Marco Rubio: Der “Trumpismus mit menschlichem Antlitz” erobert Europa

Von Wladimir Kornilow

Die Rede des US-Außenministers Marco Rubio in München hat die westlichen Leitmedien in eine Zwickmühle gebracht. In den aktuellen Zeitungsartikeln und Diskussionen auf westlichen Fernsehkanälen ist dieselbe verhaltene Frage zu spüren: “Was sollte das bedeuten?”

Viele schienen erleichtert aufzuatmen: Im Vergleich zur Rede von J. D. Vance im Vorjahr wirkte Rubio vor demselben Publikum wie der “gute Polizist”. Das Publikum applaudierte im Takt, und europäische Kommentatoren wiederholten entzückt: “Oh, er nannte Amerika Europas Kind!” Gleichzeitig versuchen dieselben Beobachter jedoch zu ergründen, ob die Ansprache des Ministers über das gewohnte Trump-Vance-Schema des Europabashings hinausreicht oder nicht. So wie Alexander Dubček in der Tschechoslowakei einst einen “Sozialismus mit menschlichem Antlitz” anstrebte, so schien Rubio auf der Münchner Bühne, in einem ihm kritisch gegenüberstehenden Umfeld, einen “Trumpismus mit menschlichem Antlitz” zu präsentieren.

Bei näherer Betrachtung einiger Thesen seiner Rede offenbart sich eine bemerkenswerte Absurdität. Rubio lobt die europäischen Kolonialherren, die seiner Darstellung nach Christentum, Freiheit, Demokratie und sogar gutes Bier in die Neue Welt brachten. Zugleich verurteilt er empört die “gottlosen antikolonialen Rebellionen”. Aus der Perspektive eines Nachfahren kubanischer Auswanderer mag das eine gewisse Logik haben. Doch eine Frage drängt sich auf: Was feiern die USA in diesem Jahr mit großem Pomp? Richtig – den 250. Jahrestag eines antikolonialen Aufstands, der das verhasste europäische Joch abschüttelte. Vor diesem Hintergrund erscheint Rubios Loblied auf den Kolonialismus in einem geradezu grotesken Licht.

Dies hob auch der linke US-Politologe Ben Norton hervor, als er Rubios Auftritt als eine der “offensten pro-kolonialen Reden des 21. Jahrhunderts” bezeichnete. Im Kern, so Norton, habe der Außenminister die Aufgabe für seine europäischen Verbündeten präzise umrissen:

“Das US-Imperium will, dass Europa ihm hilft, die Länder des Globalen Südens erneut zu kolonisieren.”

Letztlich lief Rubios Appell auf die Parole hinaus:

“Imperialisten aller Länder, vereinigt euch!”

Doch ein Problem bleibt, das selbst diejenigen beunruhigt, die seiner Rede Beifall klatschten: Auf dem Weg zu einer erneuten Kolonisierung des Globalen Südens müssten die USA zunächst ihre eigenen, unbequemen Nachbarn – Kanada und Grönland – “erledigen”. Rubio erwähnte diese Gebiete mit keinem Wort, wohl in dem Glauben, dass innere Angelegenheiten amerikanischer Territorien nicht in die Zuständigkeit des Außenministers fallen. Ausgerechnet am selben Tag wurde jedoch das Thema Grönland auf der Münchner Konferenz separat diskutiert – und dort stießen die Ideen einer US-amerikanischen imperialen Expansion auf große Besorgnis und keinen Applaus.

Am Ende waren sich die europäischen Beobachter einig: Rubio mag die nach Vances Rede vom Vorjahr entstandenen Risse übertüncht haben, die Kernbotschaft des Trump-Lagers hat er jedoch nicht verändert. Diese Botschaft lautet nach wie vor, dass Europa amerikanische Interessen bedienen muss, ohne von der vorgegebenen Linie abzuweichen. Man möge sich mit Gesprächen über die gemeinsame Geschichte begnügen und sich darüber freuen, vom “Enfant terrible” Europas herumkommandiert zu werden.

Zweifellos bereitet Rubio seinen eigenen Feldzug für die Präsidentschaft vor. Genau deshalb baute er seine Rede als Kontrast zu Vance auf – seinem Hauptkonkurrenten um die künftige Nominierung der Republikaner. Die Reaktion der Europäer ist für ihn zweitrangig; seine Zielgruppe waren die US-amerikanischen Neocons und die Geldgeber der Republikanischen Partei. Rubios Aufgabe war es, den Ton zu ändern, in dem die großen US-Medien über ihn berichten. Dazu muss er sich behutsam von der Linie Trumps und Vances distanzieren, ohne sich jedoch zu früh und zu deutlich davon zu lösen. Der richtige Zeitpunkt dafür ist noch nicht gekommen.

Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst speziell für “RT” am 15. Februar 2026.

Wladimir Kornilow ist ein sowjetischer, ukrainischer und russischer Politologe, Historiker, Journalist, Schriftsteller und gesellschaftlicher Aktivist. Er ist der ehemalige Leiter der ukrainischen Filiale des Instituts der GUS-Staaten in Kiew und Leiter des Zentrums für Eurasische Studien in Den Haag. Nach seiner scharfen Kritik am Euromaidan musste er aus der Ukraine flüchten und arbeitet seit 2017 als Kolumnist bei “Rossija Sewodnja”. Er führt eine Telegram-Kolumne zu aktuellen politischen Themen.

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