen. Und darunter lauert die Angst, doch nur ein Mensch zu sein wie alle anderen. Insofern ist “American Psycho” vielleicht klüger, als es damals zu erkennen war: Irgendwo hinter der monströsen Macht sitzt immer noch der Wurm der Zweifel. Denn das Ich kann ohne ein wahres Gegenüber nicht existieren – und weder das Opfer noch der Komplize im Verbrechen können dieses Gegenüber sein.

Wäre der Anspruch der Gleichheit nicht derart konsequent aus den westlichen Gesellschaften verdrängt worden, wären weder die Zeltreihen Obdachloser noch die Abgründe eines Epstein möglich. Die schweigende Hinnahme des Elends und die Duldung des extremen Machtmissbrauchs, diese Passivität, die diese Flut der Unmenschlichkeit ermöglicht hat, sie entspringen derselben Quelle. Und ja, es liegt an den Zuschauern, die Gleichheit wieder einzufordern. Einen anderen Weg, die Barbarei zu beenden, gibt es nicht.

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