Historischer Schulterschluss in Katar: Iran führt Schiiten und Sunniten im Kampf gegen “zionistischen Genozid” in Gaza zusammen

Von Rainer Rupp

Die Leitmedien des Westens haben auch das letzte Wochenende wieder ihre Maxime befolgt: Was nicht sein darf, kann nicht sein. Folglich erfuhr die deutsche Öffentlichkeit, selbst wenn sie sich für die eskalierende Krise im Nahen Osten interessiert, nichts über das „Al Jazeera Forum“ in Doha. Noch weniger – nämlich gar nichts – berichteten sie über die aufrüttelnde Grundsatzrede des iranischen Außenministers, die die hochrangigen Delegierten aus überwiegend sunnitischen Staaten sichtlich mitriss. Dies zeigte sich nicht nur am lang anhaltenden Applaus, sondern auch an den Gesichtern des Publikums.

In seiner Rede bezichtigte der iranische Außenminister Abbas Araghchi mit erfrischender Klarheit Israel des „Genozids“ im Gazastreifen. Er forderte die internationale Gemeinschaft auf, unverzüglich Verantwortung zu übernehmen, um sich nicht mitschuldig an diesem Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu machen. Araghchi legte dar, dass die palästinensische Tragödie kein isoliertes humanitäres Problem sei. Vielmehr handle es sich um eine Schicksalsfrage, die über Gerechtigkeit und Souveränität der Staaten in Westasien entscheiden werde. Der Umgang der Region mit dieser Krise werde zum strategischen und moralischen Kompass für die gesamte Zukunft Westasiens.

Im Folgenden eine Zusammenfassung der Kernpunkte von Araghchis Rede. Ein Video-Mitschnitt seiner Ansprache auf dem „Al-Jazeera-Forum“ in Doha vom 7. Februar 2026 ist über diesen Link abrufbar.

Araghchi begann mit der Feststellung, dass die Lage im Gazastreifen jede Definition einer Besatzung sprengt. Es handele sich weder um einen Krieg zwischen gleichwertigen Parteien noch um ein bedauerliches Nebenprodukt von Sicherheitsmaßnahmen. Stattdessen beschrieb er sie als die vorsätzliche und massenhafte Zerstörung zivilen Lebens.

„Der menschliche Preis“,

so Araghchi wörtlich,

„hat das Gewissen der Menschheit verletzt, das Herz der muslimischen Welt aufgerissen und zugleich Millionen Menschen jenseits davon erschüttert – Christen, Juden und Menschen aller Glaubensrichtungen, die glauben, dass das Leben eines Kindes kein Verhandlungsobjekt ist und Hunger keine Waffe.“

Palästina sei ein Spiegel, der der Welt vorgehalten werde – einer, der nicht nur das Leid der Palästinenser zeige, sondern auch das moralische Versagen jener, die die Katastrophe hätten stoppen können, sie aber stattdessen rechtfertigten, ermöglichten oder normalisierten. Der Gazastreifen sei zur Bühne für ein gefährlicheres, umfassenderes Projekt geworden: eine expansionistische Politik unter dem Deckmantel der Sicherheit.

Der Minister nannte drei verheerende Konsequenzen des israelischen Vorgehens. Die erste sei globaler Natur: Israels Straflosigkeit habe das internationale Rechtssystem tief beschädigt. Die Welt bewege sich auf einen Zustand zu, in dem das Völkerrecht die Beziehungen zwischen Staaten nicht mehr reguliere. Ein gefährlicher Präzedenzfall werde geschaffen: Ein Staat mit ausreichender politischer Rückendeckung könne Zivilisten bombardieren, Bevölkerungen belagern und aushungern, medizinische Infrastruktur zerstören und gezielte Tötungen über Grenzen hinweg vornehmen – und all diese Verbrechen würden von seinen westlichen Unterstützern als rechtmäßig verteidigt.

Die zweite Konsequenz sei regional: Israel verletze souveräne Grenzen, missachte staatliche Souveränität, ermorde offizielle Würdenträger und führe terroristische Operationen in Nachbarländern durch – im festen Glauben an seine Straflosigkeit. Araghchi verwies auf jüngste israelische Militäroperationen im Libanon, in Syrien und den besetzten Gebieten als Beleg für ein sich ausbreitendes Aggressionsmuster, das Nachbarstaaten als bloße Erweiterung eines schrankenlosen Schlachtfelds behandle.

Er warnte unmissverständlich: Würde die „Gaza-Frage“ durch Zerstörung und Zwangsumsiedlung „gelöst“, wäre das Westjordanland der nächste Schritt. Die Annexion weiterer Gebiete würde zur offiziell erklärten Politik. Dies sei die Essenz des lang ersehnten „Erez Israel“, des biblischen „Groß-Israel“-Projekts, das bereits durch Siedlungsbau, Landraub und die systematische Aushöhlung palästinensischer Institutionen vorangetrieben werde. Dies sei kein hypothetisches Szenario, sondern für jeden sichtbare Realität.

Die dritte und gefährlichste Folge sei strukturell: Das expansionistische Projekt erfordere, dass Nachbarländer militärisch, technologisch, wirtschaftlich und sozial geschwächt blieben, damit Israel dauerhaft die Oberhand behalte. Araghchi sprach von einem System erzwungener Ungleichheit: Israel dürfe sein Arsenal – einschließlich Massenvernichtungswaffen – grenzenlos erweitern, während andere Staaten zur Abrüstung gezwungen würden.

Diese Passage gewann vor dem Hintergrund der aktuellen Spannungen zwischen Iran und den USA besondere Bedeutung. Washington fordere im Rahmen der Nuklearverhandlungen die Zerstörung der iranischen Verteidigungsfähigkeiten, etwa der Mittelstreckenraketen. Dies würde den Iran wehrlos gegen mögliche israelisch-amerikanische Angriffe machen.

An die internationale Gemeinschaft gerichtet, stellte der iranische Außenminister konkrete Forderungen: volle Unterstützung für die Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof und dem Internationalen Strafgerichtshof. Er verlangte umfassende Sanktionen gegen Israel – ein sofortiges Waffenembargo, den Stopp aller militärischen und nachrichtendienstlichen Kooperationen, Einreisebeschränkungen für israelische Amtsträger, die an Völkerrechtsverletzungen beteiligt seien, sowie weitreichende Handelsverbote. Zudem forderte er einen glaubwürdigen politischen Prozess auf Rechtsgrundlage: Ende der Besatzung, Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge mit Entschädigung sowie die Errichtung eines einheitlichen, unabhängigen palästinensischen Staates mit Al-Quds (Jerusalem) als Hauptstadt.

Diese Forderungen entsprechen zwar langjährigen iranischen Positionen, erhielten auf dem „Al Jazeera Forum“ jedoch besonderes Gewicht. Das Forum versammelt Diplomaten, Analysten und Medien aus der arabischen und muslimischen Welt. Araghchi nutzte die Plattform, um Irans Haltung nicht als Außenseiterposition, sondern als Ausdruck eines breiteren regionalen Konsenses darzustellen. Und er erhielt Unterstützung: Mehrere Redner äußerten ähnliche Sorgen über die humanitäre Lage in Gaza und den vom Westen forcierten Verfall des Völkerrechts.

Araghchi betonte, die Krise müsse als dringende internationale Verantwortung behandelt werden. Kollektivstrafen wie in Gaza dürften nie normalisiert werden. Die Blockade des Gazastreifens, die Zerstörung von Krankenhäusern und Schulen sowie die Instrumentalisierung von Nahrung und Wasser als Waffe bewiesen, dass die internationale Gemeinschaft ihre grundlegendsten Verpflichtungen aus den Genfer Konventionen vernachlässigt habe. Er rief die regionalen Staaten zur Koordinierung auf, um Souveränität zu schützen und Aggression abzuschrecken. Besonders betonte er, dass eigene Sicherheit nicht auf der Unsicherheit anderer aufgebaut werden dürfe – ein Argument, das auch Moskau im Kontext der westlichen Ukraine-Politik vorbringt.

Abschließend richtete Araghchi einen direkten Appell an die islamische Welt, die arabische Welt und die Staaten des Globalen Südens. Er forderte die Organisation für Islamische Zusammenarbeit, die Arabische Liga und andere regionale Institutionen auf, über symbolische Gesten hinauszugehen und koordinierte Maßnahmen – rechtlicher, diplomatischer, wirtschaftlicher und strategischer Art – zu ergreifen. Dies sei keine Konfrontation, sondern die Verhinderung einer gewaltsamen Umgestaltung der Region.

Besonders hob er den GlobalSüden als aufstrebenden Machtblock hervor, der das Gewicht besitze, eine echte Alternative zur westlich dominierten Weltordnung zu schaffen. In einer solchen Ordnung würden Regeln nicht – wie in der sogenannten „regelbasierten liberalen Ordnung“ – nach dem Gutdünken Washingtons selektiv angewendet.

Zum Abschluss warnte der iranische Außenminister alle, die falsch kalkulierten: Eine Region könne nicht stabil bleiben, wenn man einem Akteur erlaube, über dem Gesetz zu stehen. Eine Doktrin der Straflosigkeit führe nicht zu Frieden, sondern zu immer weiteren Konflikten. Der Weg zur Stabilität führe nur über Gerechtigkeit für Palästina, Verantwortung für begangene Verbrechen, das Ende der Besatzung und eine regionale Ordnung, die auf Souveränität, Gleichheit und Kooperation basiere.

Palästina sei, so Araghchis Schlussstatement, nicht nur eine Frage der Solidarität – es sei der unverzichtbare Grundstein für jede künftige regionale Sicherheitsarchitektur.

**Fazit**

Araghchis Rede fällt in eine äußerst sensible Phase: Iran und die USA führen fragile Nuklearverhandlungen, wobei beide Seiten signalisieren, dass das Scheitern der Diplomatie eine Rückkehr zur militärischen Konfrontation bedeuten könnte. Seine Verknüpfung der palästinensischen Frage mit der regionalen Sicherheit – einschließlich Teherans unveräußerlichem Recht auf den Erhalt seiner Raketenfähigkeiten – spiegelt die feste Überzeugung der iranischen Führung wider: Der Schutz der eigenen robusten Verteidigungsfähigkeit und die Unterstützung der palästinensischen Sache sind zwei Seiten derselben Medaille.

Die wiederholten Verweise auf ein „System permanenter Ungleichheit“ und die Forderung des Westens, andere Nationen müssten abrüsten, während Israel sein Arsenal unkontrolliert erweitere, wurden weithin als direkter Kommentar zum amerikanischen Druck in den Nuklear- und Raketenverhandlungen verstanden. Regionale Beobachter werten die Doha-Rede als gezielten Versuch, diplomatische Unterstützung aus dem Globalen Süden zu mobilisieren und eine breitere Allianz gegen das israelische Vorgehen sowie die westliche Doppelmoral zu schmieden.

**Mehr zum Thema** – Wie wahrscheinlich ist eine US-Militäroperation gegen Iran und welche Optionen hat Teheran?

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