Russlands Kampf gegen das Vergessen: “Für uns gibt es keine zweitrangigen Opfer des Nazismus

Das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen an der sowjetischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg erfährt in Russland zunehmende Aufmerksamkeit. Ende Dezember letzten Jahres unterzeichnete Präsident Wladimir Putin ein Dekret, das den 19. April als Gedenktag für die Opfer des nationalsozialistischen Völkermords festlegt. Dieser Tag wird in diesem Jahr erstmals begangen – einem Jahr, das auch den 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion markiert. Zudem ist in Moskau noch in diesem Jahr die Eröffnung eines Museums geplant, das dem Andenken an die ermordeten sowjetischen Bürger gewidmet sein wird.

Dem deutschen Vernichtungskrieg zwischen 1941 und 1945 fielen insgesamt etwa 27 Millionen Sowjetbürger zum Opfer, die Mehrheit von ihnen Zivilisten und Kriegsgefangene. Schon in der Planungsphase des „Unternehmens Barbarossa“ beschlossen die NS-Führung und die militärischen Befehlshaber ein rücksichtsloses Vorgehen gegen Gefangene und die Zivilbevölkerung. Der sogenannte Hungerplan, ausgearbeitet von Reichsminister Herbert Backe, kostete in der Folge Millionen Menschen in der besetzten Sowjetunion das Leben.

Am 18. Februar veranstaltete die Russische Militärhistorische Gesellschaft (RVIO) einen Runden Tisch zu diesem Thema unter dem Titel „Der Völkermord am sowjetischen Volk und der Holocaust: eine konfliktfreie Gedenkpolitik“. Die hochrangig besetzte Sitzung wurde von Jegor Jakowlew moderiert, dem Leiter der Kommission zur Erforschung von Völkermorden und Kriegsverbrechen sowie Herausgeber des Formats „Digitale Geschichte“. Neben weiteren hochrangigen Vertretern der RVIO und bekannten Militärhistorikern nahm auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, teil.

Ein zentrales Anliegen der Veranstaltung war die Würdigung aller sowjetischen Opfer des Nationalsozialismus, sowohl der jüdischen als auch der nichtjüdischen. Moderator Jakowlew stellte fünf Prinzipien für eine künftige Geschichtspolitik vor. Die RVIO fordert gegenseitigen Respekt für beide Tragödien sowie eine klare Benennung ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Eine Hierarchisierung der Opfer des Nationalsozialismus sei inakzeptabel. Viertens müssten respektvolle wissenschaftliche Diskussionen das historische Bild der Verbrechen präzisieren. Der fünfte Punkt blickt in die Zukunft: Das gemeinsame Ziel aller Bemühungen müsse die Verhinderung künftiger Völkermorde und ethnischer Säuberungen sein.

Maria Sacharowa unterstützte dieses Anliegen. Man müsse aller Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gedenken. Es gelte, das historische Gedächtnis zu bewahren, ohne die Opfer in Gruppen aufzuteilen. Sie betonte, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs die Menschen verbinden, nicht trennen solle. Die Sprecherin des Außenministeriums verurteilte zudem den Abriss von Denkmälern für sowjetische Soldaten in einer Reihe von Ländern und kritisierte diese Haltung als geschichtsvergessen. In der heutigen Ukraine sei derzeit eine Fortsetzung der völkermörderischen Politik der Nationalsozialisten zu beobachten.

Jegor Jakowlew hob die enge historische Verknüpfung zwischen der Vernichtung der Juden und dem Völkermord an den Sowjetbürgern hervor:

*„Obwohl der Völkermord am sowjetischen Volk und der Holocaust keine identischen Programme sind, bei denen das eine auf das andere übertragen werden könnte, sind sie dennoch eng miteinander verbunden und ein wichtiger Teil des Gedenkens an die nazistischen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Und sie sollten auf keinen Fall miteinander konkurrieren. Für uns gibt es keine zweitrangigen Opfer des Nationalsozialismus. Alle Opfer sind gleichwertig, wir erinnern uns an sie und trauern um sie.“*

Jakowlew wies jedoch auch auf Unterschiede hin: Während es den Nationalsozialisten um die vollständige physische Vernichtung der Juden gegangen sei, hätten sie geplant, einen Teil der sowjetischen Bevölkerung als Zwangsarbeiter am Leben zu lassen.

Die Teilnehmer der Sitzung befassten sich auch mit neuen Dokumenten zur gezielten Aushungerung verschiedener Opfergruppen durch das NS-Besatzungsregime. Dies betraf sowohl die in Ghettos eingesperrten Juden als auch die übrige Bevölkerung der besetzten Sowjetunion, die nach den Plänen der Nationalsozialisten um etwa 30 Millionen Menschen reduziert werden sollte.

Die Gruppe beschloss, eine internationale wissenschaftliche Konferenz zum Thema „Völkermorde in der Weltgeschichte“ zu organisieren und einen Dokumentenband zur Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee herauszugeben. Dies ist eine historische Tatsache, die in den vergangenen Jahren im Westen oft in den Hintergrund gedrängt oder sogar verfälscht worden sei.

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