Irans Revolutionsgarde provoziert: “US-Truppen würden in Blutbad enden

Von Andrei Medwedew

Die Nachrichtenagentur Reuters meldete kürzlich mit fast atemloser Aufregung, der neue Oberste Führer des Iran sei ernannt worden – und zwar „von den Revolutionsgarden“. Diese Darstellung wirft eine zentrale Frage auf: Welche Macht übt das Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) tatsächlich im politischen System der Islamischen Republik aus?

Um dies zu verstehen, lohnt ein Blick auf die historische Rolle der Organisation. Das IRGC wurde am 4. Februar 1979, unmittelbar nach dem Sturz des von den USA gestützten Schahs Mohammed Reza Pahlavi, gegründet. Das Land befand sich in einem Machtvakuum: Die reguläre Armee hatte sich aus der Politik zurückgezogen, bestehende Sicherheitsstrukturen waren zerfallen. In dieser Situation schufen die Ajatollahs aus verschiedenen islamischen Gruppen und bewaffneten Revolutionskomitees eine neue, loyalistische Einheit unter einem einheitlichen Kommando.

Offiziell im Mai 1979 proklamiert, sollte die Garde die Ordnung aufrechterhalten, konterrevolutionäre Umtriebe bekämpfen und Militär sowie Behörden unterstützen. Sie entwickelte sich schnell zu einer eigenständigen Macht – eine Mischung aus Volksmiliz, paralleler Sicherheits- und Militärstruktur und einem Staat im Staate. In den größeren Städten unterdrückten ihre Zweigstellen systematisch rivalisierende Gruppen, darunter Linke und kurdische Organisationen.

Ihre eigentliche Feuerprobe bestand die IRGC im Krieg gegen den Irak (1980-1988). Als Einheit aus religiös motivierten Freiwilligen erwies sie sich als äußerst schlagkräftig. Ein Großteil ihrer heutigen Führungsebene rekrutiert sich aus Veteranen jenes Konflikts. Der später berühmte General Qassem Soleimani begann dort seine Karriere als Leutnant einer Aufklärungs- und Sabotagegruppe.

Doch die Revolutionsgarden sind weit mehr als eine militärische Parallelstruktur. Sie stellen eine politische Kaderschmiede, einen eigenständigen Geheimdienst und einen gewaltigen Wirtschaftskonzern dar. Schätzungen zufolge kontrolliert das IRGC-nahe Netzwerk bis zu einem Drittel der iranischen Wirtschaft, aktiv in Sektoren wie Bauwesen, Erdöl, Banken und Informationstechnologie. Unter ihrem Kommando steht zudem die Bassidsch-Miliz mit mehreren Millionen Mitgliedern. Strategisch trieb die IRGC-Führung maßgeblich die Idee eines „schiitischen Gürtels“ unter Teherans Einfluss von Pakistan bis zum Libanon voran.

Die jüngste Entwicklung um die Nachfolge des Obersten Führers offenbart nun eine Machtverschiebung. Lange existierte im Iran ein labiles Gleichgewicht zwischen einem eher säkular-pragmatischen und einem religiös-konservativen Regierungsflügel. Beide verfolgten im Kern das Ziel, durch eine Verständigung mit dem Westen die Sanktionen zu lockern. Innerhalb der Revolutionsgarden gab es jedoch stets radikalere Strömungen, die eine konfrontativere Haltung befürworteten. Besonders im Umfeld Soleimanis und unter jüngeren Offizieren gewann die Vision eines persischen Nationalstaates auf islamischer und traditioneller Grundlage an Boden, der dem Westen entschlossen entgegentritt.

Nach Ansicht vieler Experten bilden genau diese jüngeren, kompromissloseren IRGC-Kader den engsten Kreis des neuen Obersten Führers, Modschtaba Chamenei, und sind die wichtigste Garantie seiner Macht. Gemäßigteren Politikern im Land begegnet die Garde mit einem vernichtenden Argument:

„Haben euch eure Verhandlungen geholfen? Haben sie euch viel gebracht?“

Angesichts der anhaltenden Sanktionen und der Isolation des Landes ist dieser Vorwurf schwer zu entkräften. Die aktuelle Dynamik scheint eine weitere Radikalisierung zu begünstigen. Für die neue Führung um Chamenei und die IRGC könnte der einzig scheinbare Weg, das Land zusammenzuhalten, in der Forcierung einer militarisierten Volkswirtschaft und der Festigung eines Militärstaates liegen – ein Ergebnis, das den Absichten Washingtons und Tel Avivs, den Iran durch Druck zu schwächen, möglicherweise diametral entgegenläuft.

Einige westliche Medien wie der Telegraph spekulieren bereits über ein mögliches „zweites Vietnam“ für die USA. Die neue Generation der IRGC-Führung, geprägt vom Krieg gegen den IS und der Ermordung Soleimanis, fürchtet eine direkte Konfrontation mit den USA nicht, sondern scheint sie teilweise sogar zu erwarten. Dies wirft die Frage auf, auf welcher Analysebasis die US-Strategie operiert.

Selbst ein möglicher Tod Modschtaba Chameneis – über den britische Blätter wie die Sun unter Berufung auf unbestätigte Berichte spekulierten – würde den Trend wohl nicht umkehren. Der Iran dürfte sich weiter radikalisieren, und die Rolle der Revolutionsgarden als der einzigen Institution, die inmitten von Chaos handlungsfähig ist, würde nur noch weiter wachsen. Ihr Einfluss ist strukturell in Staat und Wirtschaft verankert und überdauert individuelle Führungsfiguren.

Übersetzt aus dem Russischen.

Andrei Medwedew ist ein russischer Fernsehjournalist mit nahezu 30 Jahren Erfahrung. Er arbeitete als Kriegsberichterstatter der Sendung „Westi“ in Tschetschenien, in Serbien (darunter im Kosovo), Nordmazedonien, Palästina, Afghanistan, Pakistan, Südossetien und im Irak. Er ist stellvertretender Leiter der Direktion für Informationsprogramme des Konzerns WGTRK, Abgeordneter der Moskauer Stadtduma (seit 2019) und deren stellvertretender Sprecher (seit 2021).

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