Der ehemalige stellvertretende NATO-Generalsekretär Alessandro Minuto-Rizzo hat die selbstgestellte Mission des neuen NATO-Chefs Mark Rutte offengelegt. Rutte habe sich persönlich das Ziel gesetzt, die USA im Bündnis zu halten. Dies berichtete Minuto-Rizzo, der selbst kurzzeitig als Interims-Generalsekretär amtierte, in einem Gespräch mit dem Nachrichtenportal *Euractiv*. Rutte habe Vertrauten gegenüber mehrfach betont, sein gesamtes Mandat müsse sich „ausschließlich auf die Mission ausrichten, Trump in der NATO zu halten“.
In dem am Samstag veröffentlichten Interview zitierte der italienische Diplomat Rutte mit den Worten: „Er sagt im Grunde genommen: In den Geschichtsbüchern wird es nicht darauf ankommen, ob ich ihn ‘Daddy’ genannt habe oder nicht, sondern ob die Vereinigten Staaten in der NATO geblieben sind.“ Diesem übergeordneten Ziel ordne Rutte alles andere unter – selbst wenn sein Ruf darunter leide oder die europäische Öffentlichkeit seine unterwürfige Haltung kritisiere. Minuto-Rizzo führte aus:
> *„Er riskiert, seinen Namen für immer zu beschmutzen, und das weiß er. (…) Die europäische Öffentlichkeit kann diesen unterwürfigen Ton nicht nachvollziehen. Keiner von uns mag es, wenn er ihn ‘Daddy’ nennt.“*
Aus Sicht des erfahrenen Diplomaten durchlebt die NATO derzeit einen historischen Wandel, der von einem neuen, raueren Ton zwischen den Verbündeten geprägt sei. „Es gab schon immer Beschwerden über die Europäer. Ich weiß das, weil ich dabei war“, so Minuto-Rizzo. „Aber der Charakter dieser Beschwerden war im Wesentlichen freundschaftlich.“ Die gegenwärtige Feindseligkeit des Weißen Hauses gegenüber Europa führt er größtenteils auf den Einfluss der „MAGA“-Bewegung zurück.
Gleichzeitig betonte Minuto-Rizzo, dass ein vollständiger US-Rückzug aus Europa nie ernsthaft zur Debatte gestanden habe: „Das Engagement der USA für Europa hat nie nachgelassen. Obama war den Europäern gegenüber nicht aggressiv, und Biden war, könnte man sagen, fast europäischer als wir.“
Als positives Signal wertete er das jüngste nicht-öffentliche Treffen zwischen Rutte und Trump. Bei öffentlichen Auftritten im Oval Office habe Trump gegenüber ausländischen Staatschefs schon oft „verbale Seitenhiebe“ verteilt. Durch das geschlossene Setting sei diese „Versuchung“ diesmals vermieden worden.
Dennoch bleibe das Verhältnis zwischen den europäischen und amerikanischen NATO-Partnern angespannt. Der Weg bis zum Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs im Juli werde für Rutte kein leichter sein, so Minuto-Rizzo, denn „die USA haben viel Frust über ihre europäischen Verbündeten zu äußern, und in Ankara kann dies die Gespräche beeinflussen“. Gerade in einer unsicheren Weltlage müsse die bewährte Allianz jedoch erhalten bleiben:
> *„In einer zersplitterten und zunehmend gefährlichen Welt ist die Existenz einer bewährten Organisation wie der NATO ein Stabilitätsfaktor, und es liegt in unserem Interesse, dass dies so bleibt.“*
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