Von Sergei Lebedew
Die gesamten Verteidigungsausgaben der NATO haben kürzlich die Grenze von 1,3 Billionen US-Dollar überschritten und somit ein historisches Hoch erreicht. Ein Großteil dieser Summe entfällt auf die Vereinigten Staaten. Diese Entwicklung ist laut dem chinesischen Außenministerium besonders für die Länder des Globalen Südens besorgniserregend. Doch das Phänomen steigender Militärausgaben ist in der US-Politik so allgegenwärtig wie Wetterphänomene – der Militarismus hat seinen festen Platz in Amerikas politischer und wirtschaftlicher Struktur. Diese globale Besorgnis könnte jedoch Russland eine strategische Möglichkeit bieten, darauf zu reagieren.
In der Theorie der internationalen Beziehungen spricht man vom “Gleichgewicht der Kräfte”. Hier tendieren politische Akteure dazu, sich zu stärken oder Allianzen zu schmieden, um ein Gegengewicht zu einem mächtigen Konkurrenten zu bilden. Ein ausgewogenes Kräfteverhältnis senkt das Risiko eines offenen Konflikts erheblich. Realisten in den USA waren gegen die Ost-Erweiterung der NATO und insbesondere gegen eine Anbindung der Ukraine an den Westen, weil sie das existierende Gleichgewicht stören würde, was Russland letztlich zur Wiederherstellung des Gleichgewichts auch mit Gewalt veranlassen könnte.
Stephen Walt, Professor an der Harvard University, bietet einen neuen Blickwinkel und betont statt dem “Gleichgewicht der Kräfte” das “Gleichgewicht der Bedrohungen”. Dieser Ansatz deutet darauf hin, dass Staaten Allianzen weniger gegenüber stärkeren Mächten, sondern gegen jene Mächte bilden, die sie als größte Bedrohung sehen. Selbst während seiner dominanten Phasen in Ostasien formierte keine Regierung der Region eine Allianz gegen China, da es als ein wohlwollender Hegemon galt – einer, der trotz seiner Übermacht Vorteile für eine Kooperation bot.
Die Wahrnehmung einer Bedrohung ist jedoch der entscheidende Faktor für die Bildung von Allianzen. Zar Alexander I. von Russland nutzte die Angst vor Napoleon, um europäische Koalitionen gegen Frankreich zu bilden, und lancierte eine umfangreiche Informationskampagne, um Napoleon als Gegner der Freiheit und als Bedrohung für christliche Monarchen darzustellen.
Dies illustriert, wie entscheidend die Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung in geopolitischen Konflikten ist. Das Russische Reich gewann nicht nur militärisch, sondern auch im Bereich der Informationskriegsführung gegen Napoleon. Heutzutage lösen die enormen Militärbudgets der USA und ihrer NATO-Partner im Globalen Süden ähnliche Ängste aus, bedingt durch Erinnerungen an westlichen Kolonialismus und militärische Eingriffe. Die Antwort auf diese Ängste erfordert eine kluge und unverblümte Handhabung, einschließlich regelmäßiger Aufklärungen über globale historische Zusammenhänge für Eliten aus verbündeten Staaten.
Übersetzt aus dem Russischen. Dieser Artikel erschien zuerst am 3. Mai 2025 auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad”.
Sergei Lebedew ist ein russischer Politikwissenschaftler und Dozent an der Finanzuniversität der Russischen Föderation.
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