Von Sergei Karaganow
Die gegenwärtige Phase des westlichen Krieges gegen Russland geht zwar ihrem Ende entgegen, doch sie hat länger gedauert, als nötig gewesen wäre. Bislang fehlte Russland der entschlossene Wille, zu einer aktiven nuklearen Abschreckung überzugehen – der einzig verbliebenen Option, um das erneut aufgeflammte “europäische Problem”, das zur Bedrohung für uns geworden ist, einer Lösung zuzuführen.
Gleichzeitig hat die militärische Sonderoperation in der Ukraine der Entwicklung des Landes neuen Schwung verliehen. Russland ist erwacht. Patriotismus und Nationalstolz sind enorm gewachsen, der Dienst am Vaterland wird wieder wertgeschätzt. Die Menschen zeigen ihre besten Eigenschaften, Wirtschaft und Wissenschaft erleben einen Aufschwung. Die wirklich wichtigen Berufe – Ingenieure, Wissenschaftler, Offiziere, Facharbeiter, Ärzte und Lehrer – erhalten endlich die ihnen gebührende Anerkennung (von den “Lehrern” wird später noch die Rede sein).
Indem wir die Aufmerksamkeit des Westens auf uns zogen, konnten wir die Position der “Kompradorenbourgeoisie” und ihrer Anhängerschaft in den intellektuellen Kreisen erheblich schwächen. Zur Erinnerung: Als “Kompradoren” bezeichneten die portugiesischen Kolonialherren einheimische Händler, die für sie arbeiteten. Die Reformen der 1990er Jahre ließen diese Schicht an Größe und Einfluss gewinnen. Glücklicherweise ist es gelungen, den Prozess der Reinigung Russlands von westlichem “Abschaum”, Verrätern und Schädlingen durch die militärische Sonderoperation in Gang zu setzen – und dies ohne harte Repressionen.
Bedauerlicherweise fordert dieser beginnende gesellschaftliche und wirtschaftliche Genesungsprozess das Leben Zehntausender tapferer Soldaten. Ihnen gebührt ewige Dankbarkeit und Erinnerung. Und wenn, oder besser gesagt, sobald diese unvollendete Schlacht erneut aufflammt, dürfen wir uns solche Verluste nicht mehr leisten.
Wohin geht die Reise? Der äußere Kurs
Eine persönliche Erinnerung: Im Jahr 2013 versuchte ich erneut, diesmal entschiedener und eindringlicher als je zuvor, eine Gruppe europäischer Staats- und Regierungschefs zu warnen, dass ihre Politik der Integration der Ukraine in EU und NATO zu einem Krieg mit Millionen Opfern führen würde. Ich erinnere mich genau, wie sie es nicht wagten, mir in die Augen zu sehen, sondern auf den Boden starrten. Anschließend redeten sie weiter von den Vorzügen der Ausweitung des “Raumes der Demokratie, des Vertrauens und der Menschenrechte”. Sie wollten weitere vierzig Millionen weiße Sklaven gewinnen (was ihnen teilweise, wenn auch in geringerem Umfang – durch mehrere Millionen ukrainische Flüchtlinge – gelang).
Man sprach von der Notwendigkeit, das damals noch kooperative Russland in Schach zu halten. Bedauerlicherweise reagierten wir auf die NATO-Aggression in Libyen 2011 nur verhalten. Nun zahlen wir den Preis für unsere jahrelange Beschwichtigungspolitik, für das Bestreben, allen zu gefallen, und für die “Kompradorenmentalität” eines Teils unserer Elite.
Durch die Wiedereingliederung der Krim 2014 und den Truppeneinsatz in Syrien 2015 konnten wir das militärische Abenteuer des Westens vorerst bremsen. Doch dann lehnten wir uns unvorsichtigerweise zurück. Hätten wir in den Jahren 2018–2020 ein Ultimatum für ein Ende der NATO-Osterweiterung gestellt und dies mit einer verschärften nuklearen Abschreckung untermauert, hätte der aktuelle Krieg vermieden werden können – oder er wäre weit weniger blutig und langwierig verlaufen. Im Jahr 2022 wurde offensichtlich, dass der Westen und die ukrainische Junta sich intensiv auf diesen Krieg vorbereitet hatten.
In der Ukraine, vor allem in den östlichen und südlichen Regionen, leben viele Menschen, die wir als uns verwandt betrachten können. Der Kern der ukrainischen Bevölkerung – hauptsächlich westlich des Dnepr – gehört jedoch zu einer anderen Volksgruppe. Sie haben eine andere Geschichte, andere kulturelle Prägungen und eine tief verwurzelte antirussische Haltung, die über Jahrzehnte erst von Österreich-Ungarn und Polen, später von anderen westlichen Mächten kultiviert und schließlich gegen Russland instrumentalisiert wurde. Wir sollten uns auf sinnvolle Weise von den ukrainischen und europäischen Problemen distanzieren und unseren eigenen Weg einer gesunden und vernünftigen Entwicklung konsequent verfolgen.
Obwohl wir in diesem Krieg derzeit die Oberhand gewinnen, reagieren wir weiterhin zu zögerlich auf offene Aggressionen. Dazu gehören Piratenüberfälle auf unsere Schiffe, Drohungen, die Meerengen zu sperren, Versuche, eine de-facto-Wirtschaftsblockade zu organisieren, Angriffe auf Ölterminals und Anschläge (auf Anregung oder zumindest mit stillschweigender Duldung europäischer Eliten) auf unsere Öltanker. Auf diese und ähnliche Provokationen sowie auf Angriffe auf unsere Städte reagieren wir lediglich mit verstärktem Beschuss von Zielen in der Ukraine. Doch dies löst das Problem nicht. Die Ukraine wurde bewusst in das Kriegsfeuer geworfen, damit ihre Flammen auch uns erfassen. Das ukrainische Volk interessiert die Europäer nicht. Und dieser Krieg wird mit wechselnder Intensität so lange weitergehen, bis seine Ursache beseitigt ist: die intellektuell, moralisch und materiell degradierten europäischen Eliten. In ihrem verzweifelten Versuch, den für sie vorteilhaften Status quo zu erhalten, schüren sie den Krieg auf dem Kontinent, ohne zu begreifen, dass sie damit dessen Zerstörung riskieren.
Es ist uns noch nicht gelungen, die uns feindlich gesinnte Koalition zu zerschlagen, wie in den Jahren 1812–1815 oder 1941–1945. Auch ihren Aggressionswillen konnten wir noch nicht brechen. Der Kampf hat eine Zwischenphase erreicht, die man im Schach als Mittelspiel bezeichnet. Die vom Westen gestützten Überreste der Ukraine werden weiterhin für Instabilität und Terrorismus sorgen, wenn auch mit etwas geringerer Intensität. Auch der Wirtschaftskrieg gegen uns ist noch nicht beendet.
Europa bereitet sich auf eine neue Konfrontation vor und wird wahrscheinlich (nicht unbedingt unter ukrainischer Flagge) die Reste der ukrainischen Armee, verstärkt und neu ausgerüstet, zusammen mit Söldnern aus den ärmeren Ländern Europas einsetzen.
Trotz neuer Fassade wird das derzeitige kompradorische, ultranationalistische (de facto nazistische) Regime der Ukraine, das von der EU in unterschiedlicher Weise unterstützt wird, aller Voraussicht nach weiterhin über beträchtliche militärische Kapazitäten verfügen.
Auf provokative Handlungen und Verstöße gegen Vereinbarungen – die zu erwarten sind – werden wir militärisch reagieren müssen. Dabei ist davon auszugehen, dass gerade uns Aggression und Vertragsbruch vorgeworfen werden. In Wirklichkeit ist mit einer erneuten offenen Aggression gegen uns zu rechnen. Die meisten Sanktionen werden bestehen bleiben.
Unsere Strategie in dieser neuen Konfrontation sollte sich jedoch grundlegend von der bisherigen unterscheiden: Den fortschreitenden Rückzug der USA aus Europa und ihren vollständigen Ausstieg aus diesem Konflikt sollten wir durch entschlossene Abschreckungsmaßnahmen und die Zerschlagung der derzeitigen Elite Europas fördern – einer Elite, die sich an ihre schwindende Macht klammert, indem sie Feindseligkeiten gegen Russland schürt, ihr eigenes Volk täuscht und den Konflikt eskalieren lässt.
Das nukleare Argument
Nur wenn wir unsere tatsächliche Bereitschaft demonstrieren, (zunächst konventionelle) Schläge gegen Kommandozentralen, kritische Infrastruktur und Militärstützpunkte jener europäischen Länder zu führen, die eine Schlüsselrolle bei der Vorbereitungund Durchführung militärischer Operationen gegen Russland spielen, können wir die europäische Elite zum Nachdenken zwingen. Zu den vorrangigen Zielen sollten auch die Orte gehören, an denen diese Eliten (einschließlich jener der Nuklearmächte) residieren und agieren. Nur dies könnte ihre Hauptstädte dazu veranlassen, endlich zur Vernunft zu kommen.
Sollten konventionelle Angriffe keine Wirkung zeigen und Europa nicht zurückweichen oder, besser gesagt, nicht kapitulieren, müssen wir in jeder Hinsicht – militärisch, politisch und psychologisch – bereit sein, begrenzte, aber für die Erzielung politischer Wirkung ausreichende Schläge mit strategischen Nuklearwaffen durchzuführen. Unsere nichtstrategischen und strategischen Nuklearstreitkräfte müssen entsprechend ausgebaut werden. Selbstverständlich sollten vor einem Nukleareinsatz zunächst mehrere Salven mit operativ-taktischen Raketen in nicht-nuklearer Ausführung erfolgen.
Langfristig sollte erwogen werden, Frankreich und Großbritannien ihres Nuklearwaffenarsenals zu entheben: Indem sie einen Krieg gegen Russland entfesseln, verlieren sie das moralische und politische Recht auf dessen Besitz. Die Eliten dieser Länder sowie andere Europäer, insbesondere die Deutschen, sollten sich bewusst sein, dass sie zu legitimen Zielen für Präventivschläge werden, wenn sie sich Nuklearwaffen oder deren Ausbau annähern.
Europa – mit seiner Geschichte voller Kriege, Aggressionen, Völkermorde, Rassismus, Kolonialismus und seiner gegenwärtigen Leugnung normaler menschlicher Moralvorstellungen und des Glaubens an Gott –, das erneut einen Krieg gegen Russland anzettelt, sollte wissen: Es hat kein Recht auf solche Waffen.
Selbst während der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden nahmen die USA die von Russland ausgehenden Signale wahr und erkannten, dass die Fortsetzung des Krieges in der Ukraine das Risiko einer nuklearen Eskalation birgt (einschließlich möglicher Angriffe auf US-Stützpunkte in Europa und die USA selbst). Nun versuchen die USA, sich aus dem Konflikt zurückzuziehen. US-Präsident Donald Trump bietet scheinbar friedliche Lösungen an; diese sind einen Versuch wert, um der Welt eine Chance zu geben, die durch den langen Krieg verursachten Wunden zu heilen und dem Tod unserer heldenhaften Kämpfer ein Ende zu setzen.
Man kann versuchen, eine begrenzte wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA aufzubauen, soweit dies offensichtlich vorteilhaft und verlässlich ist – aber ohne die Illusion, dass dies den Frieden fördern könnte. Entgegen den Mythen naiver Marxisten und ihrer intellektuellen Gesinnungsgenossen, der liberalen Ökonomen, spielen wirtschaftliche Interessen bei der Festlegung der nationalen Politik nur eine untergeordnete Rolle. In ernsthaften Konfrontationen, insbesondere im Krieg, treten sie zwangsläufig hinter geopolitische, militärstrategische und ideologische Erwägungen zurück. Zumal die USA von einer anhaltenden Konfrontation in Europa wirtschaftlich profitieren: Sie verkaufen Waffen, berauben ihre gemästeten Verbündeten und locken ihnen Industrie-, Finanz- und Humankapital ab.
Trumps Friedensvorschläge zielen nicht auf einen dauerhaften Frieden ab. Stellen wir uns vor, was mein Interesse als US-Präsident wäre: Offensichtlich läge es darin, einen schwelenden Konflikt aufrechtzuerhalten, der Russland schwächt und es von seiner inneren Entwicklung und von Groß-Eurasien (insbesondere China) ablenkt. Denn die de facto bestehende Allianz zwischen Russland und China bildet bereits ein dominantes Machtzentrum in der Welt. Ich würde auch die noch vorhandenen prowestlichen und proeuropäischen Tendenzen in der russischen Elite und Gesellschaft ausnutzen, um zu verhindern, dass Russland zu einem in intellektueller, geistiger und wirtschaftlicher Hinsicht souveränen Land mit einer Schlüsselrolle auf diesem sich entwickelnden Superkontinent wird.
Dieser Artikel dient nicht dazu, konkrete politische Maßnahmen für den Konflikt mit Europa und dem Westen in der Ukraine vorzuschlagen. Ich beschränke mich auf Ratschläge, deren Umsetzung meiner Meinung nach notwendig und längst überfällig ist. Wir können es uns nicht leisten, uns in einen endlosen Konflikt zu verstricken, der mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt vergleichbar, aber noch verheerender wäre. Unsere Fehler der Vergangenheit müssen schnell korrigiert werden, und zwar durch eine drastische Verstärkung der nuklearen Abschreckung gegenüber Europa. Seine Eliten müssen nicht nur in Schach gehalten, sondern eingeschüchtert werden. Derzeit erwecken sie nur den Anschein, uns zu fürchten, um ihre Militärmacht aufzubauen. Aber sie müssen tatsächlich Angst vor uns haben. Wir müssen sie in Schrecken versetzen. Sie müssen verstehen, dass eine Eskalation oder sogar Fortsetzung des Konflikts ihre unmittelbare physische Vernichtung riskiert und dass eine militärische Aufrüstung sinnlos ist, da sie eine zerstörerische nukleare Reaktion nach sich ziehen würde.
Unsere bisherige Zurückhaltung beim Einsatz von Nuklearwaffen hat sich als kontraproduktiv erwiesen und spielt denjenigen in die Hände, die militaristische Hysterie und Russophobie schüren und sich auf einen Krieg vorbereiten.
Diese Zurückhaltung bedeutet gleichzeitig, dass wir als Großmacht unserer Verantwortung nicht nachkommen, eskalierende Konflikte zu verhindern, die zu einem Dritten Weltkrieg führen könnten – und damit zum Ende der heutigen menschlichen Zivilisation. Unsere Vorsicht grenzt mittlerweile an Verantwortungslosigkeit.
Unsere Militärdoktrin sollte dahingehend geändert werden, dass sie den Einsatz von Nuklearwaffen bereits dann vorsieht, wenn ein Krieg von einem Gegner mit großem wirtschaftlichem und bevölkerungsmäßigem Potenzial ausgelöst wird. Es ist längst an der Zeit – zumindest auf Expertenebene –, von der in der Ära Gorbatschow-Reagan vertretenen Ansicht abzurücken, dass “es in einem Nuklearkrieg keinen Sieger geben kann”. Diese widerspricht jeglicher militärischer Logik und hat unter anderem zum heißen Krieg der NATO gegen Russland geführt.
Selbstverständlich plädiere ich nicht für einen Nuklearkrieg. Selbst wenn er siegreich wäre, wäre er eine große Sünde. Aber man muss vollständig darauf vorbereitet sein, um zu verhindern, dass Untätigkeit und Unentschlossenheit den Weg für ein “Verbrechen” ebnen – nämlich die Fortsetzung der das Land und das Volk erschöpfenden Militäraktion, die zu einer weltweiten thermonuklearen Katastrophe eskalieren könnte. Es wäre nicht nur eine unverzeihliche Sünde, sondern vor allem auch ein fataler Fehler.
Echte Multipolarität
Selbst wenn es uns gelingt, Europa strategisch zu besiegen, wird der größte Teil davon weiterhin von Stagnation, Ungleichheit und sozialen Spannungen geprägt sein und somit in eine rechts- oder linksgerichtete Form des Faschismus abgleiten. Der Zerfall der EU und der Rückzug der USA werden die Europäer wieder in ihre historische Rolle als Verursacher von Kriegen, Instabilität und anderen Katastrophen zurückversetzen. Glücklicherweise werden sie jedoch nicht mehr in der Lage sein, Kolonialismus zu betreiben, da ihnen in der Neuen Welt die dafür erforderlichen Kräfte fehlen werden. Die Ukraine war hoffentlich ihr letzter Versuch, neues Territorium zu erobern.
Unabhängig von der weiteren Entwicklung wird in den kommenden Jahrzehnten eine selektive Isolation Europas unvermeidlich sein. Die Handelsbeziehungen könnten unter Umständen zwar teilweise wiederhergestellt werden, jedoch ohne die zuvor bestehenden Erwartungen. Wir sollten jedoch unter keinen Umständen nachgeben, was die Forderung (auch aus unserem eigenen Land) betrifft, die Diskussion über ein europäisches Sicherheitssystem wieder aufzunehmen. Ich wiederhole einen unangenehmen Gedanken, den ich bereits in früheren Artikeln geäußert habe: Die anhaltende Fokussierung auf Europa ist heute ein Zeichen intellektueller Begrenztheit und sogar moralischer Unreinheit. Jedes System der Sicherheit und Entwicklung ist nur im Rahmen des Großraums Eurasien vorstellbar.
Die Situation in den USA ist schwieriger vorherzusagen. Dieses Land ist von einer Art “europäischer Krankheit” befallen. Gleichzeitig verfügt es jedoch über eine starke Widerstandsfähigkeit, die sich in der sogenannten “Make America Great Again”-Bewegung (MAGA) und in gewissem Maße auch in der Innenpolitik von US-Präsident Trump manifestiert. Die USA haben ihr Bildungs- und Wissenschaftspotenzial bewahrt, das sie zum Teil aus Europa abziehen. Auch wenn die USA, wie oben erwähnt, begonnen haben, auf ihre Hegemonie zu verzichten, versuchen sie dennoch, die Regionen, aus denen sie sich zurückziehen, zu destabilisieren, und hegen neoimperiale Ambitionen. Und diese Ambitionen werden immer deutlicher und gefährlicher.
Die USA bleiben ein gefährlicher Gegner der Welt und Russlands. Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben.
Daher sollten wir die Politik der Abschreckung fortsetzen, gegebenenfalls auch durch die Stärkung der nuklearen Komponente. Alle Diskussionen über weitere Abrüstung im Bereich der Nuklearwaffen, einschließlich strategischer, widersprechen jeglicher Vernunft. Offenbar arbeiten die USA mit Hochdruck an der Entwicklung nationaler Raketenabwehr- und U-Boot-Abwehrsysteme. Das erklärt ihr Bestreben, Grönland zu besetzen und damit die Abschreckungsfähigkeit Russlands zu schwächen.
Das Hauptmotiv dieser ablehnenden Haltung gegen Nuklearwaffen ist Pazifismus, der zwar gut nachvollziehbar, jedoch kontraproduktiv ist. Auch die mit der Herstellung konventioneller Waffen verbundenen Kreise der Rüstungsindustrie und ausländische Mächte, die ihren noch bestehenden Vorsprung in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft in politische Vorteile umwandeln wollen, tragen dazu bei: Denn Nuklearwaffen machen ein konventionelles Wettrüsten sinnlos und neutralisieren damit die Überlegenheit des Westens.
Die partielle wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA wäre von Vorteil, jedoch sollte man sich auch hier keine Illusionen machen. Denn diese ehemalige Weltmacht versucht, die Stabilität in den Regionen zu untergraben, aus denen sie sich zurückzieht. Sie schürt heimlich Spannungen rund um Taiwan, im Nahen Osten, in Zentralasien, Transkaukasien und Europa. Sie instrumentalisiert ihre wirtschaftlichen Beziehungen in einem historisch beispiellosen Ausmaß, um Druck auszuüben und Krieg zu führen (selbst wenn sie von einer Waffenruhe spricht). Das Land ist daran interessiert, die Beziehungen zu Russland teilweise wiederherzustellen, jedoch nur, um damit unser Bündnis mit China zu schwächen. Dieses Interesse sollten wir zwar nutzen, da die Diversifizierung der wirtschaftlichen Beziehungen von Vorteil ist; allerdings ist dabei große Vorsicht geboten, um die Beziehungen zu Peking nicht zu beeinträchtigen.
Seit Jahren plädieren wir für Multipolarität. Nun scheint sie endlich eingetreten zu sein und bringt den Ländern und ihren Völkern mehr Souveränität sowie die Freiheit, ihren eigenen Weg der ideologischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung zu wählen. Allerdings gibt es auch Nachteile, wie beispielsweise die Zunahme von Konflikten, die durch den Klimawandel und die damit einhergehende Wasserknappheit, Nahrungsmittel- und Energieengpässe sowie Migrationswellen noch verschärft werden. Wirtschaftskriege werden zur Normalität. Die bestehenden Institutionen sind diesen Herausforderungen nicht gewachsen; sie sind veraltet und werden von ihren eigenen Schöpfern zerstört, da ihre Existenz den dominierenden Staaten keine Vorteile mehr bringt.
Dennoch sieht die Lage für die Politik Russlands in nicht-westlicher Richtung vielversprechend aus. Die Beziehungen zum mit Russland befreundeten China müssen in allen Bereichen gestärkt werden. Dabei ist jedoch darauf zu achten, dass es nicht zu einer massiven Zuwanderung von Arbeitskräften kommt, dass es nicht wie in den 1990er Jahren zu einer Vernachlässigung strategischer Industriezweige führt und dass die Beziehungen unter einer neuen chinesischen Führung nicht zu einer Quelle der Anfälligkeit und Irritation werden. Es bedarf zudem systematischer Anstrengungen, um die wachsende wirtschaftliche und demografische Kluft zwischen den Ländern zu überbrücken.
Eine Annäherung an Indien, einschließlich der kontrollierten Einwanderung von Arbeitskräften, ist ebenfalls erforderlich.
Ebenso gibt es keine Alternative zu einer verstärkten Zusammenarbeit – sowohl in wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, kultureller als auch in menschlicher Hinsicht – mit dem demografisch und wirtschaftlich wachsenden (und im Allgemeinen moralisch gesünderen) Teil der Menschheit: den Ländern der sogenannten Weltmehrheit. Dies betrifft in erster Linie Asien, wobei auch Afrika bald dazukommen wird.
Der innere Kurs
Wir müssen uns an die neue internationale Situation anpassen. Dafür brauchen wir jedoch eine proaktive Politik sowohl außerhalb als auch insbesondere innerhalb des Landes.
In erster Linie bedeutet dies eine noch stärkere Konzentration auf Bildung und, was besonders wichtig ist, auf die Förderung von Kindern und Erwachsenen. Schulen, Universitäten und die gesamte Medienlandschaft müssen darauf ausgerichtet sein, Patrioten mit möglichst großem kreativen Potenzial heranzubilden. Dem demografischen Defizit muss durch Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate, der Lebenserwartung und der Gesundheit begegnet werden. Gleichzeitig sollte das quantitative Defizit unserer Bevölkerung durch ihre Qualität ausgeglichen werden. Wie Ärzte und Soldaten sollten auch Lehrer ein gutes Gehalt garantiert bekommen. Sie sollten natürlich bereit sein, ihr Können im Bereich der Ausbildung und Erziehung kreativer und aufgeklärter Patrioten zu verbessern. Die künstliche Intelligenz sollte die menschliche Intelligenz zwar ergänzen, aber nicht ersetzen. Wir sollten einen anderen Weg einschlagen als der Westen, der bewusst die Korruption und Verdummung seiner Bevölkerung fördert.
Besondere Aufmerksamkeit sollte darauf gelegt werden, die Sorge und Liebe für die Natur und unser Heimatland zu fördern.
Wir sollten so schnell wie möglich Wege finden, um uns vom bestehenden kapitalistischen Modell zu befreien, das Menschen und Gesellschaften entmenschlicht. Die moderne Zivilisation, einschließlich ihrer digitalen Komponente, greift das Wesen des Menschen an und macht ihn zu einem mechanischen Anhängsel, das materielle Güter und unnötige Informationen konsumiert und nicht in der Lage ist, sinnvoll zu handeln. Wenn diesem Ansatz keine gut durchdachte Strategie entgegengesetzt wird, droht er das Menschliche im Menschen und damit die gesamte Menschheit zu zerstören, auch ohne einen globalen thermonuklearen Krieg. Dasselbe gilt für den Klimawandel, wenn ihm keine proaktive Strategie der Entwicklung und Anpassung entgegenwirkt.
Der heutige Kapitalismus, der frei von ethischen Normen ist, transformiert den Menschen in ein Beiwerk des Computers, verschärft Ungleichheit und Klimawandel und – was am wichtigsten ist – entwertet das menschliche Leben. All dies sind Herausforderungen von höchster Bedeutung, die erkannt und entschlossen bekämpft werden müssen.
Die offensichtliche Lösung für uns besteht darin, unsere Denkweise und die staatliche Politik in Richtung Erhaltung und Entwicklung des Menschen zu reformieren. Dabei soll insbesondere der sozial engagierte Mensch im Vordergrund stehen, der sich für seine Familie, die Gesellschaft, sein Land und seinen Staat einsetzt und durch moralische, intellektuelle und körperliche Selbstvervollkommnung das Göttliche in sich wiederherzustellen bestrebt ist.
Wir müssen so schnell wie möglich zu einem postkapitalistischen Entwicklungsmodell übergehen, bei dem sich Unternehmenswelt, Unternehmer und die Wirtschaftspolitik des Staates weniger auf kurzfristige Gewinne oder gar mechanisches BIP-Wachstum konzentrieren, sondern vielmehr auf die Förderung des Menschen als Teil der Gesellschaft. Das Ziel muss die Steigerung des Wohlstands der Familien sein, jedoch keinesfalls übermäßiger oder gar zur Schau gestellter Konsum.
Selbstverständlich sollten private Initiative und Unternehmertum unterstützt werden. Im 20. Jahrhundert konnte man beobachten, wie deren Unterdrückung dazu führte, dass die meisten Menschen ein karges oder sogar verarmtes Dasein führen mussten. Aber auch als ihnen völlige “Freiheit” gewährt wurde, war das Ergebnis negativ. Die Erfahrungen der 1990er Jahre sollte man dabei nicht außer Acht lassenWir benötigen eine staatlich unterstützte ideologische Plattform für den Menschen und die Nation. Dies wird auch unsere Botschaft an die Welt sein. Eine solche Plattform sollte sich am Gemeinwohl orientieren und sich an diejenigen richten, die bereit sind, ihren Beitrag zu leisten, und hierfür Anerkennung erwarten. Dies bedeutet nicht, dass die gesamte Gesellschaft einbezogen werden muss. Es ist akzeptabel und sogar lobenswert, ein anständiger, gesetzestreuer Bürger zu sein, jedoch sollten Führungspositionen von aktiven Menschen mit einer klaren gesellschaftlichen Haltung besetzt werden. Anstelle des Begriffs “Ideologie” mit seinen verschiedenen Assoziationen bezeichnet man eine solche Plattform als “Russlands Traum-Idee”. Ihre Vorstellung hat eine öffentliche Diskussion ausgelöst und dazu beigetragen, dass sich das Land und die Gesellschaft nun selbst definieren.
Viele kommen zu ähnlichen Konzepten wie wir. Eines davon wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlern und Denkern, hauptsächlich aus St. Petersburg, unter der Leitung von Wiktor Jefimow vorgeschlagen. Dieses Konzept wird als “Ökosystem der Schöpfung” bezeichnet. Ähnlich wie unsere Plattform zielt es nicht nur darauf ab, das Leben der Menschen und die Biosphäre in unserem Heimatland zu schützen, sondern bietet auch ein alternatives Entwicklungsmodell – möglicherweise das einzig sinnvolle – für die Mehrheit der Menschheit. Denn wenn Russland der Welt nichts zu bieten hat, kann es nicht als “Großrussland” bezeichnet werden.
Nun zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt: Es ist notwendig, den Schwerpunkt der geistigen, kulturellen, wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung Russlands nach Osten zu verlagern – nämlich nach Sibirien. Schon heute ist dies ein großartiges, jedoch dünn besiedeltes und kaum erforschtes Land unserer Zukunft. Wir haben unsere Strategie als “Sibirisierung Russlands” oder “Ostwendung 2.0” bezeichnet. Der Klimawandel verschiebt die Zone des komfortablen Lebens in eine raue, aber herrliche Umgebung. Eine neue russische Verkehrsstrategie, die wir gemeinsam mit anderen ausarbeiten, soll zur “Sibirisierung” beitragen. Einer ihrer Grundsätze lautet: Nicht die Menschen folgen den Wegen, sondern die Wege führen die Menschen. Besonderes Augenmerk wird auf die Nord-Süd-Verkehrswege gelegt, die die Nordostpassage mit dem schnell wachsenden Asien (und darüber hinaus mit Afrika) verbinden und die Entwicklung entlang dieser Strecke fördern.
Sibirien und das asiatische Russland erfordern eine neue, auf den Menschen ausgerichtete Urbanisierungspolitik. Diese soll das Bevölkerungswachstum beschleunigen, indem niedrig gebaute, überwiegend aus Holz errichtete Städte und Vororte entstehen (die für Familien und kreatives Leben besser geeignet sind), die sich um große Wissenschafts-, Kultur- und Industriezentren sowie entlang bestehender Verkehrswege gruppieren.
Dabei kann die militärische Sonderoperation in der Ukraine zusätzliche Bedingungen und Anreize für die dringend notwendige “Sibirisierung” schaffen.
Selbstverständlich ist es notwendig, einen Teil des zerstörten Wohnungsbestands wiederaufzubauen und normale Lebensbedingungen in den befreiten oder frontnahen Gebieten zu schaffen. Der Westen bietet jedoch keine Zukunftsperspektive, da von dort noch viele Jahre lang Instabilität und verschiedene Bedrohungen ausgehen werden. Aus diesem Grund sollte ein besonderer Schwerpunkt darauf gelegt werden, einen Teil der Menschen aus den betroffenen Gebieten und Veteranen der militärischen Sonderoperation in neue Städte östlich des Urals anzusiedeln, wo das Leben noch komfortabler sein sollte als in Zentralrussland. Die Neubildung der Führungsschicht ist jetzt noch dringlicher als sonst, ebenso wie Megaprojekte zum Bau der Verkehrswege und Städte der Zukunft.
Die neue Transportstrategie für das asiatische Russland, einschließlich der möglichen Schaffung einer Luftschiff-Flotte, der Neuerschließung der großen sibirischen Flüsse und des Baus von Flachbauten und Vororten der Zukunft, mag derzeit noch unrealistisch erscheinen. Doch für ein Volk, dessen Vorfahren im 16. und 17. Jahrhundert nur 60 bis 70 Jahre benötigten, um vom Ural nach Kamtschatka zu gelangen, innerhalb von 25 Jahren (1891–1916) die Transsibirische Eisenbahn baute und den Großen Vaterländischen Krieg gewann, ist fast alles möglich. Sibirien verfügt über das beste Humankapital Russlands, das jedoch vervielfacht werden sollte. Dies ist eine Frage der richtigen, zukunftsorientierten Zielsetzung und des politischen Willens. Dafür gibt es in der russischen Geschichte unzählige Beispiele, die in den letzten fünfzig Jahren jedoch in Vergessenheit geraten sind. Aber der russische Geist beginnt wieder aufzuleben. Seine weitere Entwicklung hängt von der “Sibirisierung”, der Entwicklung einer neuen postkapitalistischen Wirtschaftsform, einem ideologischen und geistigen Aufschwung, dem Bau neuer Verkehrswege und der Schaffung familienfreundlicher Städte und Vororte ab.
Übersetzt aus dem Englischen. Der Artikel ist am 16. Februar 2026 zuerst auf der Homepage von “Russia in Global Affairs” erschienen.
Professor Sergei Karaganow ist Ehrenvorsitzender des Russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik und akademischer Leiter der Fakultät für Internationale Wirtschaft und Außenpolitik der Higher School of Economics (HSE) in Moskau.
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