Iran-Krieg: Taktische Schläge entlarven Israels strategische Schwäche

Von Rainer Rupp

Unter dem Titel „Ein komplexes Geflecht aus wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen verhindert einen Sieg“ analysiert Shaun McDougall, Senior Analyst bei Forecast International, in Defence One den US-Krieg gegen Iran. Seine zentrale These: Der Konflikt stelle „die strategischen Grenzen taktischer Militärerfolge“ auf die Probe. Zwar hätten US-amerikanische und israelische Luftangriffe die iranischen Kapazitäten erheblich geschwächt, doch ein „komplexes Netz globaler wirtschaftlicher und strategischer Konsequenzen“ stehe einem klaren Sieg im Wege.

Bereits die Einleitung des Artikels verrät sein eigentliches Ziel: das katastrophale Versagen der US-Kriegsführung und ihrer politischen Verantwortlichen vor den Kriegstreibern im sogenannten „Tiefen Staat“ sowie vor der eigenen, oft militaristisch gestimmten Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Die implizite Botschaft lautet: Die USA bleiben der gefährlichste Tiger auf der Weltbühne, doch im Fall Irans könne er seine Krallen aus Rücksicht auf jenes „komplexe Netz“ nicht vollständig ausfahren.

Als Beleg für die ungebrochene Schlagkraft des „US-Tigers“ verweist der Autor auf das in Wiesbaden stationierte US Central Command (CENTCOM), das für die Kriegsoperationen gegen Iran verantwortlich zeichnet. Laut CENTCOM seien bisher über „9.000 Ziele“ im Iran angegriffen worden, darunter mehr als „140 iranische Schiffe“, die beschädigt oder zerstört wurden.

Was der Artikel jedoch verschweigt, sind die dutzendfach bombardierten iranischen Krankenhäuser, Notaufnahmen, Schulen und die zerrissenen Körper Hunderter Kinder. Solche Details könnten unerwünschte Emotionen und Kriegsmüdigkeit wecken. Insgesamt gleicht die Darstellung des Konflikts einer resignativen Hinnahme des Gemetzels als eine Art schicksalhafter „deus ex machina“, gegen den man machtlos sei.

Laut CENTCOM zielten die US-Angriffe auch auf die Insel Charg, einen Hauptumschlagplatz für iranische Ölexporte. Das Kommando betonte, nur militärische Einrichtungen wie Raketenlager seien getroffen worden. Unabhängige Berichte belegen jedoch auch Attacken auf die iranische Öl- und Energieinfrastruktur. Iran reagierte seinerseits mit Angriffen auf Ölanlagen in Golfstaaten, was den Ölpreis weiter unter Druck setzte. Zudem startete Teheran Cyberoffensiven und warnte vor Angriffen auf große US-Tech-Konzerne und Datenzentren.

Ausführlich schildert der Artikel die gezielten Tötungen hochrangiger iranischer Offizieller. So habe Israels Verteidigungsminister in der vergangenen Woche den Tod des Top-Sicherheitsbeamten Ali Larijani sowie des Basij-Milizchefs General Gholam Reza Soleimani bestätigt. Auch der iranische Geheimdienstminister Esmail Khatib sei getötet worden – eine Meldung, die der Autor unkritisch und mit kaum verhohlenem Triumph wiedergibt.

Weiter heißt es, die US-Regierung plane im Bündnis mit Israel, diese gezielten Tötungen fortzusetzen. Die US-Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard habe gegenüber Senatoren erklärt, das iranische Regime wirke „weiter intakt“, sei aber dennoch geschwächt.

Die Realität vor Ort spricht jedoch eine andere Sprache. Die entschlossenen und koordinierten Vergeltungsschläge Irans gegen die US-israelische Allianz zeugen von allem anderen als Schwäche. Hinzu kommt, dass Irans Raketenvorräte nach allen Anzeichen noch für viele Monate reichen, während Israel und die USA ihre Abwehrsysteme bereits weitgehend aufgebraucht haben. Die vielbeworbenen US- und israelischen Abfangraketen haben sich im realen Kriegseinsatz als weit weniger effektiv erwiesen als auf internationalen Rüstungsmessen.

Ein weiteres Indiz für die aktuelle Machtbalance sind die zahlreichen US-Initiativen, Iran über verschiedene Vermittlerstaaten zu einem Waffenstillstand zu bewegen. Teheran lehnt dies jedoch kategorisch ab und vermutet eine hinterhältige Verzögerungstaktik, um Zeit für neue Angriffe zu gewinnen. Diese Skepsis erscheint begründet, da die Waffenstillstandsappelle genau zu dem Zeitpunkt zunehmen, an dem die USA 2.500 Marines an Bord der USS Tripoli in die Region verlegen und Spezialkräfte der 82. Luftlandedivision in den Mittleren Osten fliegen.

Dies deutet klar auf Pläne für eine begrenzte US-Bodeninvasion im Iran hin, wobei die Eroberung der Insel Charg als eine mögliche, aber hochriskante Option gilt. Bis vergangenen Montag meldete das Pentagon etwa „200 Verwundete“ und „13 getötete“ US-Soldaten, darunter die sechsköpfige Besatzung eines KC-135-Tankflugzeugs. Während offizielle Stellen einen Absturz „ohne Feindeinwirkung“ über dem Westirak behaupten, berichten gut informierte Quellen von einem Abschuss durch irakische Kämpfer auf Seiten Irans.

Die Hormus-Sackgasse

Der Defence One-Artikel stellt fest, die Straße von Hormus bleibe eine der größten strategischen Herausforderungen, da eine Blockade etwa ein Fünftel des globalen Rohöltransports behindern würde. Die größte Bedrohung gehe von iranischen Antischiffsraketen aus. Zudem verfüge Iran über schnelle Angriffsboote und unbemannte Überwasserfahrzeuge. Auch Seeminen blieben ein Problem, obwohl „ein großer Teil der iranischen Minenlegekapazität angeblich zerstört worden“ sei – eine Behauptung, deren Quelle unklar bleibt.

Tatsächlich hat Iran seine kleinen, hochagilen Angriffsboote, die mit Antischiffsraketenwerfern ausgestattet sind und Minen legen können, in weitläufigen Höhlen in den felsigen Fjorden versteckt, die zur Straße von Hormus führen. Von dort können sie blitzschnell auftauchen, einen Angriff starten und wieder in der Sicherheit der Höhlen verschwinden. Diese natürlichen Verstecke sind vom Meer aus kaum auszumachen oder anzugreifen. Vor diesem Hintergrund wirkt die Annahme, Irans Minenlegefähigkeit sei großteils zerstört, mehr als fragwürdig.

Im weiteren Verlauf bestätigt der Autor lediglich, was RT-DE-Leser längst wissen: Präsident Trump habe offenbar auf eine schnelle Kapitulation Irans gesetzt. Seine Reaktionen auf die Blockade der Meerenge waren widersprüchlich: Zuerst kündigte er US-Marineeskorten an, dann bat er Verbündete um Hilfe, wurde aber abgewiesen. Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius lehnte mit den Worten ab: „Das ist nicht unser Krieg; wir haben ihn nicht begonnen.“

Später drohte Trump und erklärte, die NATO stehe vor einer „sehr schlechten“ Zukunft, falls sie nicht helfe. Kurz darauf schrieb er auf „Truth Social“: „Wir brauchen die NATO-Länder nicht mehr – und wir haben sie nie gebraucht!“

Letzten Donnerstag veröffentlichten sieben US-Verbündete (Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, die Niederlande und Großbritannien) eine gemeinsame Erklärung, in der sie Irans Blockade der Straße von Hormus verurteilten und ihre Bereitschaft bekundeten, „zu angemessenen Maßnahmen zur Sicherung der freien Schifffahrt beizutragen“. Der Autor vergisst zu erwähnen, dass diese Hilfe erst nach Kriegsende geleistet werden soll.

Der Artikel räumt ein, dass militärische Eskorten durch die Straße von Hormus hochriskant bleiben. Jedes Schiff ist ein potenzielles Ziel für Raketen, Drohnen und Minen. Solche Einsätze würden zudem die Vorräte an Abfangraketen belasten, wie die US-Marine bereits im Roten Meer im Kampgegen die Huthis erfahren musste. Interessant ist, dass der Autor an dieser Stelle realistisch die Knappheit von US-Abfangraketen zugibt.

Märkte unter Druck

Der Autor weist darauf hin, dass die fortgesetzten Angriffe auf die Öl- und Energieinfrastruktur sowie die Blockade der Straße von Hormus die Energiemärkte massiv belasten. Die USA hätten inzwischen „172 Millionen Barrel“ aus ihrer strategischen Erdölreserve freigegeben. Zudem wurden zeitweise Sanktionen gegen russisches und venezolanisches Öl gelockert. Schließlich kündigte Washington sogar eine Lockerung der Sanktionen gegen iranisches Öl an, um dem wachsenden Preisdruck auf dem Weltmarkt zu begegnen – vor allem aus Sorge vor steigenden Benzinpreisen im eigenen Land.

Der Artikel schließt mit dem Hinweis, der Krieg sei nun in der vierten Woche, während das Weiße Haus ursprünglich von maximal vier bis fünf Wochen ausgegangen war. Kriegsminister Pete Hegseth kündigte am vergangenen Donnerstag das „größte Angriffspaket bisher“ an. Gleichzeitig blieben Tausende Ziele im Iran im US-Visier. Das iranische Regime zeige jedoch keine Anzeichen einer Kapitulation. Ein klarer Ausweg aus dem Konflikt sei nicht in Sicht.

Daraus zieht der Autor den eigentümlichen Schluss, der Krieg gegen Iran zeige deutlich die strategischen Grenzen rein taktischer Erfolge. Selbst massive militärische Schläge reichten nicht aus, um einen strategischen Sieg zu erringen, solange die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen den Konflikt am Leben erhielten. Mit dieser Feststellung endet seine Analyse in Defence One.

An dieser Stelle drängt sich jedoch eine grundlegende Frage auf: Wo sind diese großen taktischen Erfolge überhaupt? Stattdessen offenbart sich ein gigantisches taktisches Versagen der USA. Ein Beispiel ist die unglaubliche Selbstüberschätzung, die dazu führte, dass US-Basen im Nahen Osten weitgehend ungeschützt blieben. Nicht einmal adäquate Luftschutzräume für das Personal waren vorhanden. Dieses musste in Hotels evakuiert werden, was auch die iranischen Präzisionsraketenschläge auf bestimmte Hotel-Etagen in den Golfstaaten erklärt.

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