Von Walerija Werbinina
In Frankreich wird eine der zentralen humanistischen Errungenschaften der europäischen Justiz in Frage gestellt: der besondere Schutz minderjähriger Straftäter. Innenminister Laurent Nuñéz und Justizminister Gérald Darmanin fordern eine deutlich härtere Gangart gegenüber Jugendlichen, die schwere Gewaltverbrechen begehen. Damit stellen sie ein Prinzip auf den Prüfstand, das bislang vorsah, dass Minderjährige selbst bei Kapitalverbrechen wie Mord milder behandelt werden als Erwachsene.
“Wenn man sieht, wie viele Minderjährige in schwere Straftaten verwickelt sind … die sich mit illegalem Drogenhandel beschäftigen, die an Schlägereien zwischen Banden unter Einsatz von Stichwaffen beteiligt sind … müssen wir uns wenigstens die Frage stellen, [wie damit umzugehen ist]”, erklärte Nuñéz.
Darmanin schloss sich dieser Position an und verwies auf die aktuelle Rechtslage, nach der die Höchststrafe für einen Jugendlichen nur die Hälfte der für einen Erwachsenen vorgesehenen Strafe beträgt oder sogar noch darunter liegt. “Man sollte gegenüber Minderjährigen, die schreckliche Taten wie Morde begehen, deutlich härter vorgehen”, forderte der Minister. Er betonte zudem, dass “die Verbrechen, die von minderjährigen Straftätern begangen werden, immer brutaler werden”.
Auslöser der Debatte ist ein aktueller Prozess in Marseille gegen einen 14-Jährigen, der als Auftragskiller den 36-jährigen Familienvater Nessim Ramdan kaltblütig erschoss. Der Fall, der bereits im Oktober 2024 geschah, offenbart eine erschreckende Methode: Drogenbanden rekrutieren gezielt Minderjährige über soziale Medien für Mordaufträge. Bei seiner Festnahme behauptete der Jugendliche, der Schuss sei ein Unfall gewesen. Die Ermittler konnten jedoch nachweisen, dass es sich um einen geplanten Mord handelte – das eigentliche Opfer war der Fahrer nur zufällig.
Dieser Fall ist kein Einzelfall. Französische Medien berichten regelmäßig über eine Welle brutaler Gewalttaten durch Jugendliche. Ein 16-Jähriger wurde nach einem Schulstreit erstochen, ein anderer getötet, weil er sein Handy nicht herausgeben wollte. In Cannes verletzte eine Schülerin ihren Ex-Freund mit einem Messer, in Sanary-sur-Mer stach ein 14-jähriger Schüler viermal auf seine Lehrerin ein. Selbst verschärfte Kontrollen wie Rucksackdurchsuchungen an Schulen können die Gewalt nicht eindämmen.
Das Phänomen ist kein rein französisches Problem. In Schweden war 2024 ein Viertel aller Tatverdächtigen unter 18 Jahren. In Deutschland lag der Anteil der unter 21-Jährigen an Festgenommenen bei 18,1 Prozent. In Großbritannien warnen Kriminologen wie James Alexander von der London Metropolitan University vor einer neuen Dynamik: Immer mehr junge Menschen tragen aus Angst Messer bei sich und setzen sie bei Konflikten ein – “oft mit fatalen Folgen”.
Auch in den Niederlanden schlägt die Polizei Alarm. “Wir sind besorgt darüber, dass sich die Zahl der Opfer und Verdächtigen in der Altersgruppe von 12 bis 17 Jahren im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat”, sagte der Amsterdamer Polizeikommissar Peter Holla. Als Gründe nannte er finanzielle Not, Kontakte zur organisierten Kriminalität und den Einfluss sozialer Netzwerke. “Sie haben keine Ahnung, was sie für ein paar hundert Euro auf sich nehmen”, fügte er über die online angeworbenen Jugendlichen hinzu.
Ein Beispiel für diese grenzüberschreitende Kriminalität ist der Fall eines belgischen Jugendlichen, der von einer niederländischen Bande angeheuert wurde, um in Spanien einen 25-Jährigen zu ermorden. Nach der Tat floh der Minderjährige, wurde aber in Gent festgenommen und an Spanien ausgeliefert.
Solche “Killer-Kinder”, wie sie in westlichen Medien zunehmend genannt werden, stellen die Justiz vor enorme Herausforderungen. Die vorhandenen gesetzlichen Mittel scheinen keine abschreckende Wirkung mehr zu haben. Die Forderung, jugendliche Gewalttäter wie Erwachsene zur Verantwortung zu ziehen, gewinnt daher an öffentlicher Unterstützung. Die rechtliche Umsetzung ist jedoch kompliziert. In Frankreich ist der Grundsatz des milderen Jugendstrafrechts sogar in der Verfassung verankert. Eine Änderung erfordert eine Dreifünftelmehrheit in beiden Parlamentskammern – eine derzeit unrealistische Hürde angesichts der zersplitterten Nationalversammlung, wie selbst Minister Darmanin einräumte.
Dennoch könnte das Thema politisch an Bedeutung gewinnen. Mit den anstehenden Präsidentschaftswahlen im Blick sagte Darmanin: “Ich gehe davon aus, dass dies eine Frage des nächsten Jahres sein wird, also der Präsidentschaftsdebatten.” Eine entschlossene Haltung in dieser emotional aufgeladenen Debatte verspricht Wählerstimmen.
Die Humanisierung des Jugendstrafrechts galt einst als zivilisatorischer Fortschritt – ein Gegenentwurf zu Zeiten, in denen auch Jugendliche wie im England des 19. Jahrhunderts für schwere Verbrechen hingerichtet wurden. Heute jedoch scheint das System an seine Grenzen zu stoßen. Viele minderjährige Täter handeln in der Gewissheit, kaum Konsequenzen fürchten zu müssen. Die westlichen Behörden stehen vor der Aufgabe, auf diese Entwicklung zu reagieren, ohne grundlegende Rechtsprinzipien aufzugeben. Es geht nicht darum, zu drakonischen Strafen zurückzukehren, sondern darum, eine angemessene Balance zwischen dem Schutz der Gesellschaft und dem Erziehungsgedanken des Jugendrechts zu finden. Denn jede Gesellschaft hat das Recht, sich vor Gewalt zu schützen – unabhängig vom Alter der Täter.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 15. Februar zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Walerija Werbinina ist Analystin bei der Zeitung “Wsgljad”.
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