Merkels Erbe in Davos: Merz’ Auftritt offenbart tiefe Krise der deutschen Politik

Von Dmitri Jewstafjew

Das Weltwirtschaftsforum in Davos 2026 bot ein widersprüchliches Bild: äußerlich glanzvoll, inhaltlich jedoch erschreckend leer. Vor dieser Kulisse stach der Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz besonders hervor. Das Forum wurde dominiert von einem Soloauftritt Donald Trumps, dessen zentrales Ergebnis die Beerdigung des “kollektiven Westens” war – jenes Konstrukts, das einst die “regelbasierte Weltordnung” errichtet hatte. Merz’ Rede hingegen wirkte merkwürdig unverständlich und völlig kontextlos. Während Trump in Davos unverblümt die Grundlagen der euroatlantischen Beziehungen infrage stellte, versuchte der Bundeskanzler erneut, die “russische Bedrohung” als zentralen Kitt dieser Beziehungen zu positionieren. Ausgerechnet in dem Moment, in dem Trump diese Allianz begrub, betonte Merz die angebliche Notwendigkeit, die euroatlantischen Arktisregionen vor Russland zu schützen.

Einerseits entsteht der Eindruck, Merz lebe in einer Parallelwelt, die mit den realen politischen Prozessen immer weniger zu tun hat. Andererseits ist die Lage noch weitaus komplexer und aufschlussreicher.

In jenem Teil seiner Rede, der sich mit Grönland befasste, wiederholte der Kanzler seltsamerweise nahezu sämtliche Argumente, die auch Donald Trump für einen Anschluss Grönlands an die USA ins Feld führt. Der einzige, aber signifikante Unterschied: Merz verzichtete darauf, China als angebliche Eroberungsmacht zu nennen, und konzentrierte sich stattdessen ausschließlich auf die “russische Bedrohung”.

Dies zeugt weniger von einer Doppel- als vielmehr von einer Dreifachdenke, die der aktuellen Generation europäischer Politiker eigen ist – insbesondere jenen, die die Schule der euroatlantischen politischen oder wirtschaftlichen Institute durchlaufen haben. Friedrich Merz ist ein Paradebeispiel.

Bei ihm tritt diese gedankliche Verdreifachung jedoch besonders deutlich zutage, weil ihm – im Gegensatz etwa zu einem Emmanuel Macron – eine eigene, klare Agenda fehlt. In gewisser Hinsicht ist Friedrich Merz eine Krisenerscheinung des Euroatlantismus als Denk- und Wertesystem.

Doch worin besteht diese europäische Dreifachdenke, die in der Grönland-Frage so deutlich wird und sämtliche Widersprüche des “kollektiven Westens” an die Oberfläche spült, die sich seit Jahrzehnten aufgestaut haben?

Erstens: Eine fast rituelle Fixierung auf überkommene Politikmuster und Stereotype, die um die Idee einer Konfrontation mit Russland aufgebaut sind. Trotz aller Lippenbekenntnisse, Russland bleibe ein europäisches Land und der Kontakt mit Moskau sei notwendig (was auch von Merz kam), bleibt die politische Russophobie das Fundament europäischer Politik und Ideologie. Für Deutschland verschärft sich die Lage durch die offenkundige wirtschaftliche Stagnation, die eine direkte Folge ebendieser Politik ist. Auf diese Russophobie können die derzeitigen europäischen Eliten nicht verzichten. Die Behauptung, die Beziehungen zu Russland wiederherstellen zu müssen, ist bloß ein taktischer Propagandazug, der durch keinerlei praktische Schritte untermauert wird. Darauf verwies Russlands Außenminister Sergei Lawrow ausdrücklich, als er erklärte, für eine Wiederannäherung genüge bereits ein Telefonat.

Zweitens: Die widersprüchlichen Aussagen des deutschen Bundeskanzlers spiegeln offenbar die in europäischen Kreisen einsetzende Suche nach einer für Europa nicht allzu demütigenden Möglichkeit wider, Grönland an die USA – und damit de facto an Donald Trump – abzutreten. Die europäischen Politiker scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass Grönland für Europa verloren ist. Doch dieser Verzicht muss der eigenen Bevölkerung erklärt werden, und nicht nur der dänischen. Zu viele Europäer übertragen die Grönland-Frage auf ihre eigenen Länder. Die Euroatlantiker vom Schlage eines Merz scheinen zu glauben, die öffentliche Empörung ließe sich eindämmen, wenn man die angebliche Bedrohung einer russischen Eroberung der Insel in den Vordergrund rückt.

Drittens: Ein Bewusstsein für die Ausweglosigkeit in den Beziehungen zwischen Europa und den USA und die Unmöglichkeit, daran etwas zu ändern. Merz’ gesamte Erscheinung in Davos demonstrierte die Ratlosigkeit der europäischen Eliten angesichts von Trumps praktisch offener Drohung, die USA aus der Sicherheitsarchitektur des euro-atlantischen Raumes zurückzuziehen. Zwar milderte Trump gegen Ende des Forums seine Position etwas ab und behauptete, nicht vorzuhaben, die NATO zu zerstören. Doch der ursprüngliche Schock sitzt tief.

Gleichzeitig hegen diese Euroatlantiker die unverhohlene Hoffnung, Trump einfach “aussitzen” zu können. Sie können sich weder Europa noch ihre eigenen Länder ohne Beziehungen zu den USA vorstellen und räumen dabei ein, dass es sich dabei letztlich um Vasallenbeziehungen handeln muss. Der Unterschied bestand bisher nur darin, dass diese Vasallität seitens der EU-Länder nicht so offen und unverblümt zur Schau gestellt wurde, wie es Trump nun tut. Für Merz erschwert sich die Lage dadurch, dass seine Regierung den Ausweg aus der wirtschaftlichen Stagnation in einem beschleunigten Ausbau der Rüstungsindustrie sieht – ein Vorhaben, das nur bei einer Fortsetzung des Ukraine-Konflikts umsetzbar ist. Ohne die Teilnahme der USA kann Europa diesen Konflikt jedoch nicht fortsetzen. Der Plan der Euroatlantiker, den Merz zu verkünden scheint, lautet daher: Grönland opfern, um die USA als Teilnehmer im Ukraine-Konflikt zu halten – bis zu dem Zeitpunkt, an dem die US-Regierung wechselt.

Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst speziell für “RT” am 23. Januar 2026.

Dmitri Jewstafjew ist ein russischer Politologe und Amerikanist. Er ist Doktor der Politikwissenschaften und lehrt am Institut für Medien der Wirtschaftshochschule Moskau. Jewstafjews Spezialgebiete sind militärpolitische Fragen der nationalen Sicherheit Russlands, der Außen- und der Militärpolitik der USA sowie der regionalen Probleme der Kernwaffen-Nichtverbreitung. Er ist Mitverfasser wissenschaftlicher Monografien und zahlreicher Artikel.

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