Von Ibrahim Al-Amine
Die rasche Rückkehr der Hisbollah auf das Schlachtfeld war weit mehr als ein bloßer Solidaritätsakt mit dem Iran, entgegen anderslautender Mutmaßungen. Für die Organisation hat der Konflikt eine existenzielle Dimension angenommen. Die direkte Konfrontation erscheint ihr als einziges Mittel, um das lokale Kräfteverhältnis grundlegend zu verschieben.
Um diesen Moment zu begreifen, muss man die Entwicklungen innerhalb der Bewegung seit dem Ende des großangelegten Krieges im November 2024 betrachten. Dieser Krieg forderte einen hohen Tribut. Israel tötete Schlüsselfiguren der politischen und militärischen Führung der Partei.
Nachdem die Hisbollah den ersten Schock überwunden hatte, verfolgte sie bewusst eine Strategie der Undurchsichtigkeit, die fortan ihre täglichen Operationen bestimmte. Während ihre zivilen Institutionen – das Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem – weiterhin öffentlich sichtbar und aktiv blieben, zog sich der militärische Arm fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und ging in den Untergrund.
Informelle Kanäle, die Journalisten über zwei Jahrzehnte Einblicke in die Aktivitäten des Widerstands gewährt hatten, wurden praktisch gekappt. Für Reporter wurde es nahezu unmöglich, verlässliche Informationen über die militärische Struktur zu erhalten. Es gab keine bestätigten Namen mehr, keine klaren Funktionen und keine Treffen oder Kontakte wie in früheren Zeiten. Die Regeln wurden strikt durchgesetzt, und die Führung reagierte nicht auf den Druck von Anhängern, die das Schweigen als Schwäche deuteten.
Der letzte Krieg offenbarte, wie tief der israelische Geheimdienst durch Technologie, menschliche Quellen und angesammelte Erfahrung in die internen Strukturen der Hisbollah eingedrungen war. Inzwischen äußern jedoch israelische Regierungsvertreter wachsende Besorgnis über die Grenzen ihres aktuellen Wissens und die tatsächliche Wirkung der Schläge, die sie in fünfzehn Monaten Kampf nach eigenen Angaben geführt haben. Unter diesen Umständen, so geben sie zu, sei es schwierig geworden, die Aktionen des Widerstands vorherzusagen.
Auf der libanesischen politischen Bühne stützen sich hochrangige Regierungsvertreter weitgehend auf die US-amerikanisch-israelische Lesart des regionalen Konflikts. Viele im pro-westlichen politischen Lager Libanons gingen davon aus, die Hisbollah würde passiv bleiben. Ihr Kalkül war, die Frage der Parteiwaffen bis zum erwarteten Zusammenbruch Irans aufzuschieben. Danach, so die Annahme, würde sich das Problem von selbst lösen.
Die Ereignisse nahmen eine andere Wendung. Die Hisbollah entschied sich, das Feuer zu eröffnen.
Die libanesische Armee ihrerseits hat klargestellt, dass sie sich nicht in eine innere Konfrontation hineinziehen lassen wird. Hochrangige Sicherheitsquellen berichten, die Armeeführung habe ihre US-amerikanischen und saudischen Gesprächspartner seit langem gewarnt: Ein Zwang, das Militär gegen den Widerstand in Stellung zu bringen, würde unmittelbar in einen Bürgerkrieg münden. Angesichts des nun offenen Krieges mit Israel wäre ein solcher Schritt politischer Selbstmord.
Gleichzeitig formierte sich eine koordinierte Kampagne gegen die Armeeführung. Die selbsternannten “Verteidiger der Souveränität” starteten Attacken gegen den Armeekommandanten und forderten seine Entlassung sowie die anderer Sicherheitschefs, weil diese sich weigerten, einen Regierungsbeschluss zur Auflösung des militärischen Flügels der Hisbollah umzusetzen.
Washington unterstützte diesen Druck umgehend und legte libanesischen Beamten Berichten zufolge eine Liste mit möglichen Nachfolgern vor. Von einer neuen Führung würde erwartet, die Armee gegen die Hisbollah einzusetzen, ihre Anhänger gewaltsam zu unterdrücken und mit dem Widerstand in Verbindung stehende Personen festzunehmen.
Einige politische Kreise gehen noch weiter: Sie diskutieren die Auflösung der Partei und die Ausstellung von Haftbefehlen gegen ihren Generalsekretär, Scheich Naim Qassem.
Sogar einige der Finanz- und Politikgrößen, die die Plünderung der Ersparnisse der Kontoinhaber zu verantworten haben, schlagen nun vor, die Vermögenswerte von mit der Hisbollah verbundenen Institutionen zu beschlagnahmen. Gelder und Gold der Stiftung Al-Qard Al-Hassan-Vereinigung (*) sollen so zur Begleichung der Schulden des libanesischen Bankensektors herangezogen werden.
Bis vor kurzem schien das Land an der Schwelle zu einer gefährlichen Eskalation zu stehen. Nach jüngsten Berichten libanesischer Regierungsvertreter ist die unmittelbare Krise jedoch eingedämmt. Ein grundlegender Konsens hat sich durchgesetzt: Kein Staat tauscht mitten im Krieg seinen Armeekommandanten aus, und die politische Führung wird keine Schritte unternehmen, die einen inneren Konflikt entfachen würden.
Die eigentliche Frage für die libanesische Führung lautet daher nicht, was sie tun kann, sondern was sie unbedingt vermeiden muss: nämlich Maßnahmen, die letztlich den Interessen Israels dienen oder einen Bürgerkrieg auslösen würden.
Es geht nicht mehr darum, ob die Armee gegen den Widerstand vorgehen wird. Die realistische Frage ist, welche Rolle sie spielen kann, um eine weitere Zuspitzung der Lage zu verhindern, während sich der Krieg mit Israel intensiviert.
Aus dem Englischen übersetzt von Olga Espín
(*) Die Al-Qard al-Hassan-Vereinigung vergibt zinslose Kredite an Privatpersonen. Seit 1987 operiert sie mit einer NGO-Lizenz der libanesischen Regierung de facto als Bank. In der anhaltenden Bankenkrise, in der viele ihre gesamten Ersparnisse verloren haben, ist sie eine beliebte und vor allem finanzierbare Anlaufstelle. Seit 2007 unterliegt sie aufgrund mutmaßlicher Verbindungen zur Hisbollah US-Sanktionen. Die israelische Luftwaffe bombardierte mehrfach ihre Filialen, zuletzt am vergangenen Montag.
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